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Lawrence Carroll in Köln : Poesie des Zerfalls

  • -Aktualisiert am

Der Künstler Lawrence Carroll versteht sein gesamtes Werk als ein Gemälde. Das macht aus ihm jedoch keinen Traditionalisten. Vielmehr idealisiert er die fortwährende Veränderung, wie die Einzelausstellung des Amerikaners bei Karsten Greve in Köln zeigt.

          Lawrence Carroll ist ein Romantiker aus dem radikalen Geist einer „armen“ kargen Kunst. Entscheidendes verbindet ihn mit der Arte povera: die Materialität, die prozessuale Vorgehensweise und der Raumbezug. Aber Carroll bleibt dabei ganz ein Künstler der Farbe, ein Maler. Seine Domäne sind die Nuancen, mit denen er den lichthellen Monochromien atmosphärische Stimmungen entlockt. Sie stecken voller Farbbrechungen, die je nach Beleuchtung heller oder dunkler changieren.

          Mit seinen sechsundfünfzig Jahren gehört er einer jüngeren Generation an als jene Künstler, auf die er sich bezieht und die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unsere Sehgewohnheiten revolutionierten - Rauschenberg, Jasper Johns, Tàpies, Manzoni oder Ryman. Das erlaubt ihm eine Freiheit und jenen poetischen Blick, der seine ebenso sperrige wie sensible monochrome Malerei prägt und ihr eine sehr eigene Handschrift verleiht. Carrolls „Paintings“ und Combine-Paintings sind meist kastenförmige Farbraumkörper, die die Wand strukturieren.

          „Es regnet, ist grau - es ist wunderbar“, schreibt er aus Venedig und gibt damit etwas von der dunstig verhangenen Stimmung seiner nuancenreichen monochromen Malerei wieder, die dort entsteht. Hinter seinen kleinen Werken erscheinen als weitere Schichten der Erinnerung die im Dunst aufgelösten späten Landschaften eines Turner, Monet oder die aus dem Klecks entstandenen Tintenmalereien Victor Hugos. Die Wahrnehmung bleibt im Schemenhaften. Für Carroll ist ein Werk nichts Vollendetes, sondern etwas Transitorisches: Es stelle nichts da.

          Es führe zu etwas hin. Als „Painting“ bezeichnet der Amerikaner und Wahlitaliener sein gesamtes Werk, ungeachtet ob es Bild- oder Objektcharakter hat. Dass das mehr als eine Begrifflichkeit ist, erklärt sich aus der intensiven Betrachtung: Diese Malerei erschließt sich erst, indem wir umherschreiten und sie aus wechselnden Blickrichtungen wahrnehmen. Dazu gibt jetzt eine Ausstellung bei Karsten Greve in Köln Gelegenheit, deren offener Galerieraum auf verschiedenen Ebenen immer neue Einblicke in diese gehäuseartigen, das Verborgene schützenden Werke ermöglicht.

          Ständige Korrektur, Dekonstruktion und Konstruktion

          Sie umfasst 44, meist großformatige Einzelarbeiten, deren Abfolge Carroll genau festlegte und dabei der Farbe Gelb eine leitmotivische Rolle gab. Gelb, das heißt ein atmosphärisches lichtes oder staubiges Gelb. Der Besucher nimmt den Farbton unmittelbar beim Betreten der Galerie am ersten monumentalen Kastenbild wahr. In anderen Werken taucht er nur in unteren Malschichten auf, um am Ende der Ausstellung in einer Reihe kleiner Formate geradezu triumphal in Erscheinung zu treten: Im „Calendar Painting yellow“ füllt das Gelb die gesamte Fläche der lose übereinander hängenden Leinwandblätter.

          Carrolls Paintings gewähren Einblick in einen langwierigen Entstehungsprozess. Ihnen liegt kein Konzept zugrunde. Sie entstehen als art in progress im fortwährenden Verändern. Dieser schöpferische Prozess hat etwas Radikales. Wie häufig bedingt erst Destruktion, ein Herausschneiden oder Aufbrechen des Farbkörpers den nächsten konstruktiven Schritt. Daraus bezieht diese Malerei ihre Ästhetik des Versehrten, des Verwundeten. Gestalten heißt fortwährende Korrektur, die nicht nur die Farbschichtungen betrifft - diese Mischungen aus Ölfarbe, Wachs und Acryl -, sondern auch den Farbträger, die Leinwand und das häufig kastenartige Chassis, das sie überzieht.

          Carroll bricht seine Farbraumkörper immer wieder auf, setzt sie neu zusammen, kombiniert sie mit Teilen aus anderen Werken, gibt ihnen Öffnungen, Fenster, Nischen, einige mit blinden Plexiglasscheiben verschlossen, hinter denen Objekte wie Reliquien ruhen. Sie sind voller Nahtstellen und wirken wie vernarbt, aber diese führen zu raffinierten Farbbrechungen, die die großen Flächen gliedern. Carroll gibt seinen versehrten Farbraumkörpern keine Titel. In Klammer aber erwähnt er gern, was ihre Form prägte: „Window Painting“, „Cut Painting“, „Insert Painting“ oder das, was sie atmosphärisch ausstrahlen: „Light Painting“, „Dust Painting“, „Drinking the Rain“.

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