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Man Ray als Modefotograf : Im modernen Licht, das zeitlose Gesicht

  • -Aktualisiert am

Überraschende Perspektiven: Eine Ausstellung in Frankfurt widmet sich den Frauen und Modellen im Werk des amerikanischen Dadaisten und Surrealisten. Leider sind fast alle Aufnahmen Neuabzüge. 

          Es war ein kalter Tag im Dezember des Jahres 1921. Der Maler, Objektkünstler und Fotograf Man Ray, der erst ein halbes Jahr zuvor von New York nach Paris gezogen war, stand fröstelnd in den unbeheizten Räumen der Galerie Librairie Six in der Nähe des Invalidendoms. Hier wurden, zum ersten Mal in Europa, mehr als dreißig seiner Arbeiten gezeigt. In der Broschüre der Ausstellung hieß es damals, ganz in Dada-Manier: Man Ray sei vom Kohlehändler zum Millionär und Präsidenten eines Kaugummikartells aufgestiegen und schließlich in Paris gelandet. Initiiert worden war die Ausstellung unter anderen von André Breton und Philippe Soupault.

          Ein auffallender älterer Herr mit weißem Bart, schwarzer Melone und Regenschirm, der durch die Ausstellungsräume schlenderte, sprach den frierenden jungen Künstler an, und die beiden verließen die Galerie, um sich an der nächsten Straßenecke in einem Café aufzuwärmen. Dort tranken sie einen Grog nach dem anderen und verstanden sich prächtig. Der ältere Herr hieß Erik Satie. Auf dem Rückweg entdeckten die beiden ein Haushaltswarengeschäft. Man Ray, der noch kaum Französisch sprach, ließ sich von Satie ein Bügeleisen, eine Schachtel Nägel und eine Klebstofftube ordern. Dann bastelte er sein erstes dadaistisches Readymade in Paris: Er klebte die Nägel in einer Reihe auf die Unterseite des Bügeleisens und gab der Arbeit den beziehungsreichen Titel „Le Cadeau“ (Das Geschenk). Das Werk wurde den Exponaten der Galerie hinzugefügt - und verschwand noch am selben Tag. Aufgetaucht ist es nicht mehr.

          Zu sehen und zu erwerben ist das Objekt jetzt in der Kunsthandlung „Die Galerie“ in Frankfurt: immerhin als autorisierter, limitierter und signierter Nachbau (12.800 Euro) zusammen mit einigen weiteren Readymades (zwischen 38.000 und 80.000 Euro) und mehr als 140 anderen Werken von Man Ray, Zeichnungen, Malereien, Druckgrafik und vor allem Fotografien.

          Man Ray hat sich zeit seines Lebens mit schönen Frauen umgeben. Und so zeigen die meisten Fotos genau das. Der Schwerpunkt der ausgestellten Werke liegt also weniger auf Man Rays innovativen fotografischen Arbeiten, wie etwa den Rayographien (fotografische Bilder ohne Kamera), von denen hier nur wenige angeboten werden, sondern eher auf den klassischen Motiven: Porträts, Modeaufnahmen und Akte, einige davon ganz Man-Ray-typisch mit Verfremdungseffekten wie der Solarisation, einer Überbelichtung, die das Bild nicht weiß überstrahlt, sondern partiell abdunkelt. Alle der verkäuflichen Fotografien in Frankfurt sind neue autorisierte Abzüge von Originalnegativen aus den siebziger und achtziger Jahren in sehr verschieden großen Auflagen zwischen drei und hundert Exemplaren.

          Ein Raum ist der Modefotografie gewidmet, Man Ray arbeitete seit den zwanziger Jahren als Fotograf für „Harper’s Bazaar“ und die „Vogue“. Überraschend in der Perspektive - und den Blick des Betrachters unausweichlich auf das entscheidende Detail zwingend - ist das hochformatige Bild einer Frau, die ihre Beine fast senkrecht in die Luft streckt. An einem Bein, nur an einem, trägt sie einen transparenten Strumpf mit Band (21.500 Euro). Oder die Reihe „La Mode au Congo“, zehn Bilder, auf denen Man Ray seine Modelle mit kongolesischem Kopfschmuck versehen hat. Hier findet man auch ein Foto, das schon Ikone ist: „Noire et Blanche“ von 1926. Man Rays Geliebte und Muse zu dieser Zeit, die legendäre Kiki de Montparnasse, hat ihren Kopf mit geschlossenen Augen seitlich auf einen Tisch gelegt, mit ihrer linken Hand stützt sie eine glänzend schwarz polierte afrikanische Maske (30.000 Euro).

          Im Treppenhaus der Galerie hängen 26 Aufnahmen aus der in den dreißiger Jahren entstandenen Serie „femmes“ (je 12.500 Euro). Darunter beispielsweise ein Akt der Künstlerin Meret Oppenheim, die, leicht von unten fotografiert, an ein Kissen gelehnt im Bett liegt und mit gesenkten Lidern den Blick auf ein aufgeschlagenes Buch in ihren Händen gerichtet hat. Im Obergeschoss der Frankfurter Villa sind zwei Wände dicht behängt mit fünfzig Bildern aus den Jahren 1941 bis 1954, die alle Man Rays zweite Ehefrau, Juliet Browner, zeigen. Leider alles Reproduktionen. Ein einziges Juliet-Bild, immerhin das schönste, liegt als Original vor (22.000 Euro). Alle 51 Aufnahmen sind in einer auf 1000 Exemplare limitierte Künstlermappe mit hochwertigen Reproduktionen für 300 Euro zu haben.

          Wer auch Männer sehen will, der muss sich im Eingangsbereich der Galerie umschauen. Dort sind künstlerische und intellektuelle Größen der Pariser Bohème der zwanziger und dreißiger Jahre versammelt: Marcel Duchamp und Raoul de Roussy beim Schachspielen (12.500 Euro), Joan Miró auf vier Fotos im Portfolio (53.000 Euro), ein Doppelporträt von Paul Éluard und André Breton (19.500 Euro) sowie ein Selbstporträt von Man Ray mit halbem Bart, er trägt ihn nur in der rechten Gesichtshälfte (11.000 Euro).

          Die Frankfurter Schau trägt den Titel „Man Ray Retrospektive“ - das ist ein bisschen euphemistisch, denn das ganze Lebenswerk des Künstlers wird nicht vorgeführt, es fehlt das filmische Œuvre, und von den legendären Fotogrammen werden nur einige wenige präsentiert. Aber seine Frauen und Modelle, sein künstlerisches Hauptmotiv, sind einen Besuch wert.

          Man RayMiró

          Die Ausstellung ist noch bis 1. Juni zu sehen.

          Quelle: F.A.S.

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