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Veröffentlicht: 21.02.2013, 20:30 Uhr

Nomaden-Galerie in Berlin Ohne festen Wohnsitz

Pop-Up-Galerie: Zwei Frauen aus Berlin haben eine Galerie gegründet, die bloß als geistiges Gebäude existiert. Sie zeigen Kunst an temporären Orten und nutzen dabei Häuser, die vor der Sanierung stehen.

von Verena Straub

All Palaces are Temporary Palaces“ - so lautet die riesige Leuchtschrift, die derzeit über dem „C/O Berlin“ in Mitte thront. Der Auszug des Ausstellungshauses für Fotografie aus dem kaiserlichen Postfuhramt steht in ein paar Wochen an, denn Investoren warten schon, um das Gebäude zu sanieren. Noch vor wenigen Monaten musste man um die Bleibe des renommierten Fotografiezentrums zittern, und erst nach langem, nervenaufreibendem Hin und Her konnte eine neue Heimat im Charlottenburger Amerikahaus gefunden werden. Was tun, wenn ein Ausstellungshaus obdachlos wird? Der simple Lichtslogan des britischen Künstlers Robert Montgomery hat neben aller Abschiedsmelancholie auch einen ironischen, bitteren Beigeschmack bekommen.

Räumliches Provisorium geht aber auch anders. Die Erkenntnis, dass alle Ausstellungsräume temporär sind, hat die Galeristin Anna Jill Lüpertz seit einem Jahr erfolgreich zu ihrem Konzept gemacht. Die Montgomery-Installation über den Dächern des Postfuhramtes hat sie in Kollaboration mit C/O Berlin und den Neuen Berliner Räumen realisiert - und sich dabei insgeheim ein eigenes Denkmal gesetzt. Statt erzwungener Obdachlosigkeit wählte Anna Jill Lüpertz mit ihrer Galerie AJLart den Weg ins Nomadendasein selbst - und zwar ganz freiwillig. Seit letztem Jahr zeigt sie zusammen mit Sophie Weiser (Direktorin, Leiterin für Kommunikation) die Kunst an ständig wechselnden Orten: „Die Idee zu den Wechselräumen ist uns gekommen, weil wir uns durch die räumlichen Möglichkeiten nicht limitieren lassen wollen“, sagt sie.

Ohne festen Wohnsitz

„AJLart ist eine Galerie, die nicht physisch vorhanden ist, sondern als geistiges Gebäude existiert. Und in diesem Gebäude gibt es viele, ganz reale Räume.“ Allein im vergangenen Jahr zeigte die Nomadengalerie dreißig Ausstellungen an dreißig verschiedenen Orten, teilweise liefen bis zu drei Präsentationen parallel. Ein schwindelerregender Wanderzirkus der Kunst. Und wieso das alles? „Jede Ausstellung soll den bestmöglichen, interessantesten Raum bekommen“, so Lüpertz: „Das muss nicht immer der schönste Raum sein. Das kann ein Raum sein, der eine gewisse Spannung evoziert, der eine bestimmte Frage aufwirft. Vor allem muss es aber ein Ort sein, der der Kunst den Raum gibt, den sie braucht.“ Wie fliegende Händler ziehen die Galeristinnen mit ihren Ausstellungen von geschichtsträchtigen Herrenhäusern in abgerockte Hinterhauswohnungen weiter zu DDR-Garagen oder unfertigen Luxussanierungen.

Ein Beispiel ist das Gutschow-Haus in der Friedrichstraße, das von 1910 für viele Jahrzehnte als Mekka der Zauberei galt, in dem der berühmte Magier Conradi Horster sogar für Kaiser Wilhelm II. zauberte. Hundert Jahre und mehrere Schichten Graffiti später verwandelten Lüpertz und Weiser die stuckverzierte Apartmentruine in eine Pop-Up-Galerie. Über dem wilden Linienteppich aus schwarzer Lackfarbe leuchtete die sterile Neonschrift von Pietro Sanguineti. Die Kunst war nach sechs Tagen auch schon wieder verschwunden.

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