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Ost-West-Arbeitsfotografie : Schnappschützen im Systemwettstreit

Gegensätzliche Blicke auf die Arbeit: Wie Fotografen der Bundesrepublik und der DDR den werktätigen Alltag sahen.

          Während der große Konflikt zweier Gesellschaftssysteme ausgetragen wurde, der zwischen 1989 und 1991 sein Ende fand, machten sich die beiden verfeindeten Welten sehr unterschiedliche Bilder vom werktätigen Alltag. Nirgends war die Differenz deutlicher als entlang der geographischen Grenze.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Im Osten fotografierte man in der Fabrik Menschen, die nicht nur Wecker und Konserven, sondern einen neuen Staat herstellen sollten. Dabei war man, egal, welchen Produktionszweig man ablichtete, immer für dieselbe Firma tätig: eine Regierung, die in derlei Bildern Werbemittel sowohl für Produkte wie für Politik sah (beides fiel unters staatliche Außenhandelsmonopol).

          Im Westen dagegen fotografierten Leute wie Ludwig Windstosser, Willi Klar und andere für gewerkschaftseigene wie bürgerliche Medien tätige Dokumentaristen im Nähmaschinenhangar oder am Hochofen moderne Arbeitnehmer als Sozialpartner, die auf der Basis von Flächentarifverträgen das Bruttosozialprodukt eines Wirtschaftswunderlandes mehrten.

          Der westliche und der östliche Vormund

          Die Sowjetunion hatte bis 1949 wichtige deutsche Industrieanlagen zerlegen und aufs eigene Gebiet schaffen lassen; die Vereinigten Staaten von Amerika dagegen hatten Marshallplangelder überwiesen, um ihren deutschen Einflussbereich zum Schaufenster des Westens herzurichten. Das lag nicht nur, wie man häufig hört, an der Gutmütigkeit des westlichen und der Bosheit des östlichen Vormunds. Hitlers Armeen hatten auf sowjetischem Territorium einen Vernichtungskrieg geführt, der vor Produktionsstätten so wenig haltmachte wie vor Zivilisten, während in Nordamerika zur selben Zeit kein deutscher Viehdieb unterwegs war, der auch nur einem einzigen unaufmerksamen Cowboy die Lieblingskuh geklaut hätte.

          In den siebziger Jahren versuchten in Westdeutschland linke Lichtbildenthusiasten unter dem Gruppen- und Zeitschriftennamen „Arbeiterfotografie“ an Traditionen aus der Weimarer Republik anzuknüpfen. Reste und Archive der kleinen Schar, die zeigen wollte, was Lohnarbeit ist, gibt es noch heute (www.galerie-arbeiterfotografie.de). Eine Weile stand jene „Arbeiterfotografie“ der DKP nahe, die man einer netten Legende nach hatte gründen dürfen, weil Breschnew beim Besäufnis mit Willy Brandt zur Feier der Ratifizierung der Ostverträge auf ein paar seit dem KPD-Verbot offiziell organisatorisch heimatlose westdeutsche Kommunisten einen Trinkspruch ausgegeben hatte.

          Die Werktätigenfotografie der Zukunft

          Die Broschüren zur Leipziger Messe zeigten damals gerade das humane Ostfließband; die Zeitschrift der IG Metall zeigte sozialliberales westliches Selbstbewusstsein. Die Zeiten sind vorbei. In den neuen Bundesländern gibt es keine Betriebskampfgruppen mehr; in den alten haben die Flächentarifverträge Karies.

          Werktätigenfotografie? Die Langzeitarbeitslose der nahen Zukunft knipst, wenn die nächste rotgrüne Regierung dafür aufkommt, mit ihrem Sozial-Smartphone die Singlehaushalt-Kuschelkatze beim Nickerchen auf dem Hartz-IV-Bescheid.

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