Home
http://www.faz.net/-gyz-7beip
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Ost-West-Arbeitsfotografie Schnappschützen im Systemwettstreit

Gegensätzliche Blicke auf die Arbeit: Wie Fotografen der Bundesrepublik und der DDR den werktätigen Alltag sahen.

© Galerie Thomas Fischer Am 27. Mai 1975 besuchte Reinhard Mende den Betrieb Beleuchtungsglas im sächsischen Coswig.

Während der große Konflikt zweier Gesellschaftssysteme ausgetragen wurde, der zwischen 1989 und 1991 sein Ende fand, machten sich die beiden verfeindeten Welten sehr unterschiedliche Bilder vom werktätigen Alltag. Nirgends war die Differenz deutlicher als entlang der geographischen Grenze.

Dietmar Dath Folgen:

Im Osten fotografierte man in der Fabrik Menschen, die nicht nur Wecker und Konserven, sondern einen neuen Staat herstellen sollten. Dabei war man, egal, welchen Produktionszweig man ablichtete, immer für dieselbe Firma tätig: eine Regierung, die in derlei Bildern Werbemittel sowohl für Produkte wie für Politik sah (beides fiel unters staatliche Außenhandelsmonopol).

Im Westen dagegen fotografierten Leute wie Ludwig Windstosser, Willi Klar und andere für gewerkschaftseigene wie bürgerliche Medien tätige Dokumentaristen im Nähmaschinenhangar oder am Hochofen moderne Arbeitnehmer als Sozialpartner, die auf der Basis von Flächentarifverträgen das Bruttosozialprodukt eines Wirtschaftswunderlandes mehrten.

25241765 © Galerie Thomas Fischer Vergrößern Ein Licht geht auf: Der Berliner Betrieb Narva stellte Glühlampen her. Reinhard Mendes Foto dieser jungen Frau entstand am 28. September 1973.

Der westliche und der östliche Vormund

Die Sowjetunion hatte bis 1949 wichtige deutsche Industrieanlagen zerlegen und aufs eigene Gebiet schaffen lassen; die Vereinigten Staaten von Amerika dagegen hatten Marshallplangelder überwiesen, um ihren deutschen Einflussbereich zum Schaufenster des Westens herzurichten. Das lag nicht nur, wie man häufig hört, an der Gutmütigkeit des westlichen und der Bosheit des östlichen Vormunds. Hitlers Armeen hatten auf sowjetischem Territorium einen Vernichtungskrieg geführt, der vor Produktionsstätten so wenig haltmachte wie vor Zivilisten, während in Nordamerika zur selben Zeit kein deutscher Viehdieb unterwegs war, der auch nur einem einzigen unaufmerksamen Cowboy die Lieblingskuh geklaut hätte.

In den siebziger Jahren versuchten in Westdeutschland linke Lichtbildenthusiasten unter dem Gruppen- und Zeitschriftennamen „Arbeiterfotografie“ an Traditionen aus der Weimarer Republik anzuknüpfen. Reste und Archive der kleinen Schar, die zeigen wollte, was Lohnarbeit ist, gibt es noch heute (www.galerie-arbeiterfotografie.de). Eine Weile stand jene „Arbeiterfotografie“ der DKP nahe, die man einer netten Legende nach hatte gründen dürfen, weil Breschnew beim Besäufnis mit Willy Brandt zur Feier der Ratifizierung der Ostverträge auf ein paar seit dem KPD-Verbot offiziell organisatorisch heimatlose westdeutsche Kommunisten einen Trinkspruch ausgegeben hatte.

Die Werktätigenfotografie der Zukunft

Die Broschüren zur Leipziger Messe zeigten damals gerade das humane Ostfließband; die Zeitschrift der IG Metall zeigte sozialliberales westliches Selbstbewusstsein. Die Zeiten sind vorbei. In den neuen Bundesländern gibt es keine Betriebskampfgruppen mehr; in den alten haben die Flächentarifverträge Karies.

Werktätigenfotografie? Die Langzeitarbeitslose der nahen Zukunft knipst, wenn die nächste rotgrüne Regierung dafür aufkommt, mit ihrem Sozial-Smartphone die Singlehaushalt-Kuschelkatze beim Nickerchen auf dem Hartz-IV-Bescheid.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.S.

 
()
Permalink

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Rechtsextreme in der DDR Deutschland den Deutschen

Erich Honecker gab sich überzeugt: Der Fremdenhass liegt sehr stark in der deutschen Mentalität. Bei uns in der DDR ist das überwunden. Eigentlich wusste er es besser. Mehr Von Jochen Staadt

31.08.2015, 11:23 Uhr | Politik
Egon Bahr Der Architekt der Ostverträge

Für Kanzler Willy Brandt und seinen Unterhändler Egon Bahr waren sie eine Herzensangelegenheit, für viele Deutsche Vaterlandsverrat - die Ostverträge. Die Vereinbarung zwischen der Bundesrepublik, der Sowjetunion und Polen regelte die Unverletzbarkeit der Grenzen. Durch die Ostverträge bekam der eiserne Vorhang erste Löcher.                                Mehr

20.08.2015, 09:42 Uhr | Aktuell
Weniger verkaufte Kameras Wohin entwickelt sich die Fotografie?

Immer mehr Bilder, aber immer weniger verkaufte Kameras. Das bereitet der Fotoindustrie Sorgen. Wie wehrt sie sich am besten gegen die Konkurrenz der smarten Mobilgeräte? Mehr Von Hans-Heinrich Pardey

31.08.2015, 09:17 Uhr | Technik-Motor
Preis der Leipziger Buchmesse Stimmen der Jury

F.A.Z.-Redakteurin Sandra Kegel über die Bedeutung des Leipziger Buchpreises und neuen Trends in der Belletristik. Mehr

12.03.2015, 16:26 Uhr | Feuilleton
Waldbrände in Kalifornien Der Dunst reicht bis zur Stratosphäre

Westlich der Rocky Mountains brennen die Wälder: Mittlerweile wüten in mehr als sieben Bundesstaaten verheerende Feuer. Wegen schönen Wetters könnte es sogar noch schlimmer werden. Mehr Von Horst Rademacher, San Francisco

25.08.2015, 10:10 Uhr | Gesellschaft

Veröffentlicht: 22.07.2013, 12:59 Uhr

Schuld und Flüchtlinge

Von Klaus-Dieter Frankenberger

Auch wenn die Regierung Cameron nun ein paar tausend syrische Flüchtlinge aufnehmen will. Eine gemeinsame Strategie hat die EU damit noch nicht. Mehr 37