Home
http://www.faz.net/-gyz-7ac0f
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Kunstfälschung Wieder ein angeblicher Campendonk

In Köln klagt der Ersteigerer eines Gemäldes gegen das Auktionshaus Lempertz und den Einlieferer des Werks: Der „Mann mit Blume“ ist kein Bild von Heinrich Campendonk, sondern eine Fälschung.

© Archiv Vergrößern Der „Mann mit Blume“, angeblich ein Gemälde von Heinrich Campendonk, ist falsch. Das haben zumindest die einschlägigen Untersuchungen ergeben.

Ob auch der sitzende „Mann mit Blume“ von der Hand des Kunstfälschers Wolfgang Beltracchi stammt, der so viele Werke von Heinrich Campendonk nachgemalt hat, ist nicht sicher. Manches spricht dafür, manches dagegen, und Beltracchi selbst äußert sich aus guten Gründen nicht.

Sicher ist aber, dass das Bild kein echter Campendonk ist. Das belegen, wie der niederländische Kunsthistoriker Peter van Beveren nachwies, vor allem die durchaus identifizierbaren Zeitungsausschnitte, mit denen das Bild collagiert wurde: Sie stammen aus dem Jahr 1926 - und nicht schon aus jenem Jahr 1918, das links unten neben dem Künstlermonogramm auf der Leinwand steht. Gegen die Echtheit spricht weiter ein materialtechnisches Gutachten des Münchner Doerner-Instituts, dem zufolge auch die verwendeten Materialien nicht zum angegebenen Entstehungsjahr passen. An der Falschheit dieses Gemäldes gibt es also keine ernsthaften Zweifel mehr.

Die Fälschung fand Eingang ins Werkverzeichnis von Campendonk

Auch nicht von Seiten des Kölner Auktionshauses Lempertz, das das Bild im Dezember 1996 versteigert hatte - unter anderem, weil es zuvor Aufnahme in das offizielle Werkverzeichnis des deutschen Expressionisten Campendonk gefunden hatte. Auch bei Lempertz spricht inzwischen niemand mehr von einem Original. Damals allerdings wurde es als solches angeboten. Der Kölner Verleger Jürgen Naumann erwarb das Gemälde für 390.000 Mark. Er bekam Zweifel, als der in Köln stattfindende Beltracchi-Prozess Schlagzeilen machte, und verklagt nun, da sich sein Verdacht bestätigt hat, Lempertz und den seinerzeitigen Einlieferer, einen Arzt aus Süddeutschland, auf Rückzahlung des Kaufpreises plus Zinsen.

Dass Naumanns Klage Aussicht auf Erfolg haben könnte, hat die 2. Zivilkammer des Landgerichts Köln unter dem umsichtig und kenntnisreich agierenden Vorsitzenden Richter Hans-Joachim Becks bereits in der Verhandlung am vergangenen Donnerstag angedeutet. Er empfahl - weil einiges auf eine Vernachlässigung der Sorgfaltspflicht durch Lempertz hindeute und auch ein Teilurteil ohne Beweisaufnahme denkbar sei, so der Richter - eine außergerichtliche Einigung: Drei Viertel der Schadenssumme könnten von Lempertz, ein Viertel vom Einlieferer bezahlt werden. Und Naumann, so der Richter weiter, könne ja vielleicht darüber nachdenken, auf die Verzinsung des Schadens zu verzichten.

Wer bekommt das gefälschte Bild?

Damit hätte die letzte Sitzung vor dem Verkündigungstermin am 8. August eigentlich beendet sein können, wäre nicht ganz zum Schluss noch die Frage aufgekommen, was denn eigentlich mit dem gefälschten Campendonk selbst geschehen solle. Man solle das Bild dem Landeskriminalamt Berlin als Ergänzung für seine Beltracchi-Fälschungssammlung zur Verfügung stellen, schlug Naumanns Anwalt vor. Das komme gar nicht in Frage, hielt der Lempertz-Anwalt entgegen: „Das Bild muss an Lempertz gehen.“ Ob das Kunsthaus tatsächlich die Schlagzeile „Lempertz fordert Fälschung zurück“ lesen wolle, legte die Gegenseite nach. „Es weiß doch bis heute niemand, ob das Bild falsch ist“, warf daraufhin Lempertz’ Anwalt das Verfahren um Monate zurück.

Und machte damit unfreiwillig auf das Dilemma auch dieses Verfahrens aufmerksam: Auch zwei Jahre nach der Verurteilung der Beltracchi-Bande, wenige Tage nach Bekanntwerden des aktuellen Fälschungsskandals um russische Avantgardekunst und kurz vor einem neuen Urteil über die Unzulänglichkeit der bestehenden Geschäftsbedingungen gibt es in den deutschen Kunsthandelsverbänden nicht einmal Ansätze zu einer Debatte über die eigene Rolle und über neue Selbstverpflichtungen. Und Vorschriften darüber, was in Deutschland mit nachgewiesenen Fälschungen zu geschehen hat, existieren ebenfalls nicht.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Prozess gegen Bushido Hast du Töne?

Der Rapper Bushido muss sich gegen den Vorwurf wehren, er habe bei einigen seiner Lieder abgekupfert. Vor dem Bundesgerichtshof hat er nun einen Sieg errungen. Ist er damit aus dem Schneider? Mehr

16.04.2015, 19:49 Uhr | Feuilleton
Kunsttest Finde die Fälschung!

In der Dulwich Picture Gallery in London hängt inmitten der Meisterwerke von Rembrandt und Rubens derzeit eine Fälschung - und das mit voller Absicht. Besucher sollen herausfinden, welche Werke echt sind und welches Gemälde nachgemacht ist. Das Ziel: eine intensivere Auseinandersetzung mit der Kunst. Das gefälschte Bild wurde in China in wenigen Wochen hergestellt und hat einen Wert von gut 100 Euro. Mehr

12.02.2015, 21:41 Uhr | Aktuell
Geschlossene Fonds Achteinhalb Jahre Haft für Ex-Wölbern-Chef

Im Geflecht der Wölbern Invest wurden nach Überzeugung des Hamburger Landgerichts 147 Millionen Euro veruntreut. Den früheren Chef schickten die Richter jetzt lange in Haft. Mehr Von Carsten Germis und Joachim Jahn

21.04.2015, 08:24 Uhr | Finanzen
Frankfurter Urteil Bahnstreik ist rechtmäßig

Die Klage der Bahn gegen den Streik der Lokführergewerkschaft GDL ist gescheitert. Der Streik sei rechtmäßig, urteilte das Arbeitsgericht Frankfurt. Streiks verursache nun einmal große Auswirkungen und Schäden, das sei das Wesen eines Streiks, sagt Richterin Ursula Schmidt. Mehr

07.11.2014, 13:53 Uhr | Wirtschaft
Berlin Auktion bei Lempertz Malewitsch als Lokomotive

Mit Farbe, Form und Motiv in den Klassenkampf: Sowjetisches Revolutionsporzellan kommt bei Lempertz in Berlin unter den Hammer. Die vielseitigen Stücke zeugen von der Zeit des Umbruchs. Mehr Von Paula Schwerdtfeger

23.04.2015, 18:08 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 21.06.2013, 15:26 Uhr

Der einzige Ausweg

Von Heike Schmoll, Berlin

Der Odenwaldschule ist nach Bekanntwerden des massenhaften Missbrauchs kein Neuanfang gelungen – obwohl sie die Chance dazu gehabt hätte. Schule und Leitung sind in alte Muster zurückgefallen. Mehr 6 11