22.08.2007 · Eine Berliner Ausstellung ehrt den Galeristen Rudolf Springer. Sie offenbart das Lebenswerk des undogmatischen Händlers, der schon früh mit Künstlern wie Baselitz, Penck und Lüpertz arbeitete.
Von Wilfried WiegandVornehmer kann keine Ausstellung heißen, auch nicht in London, Paris oder New York. Rudolf Springer, eine lebende Legende des deutschen Kunstmarkts, wurde in der Tat 1909 geboren, und noch immer ist der Achtundneunzigjährige auf Berliner Vernissagen zu erleben. Zwar sieht man ihn seit Jahren meist im Rollstuhl sitzend, aber mit seinen neugierigen Augen und dem flinken Mundwerk wirkt er so munter wie eh und je. Springer ist ein Phänomen, und mit ihm freut sich die Berliner Kunstszene, dass Contemporary Fine Arts, eine der vitalsten jungen Hauptstadtgalerien, dem Doyen diese verdiente Huldigung ausrichtet. Neben zahlreichen Dokumenten sind Gemälde und Skulpturen, Graphiken und Zeichnungen zu sehen, aber nichts davon ist verkäuflich: „Rudolf Springer, marchand d'art, né 1909“ ist eine reine Hommage - und zugleich die noble Abschiedsveranstaltung der Galerie von ihrem bisherigen Schauplatz in den pittoresken Gipshöfen an der Sophienstraße. Noch in diesem Herbst wird Contemporary Fine Arts ihre neuen Räume in Heiner Bastians Galeriehaus an der Museumsinsel eröffnen.
Vom Versicherungsvertreter zum Galeristen
Rudolf Springer ist Spross einer gutsituierten Berliner Familie, sein Urgroßvater war Julius Springer, der Gründer des berühmten Wissenschaftsverlags. Eine Familienlinie war jüdisch, und der Ahnenschnüffelei der Nationalsozialisten entging Rudolf Springer nur durch eine geschickte Lüge. Er wurde Marinesoldat und kam durch seine Tornisterlektüre zur Kunst. Franz Lindes mittlerweile kaum noch bekanntes Werk „Kunst oder Kitsch?“ von 1934 wurde, wie er gern erzählt, „eine Art Bibel für mich“. Nach dem Krieg zog er mit seiner französischen Frau und den gemeinsamen Kindern ins Elternhaus in Berlin-Zehlendorf, und schon bald wollte er nicht länger Versicherungsvertreter sein, sondern sich als Kunsthändler versuchen.
Um den Beruf zu erlernen, gab es in Berlin nur eine Adresse: Gerd Rosen. Rosen hatte wohl als erster deutscher Kunsthändler überhaupt schon ein paar Monate nach Kriegsende eine Galerie eröffnet, wo Springer 1947 begann und die er schon 1948 leitete. Die Chance, sich selbständig zu machen, kam im selben Jahr durch die Währungsreform. Rosen hatte seine Künstler noch ein paar Tage vor der Wende in alter Währung ausbezahlt, was die Sehnsucht der Künstler nach einem Neuanfang mit der harten Währung weckte. Springer brauchte gar nichts zu investieren, Platz für seine Galerie war im Elternhaus vorhanden, und die jungen Künstler kamen von ganz allein zu ihm. So wurde Springer neben Rosen, Bremer, Franz und Schüler die fünfte Berliner Kunstgalerie - mehr gab es nicht.
Erfolg ohne Dogmatik
Die ersten Ausstellungen zeigten die Berliner Bildhauer Hans Uhlmann und Karl Hartung, die Maler Mac Zimmermann und Heinz Trökes sowie als einzigen Ausländer den Franzosen André Masson. Die unbekümmerte Koexistenz verschiedener Stilrichtungen war typisch, auch Rosen hatte die verbohrten Diskussionen um „Abstraktion oder Gegenständlichkeit?“ ignoriert. Aus heutiger Sicht waren die Galeristen fortschrittlicher als die zerstrittenen Künstler und Kritiker. Schon 1950 konnte Springer dann für drei Jahre einen Raum in der „Maison de France“ am Kurfürstendamm beziehen, er knüpfte Kontakte in Paris und machte die Berliner Kunstszene wieder international: Miró und Matta, Calder und Laurens gehörten von nun an zu seinen Künstlern, und an den neuen Adressen der Galerie, stets am Kurfürstendamm oder dicht daneben, kamen bald schon Bellmer und Max Ernst dazu. Springer hielt aber auch den jungen deutschen Künstlern die Treue, und eine hartnäckige Vorliebe bewies er für Sonderlinge und Außenseiter, von denen einige dann doch berühmt wurden, etwa der verschrobene Friedrich Schröder-Sonnenstern oder der DDR-Einzelgänger Gerhard Altenbourg, den Springer als Erster überhaupt ausgestellt hat. In den sechziger Jahren schließlich sprachen die völlig unbekannten jungen Baselitz, Penck und Lüpertz bei ihm vor - und manchmal gerieten sie an seinen Adlatus Michael Werner, der wenig später zum Star der deutschen Galeristen wurde. Bei Werner wiederum lernte Bruno Brunnet, Chef von Contemporary Fine Arts, der damit der Enkelschüler Springers ist.
Heute wohnt Rudolf Springer mit seiner vierten Ehefrau, der Malerin Christa Dichgans, nach wie vor im Haus der Eltern, wo ihm freilich nicht mehr viel gehört; denn Springers Galerietätigkeit endete vor einigen Jahren mit der Insolvenz. Um Geld sei es ihm letztlich nie gegangen, bekennt er in Angelika Margulls schönem Filmporträt, das die Ausstellung beschließt. Man glaubt es dem bekennenden Lebenskünstler aufs Wort.