Sie stürzen und sie prügeln sich, fliegen hoch, brechen zusammen. Seltsame Dinge geschehen hier mit den jungen Männern in schmalen Anzügen vor New Yorks Skyline. Auch hübsche Frauen sind einige dabei, im kleinen Schwarzen auf Highheels, ebenfalls verrenkt und wie fremdgesteuert. Dass der Boden unter ihrem Aktionsradius sorgfältig mit Pappe belegt ist, zeigt jedoch: Hier wird inszeniert; Fallende sollen nicht mit dem edlen Dress im Schmutz landen und wer sich tot stellt, muss nicht auf kaltem Beton liegen.
Mehr als dreißig Jahre sind die Aufnahmen alt, fast genauso lange hat ihr Fotograf, Robert Longo, sie nicht gezeigt. Sie dienten dem 1953 geborenen amerikanischen Künstler nämlich nur als Vorlagen für riesige Kohlezeichnungen, mit denen er in den Achtziger Jahren berühmt wurde: „Men in the Cities“, eine Folge mehr als zwei Meter hoher Blätter, schuf er nach diesen Fotos; dass er die Figuren dabei auf dem weißen Papiergrund „freistellte“, die Pappen am Boden fortließ und auch sonst jeglichen Hinweis auf die Umgebung, machte die Körperbilder außerordentlich rätselhaft.
Was brachte Longo auf die Idee zu den Darstellungen von unglaubliche r Dynamik, und was steckt hinter den unsichtbaren Kräften, die sich der Protagonisten bemächtigen? Die Urszene war ein Still aus Fassbinders Film „Der amerikanischer Soldat“ (1970), erzählt Robert Longo im Interview. Am Schluss werden zwei Gangster erschossen, einer reißt im Fallen den Arm hoch, den anderen biegt der Treffer weit hintenüber, während gleichzeitig seine Hand zur Wunde am Rücken greift. Den Künstler faszinierte diese Choreographie des Todes, das Gemisch aus Brutalität und Anmut, und er isoliert den Gebogenen für ein erstes Triptychon, „Men trapped in Ice“ .
Es zeigt verzweifelt um Befreiung kämpfende Männer, deren Füße wie im Grund festgefroren sind, eine Szene, die der Künstler geträumt hatte. Es geht nicht nur um den Tod: „Psychotische Impulse wie die Gesten der ,Men in the Cities’“, so Longo, „haben viel mit unserer Zeit zu tun, dieses Hineinschleudern ins Jetzt.“ Die Fotos entstehen auf dem Dach seines Lofts in der South Street, das Longo damals mit Cindy Sherman nutzte. Sie und andere Freunde gaben die Models. Darunter der Schauspieler Eric Bogosian oder heute berühmte Galeristen wie Brooke Alexander, Jeffrey Deitch und Larry Gagosian, alle miteinander jung und mit viel Spaß bei der Sache rockten, sprangen, hüpften und tot umfallen spielten.
Manchmal bewarf Longo sie mit Gegenständen, um Geschosse zu simulieren. Der Moment des Aufpralls, des zuckend und fast unkontrollierten Reagierens des getroffenen Körpers gab die besten Shots. Mit Frauen war es schwieriger, es fiel ihnen schwerer, Gewalt ausdrücken. Sie sahen Longo zu sehr nach Opfern aus - bis er auf die Künstlerin und seine spätere Partnerin Gretchen Bender traf, die zum wahren Archetyp der Serie werden sollte. Im Vorwort des Buches „Men in the Cities“, in dem Schirmer/Mosel die Aufnahmen veröffentlichte, schreibt Cindy Sherman über Longo: „Die Fotos waren Mittel zum Zweck. Ich glaube, er hat gar nicht wahrgenommen wie gut sie für sich genommen waren.“
Jetzt gibt Schirmer/Mosel gemeinsam mit Metro Pictures, New York, eine Auswahl der Aufnahmen heraus und zeigt sie in München. Die Mappe (Auflage 20 plus 5) enthält fünfzehn Giclée-Prints von Fotos, die 1980 aufgenommen und 2012 auf Premium Gloss abgezogen wurden. Sie kostet 80.000 Euro. Einzelprints kosten 6000, Triptychen 15.000 Euro. Außerdem sind Schwarzweißfotografien von 1976 bis 1979 ausgestellt (Abzug 2009). Sie kosten je 7200 Euro.