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Veröffentlicht: 09.09.2013, 11:13 Uhr

Saisonstart der Frankfurter Galerien Lasst uns in Farbmeeren schwimmen

Von Lolita und feinen Linien: Das vielseitige Herbstprogramm der Frankfurter Galerien reicht von Ölmalerei bis zu digitaler Kunst, von den Nibelungen bis zur Welternährungspolitik.

von Anne Kohlick

Das rothaarige Mädchen schaut etwas nachdenklich. Sie trägt ein grün gemustertes Bikinioberteil, einen weißen Schlüpfer und hellblaue Schuhe. Ist sie ein Kind? Die beiden Puppen - eine hält sie auf dem Schoß, die andere sitzt neben ihr auf dem Sofa - lassen es vermuten. Andererseits hat die Figur auf Helen Verhoevens Gemälde „The Waiting 4“ etwas Lolitahaftes an sich, eine erotische Ausstrahlung geht von ihr aus. Verhoeven, geboren 1974 in Leiden, stellt zum ersten Mal bei Parisa Kind aus. Die Galerie im Süden Frankfurts zeigt acht neue Gemälde der in Berlin lebenden Künstlerin: die Serie „The Waiting“. Waren Verhoevens frühere Arbeiten vielfigurige Querformate von monumentaler Größe, sind die neuen Werke intimer. Meist ist nur eine Person zu sehen.

Verhoevens Heldinnen sind Kinder, Mädchen, Frauen - man weiß nicht, wie man sie bezeichnen soll, weil sie nicht eindeutig zuzuordnen sind - die sich in angedeuteten Interieurs aufhalten. Orientalisch gemusterte Teppiche sind zu sehen, Stühle, Nachttischlampen, Betten. Manche Motive erinnern an klassische Porträts, andere Bilder haben etwas Beunruhigendes an sich, wie „The Waiting 6“. Direkt unterhalb eines ängstlichen Mädchengesichts beginnt eine schwarze Masse aus dicht aneinandergesetzten, expressiven Pinselstrichen. Sie verhüllen den Körper der Figur. Ist diese Verhüllung durch die Künstlerin als Schutzgeste zu verstehen? Will sie das Mädchen den Blicken des Betrachters mit Hilfe dunkler Farbe entziehen? Folgt man dem Titel der Serie, befinden sich Verhoevens Figuren in einem Zwischenzustand: Worauf aber warten sie? Ist es das Erwachsenwerden? Der erste Sex? Verhoeven schafft eine rätselhafte Stimmung, die viele Fragen aufwirft, klare Antworten aber verwehrt. (Bis zum 19. Oktober. Preise zwischen 5500 und 13.000 Euro.)

In Welten digitaler Natur entführt der Spanier Joan Leandre in der DAM Gallery. 3D-Animationen aus seiner „Polar Window“-Serie, begonnen 2009, haben in der Galerie von Wolf Lieser Premiere. Erst im Februar hat Lieser, der sich auf digitale Kunst spezialisiert hat, eine Dependance im Frankfurter Bahnhofsviertel eröffnet. Sein Stammsitz befindet sich seit 2003 in Berlin. Mit Leandre, der sich selbst als „künstlerischen Medien-Übersetzer“ bezeichnet, arbeitet Lieser seit 2010 zusammen.

In seinen Werken verändert der aus Barcelona stammende Künstler den Programmcode von vorgefundenen 3D-Animationen, etwa aus Computerspielen, und baut ihn um zu digitalen Räumen, die der Leandreschen Logik gehorchen. Die Schwerkraft ist außer Kraft gesetzt, alles schwebt und dreht sich. Wie im Traum wechseln die Orte sich ab; eine narrative Struktur gibt es nicht. Immer wieder tauchen Elemente auf, die der Betrachter aus der Wirklichkeit kennt: das Modell eines Flugzeugträgers, das gerahmte Foto eines Berggipfels, nur um dann wieder zu verschwinden oder sich auf absurde Weise zu bewegen. Gebannt beobachtet man diese fremde Welt, deren Regeln sich nicht erschließen: „the circle of transfiguration is infinite“, schreibt Leandre auf seiner Website. (Bis zum 26. Oktober. Die rund fünfzehn Minuten langen Animationen sind Unikate und kosten je 8000 Euro.)

Um Unendlichkeit geht es auch Lucie Beppler in ihren abstrakten Zeichnungen. Bei Bischoff Projects an der Hanauer Landstraße zeigt sie Arbeiten aus den vergangenen Jahren, die alle dem gleichen Konzept folgen: Feine Linien, mit dem Bleistift gezeichnet oder mit der Gravurnadel geritzt, überlappen sich und formen Netze, die sich scheinbar in die Tiefe staffeln. Immer wieder trägt die Künstlerin neue Farbschichten auf, in die sie wiederum hineinritzt oder auf ihnen zeichnet. Es gelingt ihr, einen Raum hinter dem zweidimensionalen Grund zu suggerieren. Die Blätter zeigen, wie viele Varianten Beppler findet: Manche Strukturen erinnern an zerknülltes Papier, das wieder glatt gestrichen wurde, andere an elektrische Ladungen, die in Wolken hin und her zucken. Organisch-gekrümmte Linien stehen wissenschaftlich-exakt anmutenden Geraden gegenüber. Der aufmerksame, geduldige Blick entdeckt in Bepplers Werken Grenzenlosigkeit linearer Formationen. (Bis zum 2. November. Preise zwischen 2500 und 6000 Euro.)

Im selben Gebäude stellt auch Martina Detterer ihre Künstler aus. In die Saison startet sie mit neuen Arbeiten von Via Lewandowsky. Der Dresdener Künstler hat im römischen Sitz der Welternährungsorganisation FAO Fotos von menschenleeren Konferenzsälen und Fluren gemacht. Humorvoll ergänzt werden die kühlen Innenräume von der kinetischen Skulptur „Contenance“, die immer wieder neue Positionen einnimmt und dabei ausgesprochen ungeschickt wirkt. (Bis zum 19. Oktober. Preise von 1200 bis 21.000 Euro.)

Im Zentrum wartet Barbara Grässlin mit „Teichbildern“ von Herbert Brandl auf. Die schimmernden Wasseroberflächen, durchbrochen von Seerosen, lassen an Monets späte Gemälde denken. Brandl treibt die Abstraktion aber noch ein Stück weiter, bis hin zu monochromen Farbmeeren in Magenta. (Bis 12. Oktober. Preise von 36.000 bis 80.000 Euro.)

Abends lohnt es sich, bei Jacky Strenz an der Schönen Aussicht vorbeizuschauen. Erst im Dunkeln kommt der hinterleuchtete, wandfüllende Scherenschnitt „Grane“ von Lin May ganz zur Geltung. Er zeigt eine Szene aus den Nibelungen, in der Brunhild sich und das Pferd Grane in den Scheiterhaufen stürzt, auf dem Siegfried brennt. Die mit buntem Lampionpapier hinterklebten Einzelformen hat May in schwarze Estrichpappe hineingeschnitten. (Bis zum 26. Oktober. Preise von 4000 bis 12.000 Euro.)

Zum Abschluss des Rundgangs lohnt die Rückkehr in den Süden Frankfurts. Die Luxemburger Künstlerin Tina Gillen zeigt bei hanfweihnacht unter dem Titel „Rain or Shine“ neue Acrylgemälde. Die vielschichtigen Arbeiten basieren auf Fotos, die Gillen abstrahiert: Sie zeigt Landschaften, in die man durch Hindernisse, zerbrochene Glasscheiben etwa, blickt. Durch diesen Umweg lenkt die Künstlerin die Aufmerksamkeit auf das Sehen, auf den Wahrnehmungsvorgang selbst. (Bis zum 18. Oktober. 2800 bis 17.000 Euro.)

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Quelle: F.A.Z.

 

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