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Nachruf Die Grande Dame der Abstraktion

 ·  Sie gilt als die Päpstin der Op-Art, der Kinetik und der konkreten Kunst: Zum Tod der berühmten Galeristin Denise René.

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© AFP Denise René (1913 – 2012)

Für eine bestimmte Klientel des Kunstbetriebs war die „galerie denise rené - rive gauche“ in Paris nichts weniger als ein Tempel. Hier wurde eine Kunst ausgestellt, die im konservativen französischen Milieu nicht besonders geschätzt war. Hatte Piet Mondrian nicht dreißig Jahre an der Seine gelebt und gearbeitet, und niemand hatte von ihm Notiz genommen? Denise René widmete dem holländischen Pionier der konkreten Kunst bereits 1957 eine Einzelausstellung.

Schon 1955 hatte sie mit der Ausstellung „Le Mouvement“ weltweit Aufsehen erregt. In der Galerie drehte sich alles, und Lichtreflexe erhellten die Straße: Die kinetische Kunst war endgültig etabliert, und fortan galt die Galeristin als die Päpstin nicht nur der Abstraktion, sondern der Op-Art, der Kinetik und der konkreten Kunst. Der Legende nach hatte Victor Vasarely sie 1939 im „Café de Flore“ kennengelernt und ihr die Idee vermittelt, eine Galerie für die Avantgarde aufzumachen: Mag sein, dass die gemeinsame Nationalität (Denise René war die Tochter ungarischer Einwanderer, ihr Mädchenname war Bleibtreu) dabei eine Rolle spielte.

Internationalität als Markenzeichen

Die temperamentvolle Denise stürzte sich nach den Jahren der deutschen Besatzung in den Kunstbetrieb, ohne auf französische Vorurteile Rücksicht zu nehmen. Gegen die École de Paris setzte sie nicht nur die konkrete Kunst und die Kinetik durch, sondern sie knüpfte von Anfang an internationale Kontakte und stellte Künstler der Avantgarde aus, die in Paris nie gezeigt worden waren: neben Mondrian auch den Russen Malewitsch oder den Ungarn Kasak.

Ihre Treue zu den Künstlern war ebenso legendär wie ihre Galeriefeste und Eröffnungen. Dort traf sich die Avantgarde der ersten Hälfte des Jahrhunderts, und die jüngere Generation holte sich bei Denise René das ästhetische Rüstzeug für die eigene Karriere. Bei ihr früh eine Einzelausstellung zu bekommen - wie etwa Heinz Mack schon in den sechziger Jahren - galt als Nobilitierung; die Internationalität war eines ihrer Markenzeichen. Als noch niemand daran dachte, auch die Künstler aus dem Osten zu zeigen, machte sie sich auf nach Polen oder Ungarn und suchte nicht nur nach den vergessenen und verdammten Künstlern der frühen Avantgarde, sondern nach den im Verborgenen arbeitenden Jungen. Als das Centre Pompidou 2001 die Galeristin mit einer ungewöhnlichen Ausstellung ehrte, gab man der Schau den Titel „Das Abenteuer der abstrakten Kunst“, als wunderten sich die Franzosen immer noch darüber, dass ausgerechnet in Paris ein solches weltweit beachtetes Zentrum gedeihen konnte.

Der Erfolg schlug sich auch materiell nieder, und Denise René expandierte nach Amerika und Deutschland. In Düsseldorf ging sie mit Hans Mayer eine Kooperation ein und etablierte sich damit auf einem Markt, der sehr viel aufgeschlossener für die von ihr vertretene Richtung war. Wer je die kleine Dame mit den großen Augen erleben durfte, war nicht nur von ihrem Charme bezaubert, sondern von ihrer Durchsetzungskraft, mit der sie vertrat, was sie für richtig hielt.

So wurde sie langsam zu einer Legende, aus einer Zeit übriggeblieben, als der Kunstmarkt noch nicht vollkommen durchmaterialisiert war und eine Galerie noch fast wie ein Museum funktionierte. Mit 99 Jahren ist Denise René, einen Monat nach ihrem Geburtstag, am 9. Juli in Paris gestorben. Der Kunstbetrieb verliert mit ihr einen der letzten Repräsentanten einer ganz anderen Art des Handels.

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