Es gebe ältere Kunsthandlungen als Agnew’s Gallery, schrieb Geoffrey Agnew 1967 in einer zum 150.Jubiläum des Hauses veröffentlichten Firmengeschichte, doch sei in diesen Firmen kein Familienmitglied - kein Christie, kein Sotheby oder Colnaghi - mehr tätig. Nach fast zweihundert Jahren ist Agnew’s bis in die siebte Generation ein Familienunternehmen geblieben. Das mag ein Grund sein für die schwere Entscheidung, Schluss zu machen: Am 30.April schließt die Galerie, die einst mit Filialen in New York, Berlin und Manchester an der Spitze ihres Gewerbes stand und die größten internationalen Museen und Sammler zu ihren Kunden zählte. In Maastricht auf der Tefaf zeigt sie ein letztes Mal Präsenz: mit Alten Meistern über die englische Malerei bis in die durch Bridget Riley vertretene Gegenwart.
Agnew’s ist seit sieben Generationen in Familienbesitz
Bekanntlich ist der größte Vorzug von Eigentümerfamilien zugleich ihre Schwäche: die Familie. Das dürfte bei Agnew’s nicht anders sein. Der Vorsitzende Julian Agnew, Urururenkel des Firmengründers, Thomas Agnew, wird siebzig Jahre alt. Seine Tochter hat die Firma verlassen, um eine Galerie für Gegenwartskunst zu betreiben. Es gibt keinen Nachfolger, dafür aber sechzehn Teilhaber, die das in der Firma gebundene Vermögen vermutlich realisieren möchten. Verkaufsverhandlungen mit einem Verwandten scheiterten.
Die Schließung ist der letzte Schritt einer allmählichen Verkleinerung. Nach den Einbrüchen der neunziger Jahre hatte Agnew’s bereits den hinteren Teil des stolzen Quartiers in der Bond Street verkauft, dass die Firma auf dem Grundstück eines ehemaligen Kutschhofes gebaut und 1877 bezogen hatte. Vor fünf Jahren gab Agnew’s das Gebäude ganz auf und verlegte das Geschäft in die Beletage einer Liegenschaft in der benachbarten Albermarle Street. Damals sagte Julian Agnew, die Firma sei ein Betrieb, kein Museum, das Gewicht der Geschichte dürfe Entscheidungen nicht im Wege stehen. Das italienische Modehaus Etro soll 25Millionen Pfund für die Immobilie gezahlt haben, in deren holzgetäfelten Räumen historische Geschäfte wie 1906 der Verkauf von Velázquez’ „Venus vor dem Spiegel“ abgewickelt wurden, die heute in der National Gallery hängt. Hier wurde auch der erstaunliche Tauschhandel ausgeheckt, durch den die Pinakothek in München für ein vermeintliches Porträt von Grünewald, das ihm längst abgesprochen worden ist, Raffaels inzwischen in Washington befindliches Bindo-Altoviti-Porträt 1938 und zwei andere Meisterwerke preisgab. Und von hier lief der eingeheiratete Richard Kingzett 1978 die Straße hinauf zur Hirsch-Auktion bei Sotheby’s, um im Auftrag von Hermann Josef Abs den Armreif aus dem Krönungsschatz Barbarossas für die Bundesregierung zu erwerben. Mit dem Wechsel wurde dem Vormarsch der Luxusmarken im ehemaligen Zentrum des Kunsthandels Vorschub geleistet.
Die Auktionshäuser wildern auf dem Gebiet der Kunsthändler
Jetzt wie auch damals beim Auszug aus der Bond Street schreibt Julian Agnew auch die letzte Wendung in der Firmengeschichte in öffentlichen Äußerungen vor allem dem Zeitenwandel zu. Die Veränderungen auf dem Markt und in der Technologie hätten bewirkt, dass es nicht mehr notwendig sei, eine Galerie zu betrieben, außer vielleicht für eine große Handlung mit zeitgenössischer Kunst. Weder groß wie Sotheby’s und Christie’s, die Agnew’s als die Supermärkte der Kunstwelt bezeichnete, noch klein genug, sei die Firma bei den jetzigen Preisen unterkapitalisiert gewesen. Das sei „keine glückliche Lage“. Früher seien die Auktionshäuser die Grossisten gewesen und die Galerien die Einzelhändler, inzwischen aber böten die Auktionhäuser mit ihren vermehrten nicht-öffentlichen Verkäufen die Diskretion an, die einst die Domäne der Kunsthandlungen gewesen sei. Besser, dies einzugestehen, meint Agnew, als in einem „Miasma des Trübsals“ weiterzukämpfen.
Nicht alle Kunsthändler teilen den Pessimusmus
Diese Resignation hat Richard Green, Leiter eines anderen Familienbetriebs, zu heftigem Widerspruch provoziert: Er erklärte, Julian Agnew spreche nur für sich. Der Handel insgesamt stelle sich den Herausforderungen, auch wenn dies Umstellungen erfordere. Wie erkläre sich, dass die Besucher unlängst zu Tausenden in seine Geschäftsräume gekommen seien, um eine Ausstellung des Pferdemalers Sir Alfred Munnings zu sehen, wenn eine Galerie überflüssig sei, fragte Green. Wie einer der Teilhaber Christopher Kingzett, Sohn von Richard Kingzett, im Gespräch sagt, waren auch persönliche Umstände, wie Krankheit und Alter, ausschlaggebend. Julian Agnew werde privat weiter handeln, der Bestand solle nicht so schnell aufgelöst werden, und es seien keine Schnäppchen zu holen. Agnew’s verhandelt mit einer britischen Institution über den Verkauf des einzigartigen Firmenarchivs, das eine Quelle von unschätzbarem Wert darstellt für die Entwicklungsgeschichte des Kunstmarktes und des Sammlergeschmacks seit den bescheidenen Anfängen des Unternehmens in Manchester als Handlung für Spiegel, Brillengläser, Stiche, Kamine, Girandolen, Lampen, Fernrohre, Rahmen, alte und neue Gemälde sowie Allerlei.
Ja Galerien sind überflüssig
Markus Kammerlander (Familieklein)
- 17.03.2013, 09:36 Uhr