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Kunst der Gegenwart : Auf den bunten Altären der Kunst

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Vor der Sommerpause lohnt sich ein Streifzug durch die Galerien von Wien: Christoph Schlingensief provoziert bei Charim. Nicht weniger trotzig präsentiert sich eine Gruppenschau bei Steinek.

          Unbeachtet von der Öffentlichkeit, von Kuratoren oder Museumsleitern fanden in den neunziger Jahren in einem Randbezirk Pekings Performances statt, die starke Anklänge an die westliche Body Art zeigten. Der 1968 geborene Künstler Rong Rong dokumentierte damals eigene Aktionen und die seiner Mitstreiter. Seine existentialistisch anmutenden Schwarz-Weiß-Aufnahmen gehören zu den stärksten Zeugnissen einer chinesischen Avantgarde. Bereits 1994 hat die Galeristin Sylvie Steinek den Chinesen Rong Rong in Wien ausgestellt, dessen Performance-Fotos „East Village Beijing“ ihn zu einem der gefragtesten Künstler seines Landes machten.

          In der Gruppenschau „Real Illusion Abandon“ zeigt sie jetzt vier eindrucksvolle, 65 mal 45 Zentimeter große Aufnahmen aus dieser Serie (18.000 Euro). Durch einen Metallschlitz presst Rong Rong seine Zunge, sein Ohr oder eine halbe Hand: Diese Schwarzweißbilder von Körperfragmenten drücken neben dem Verlangen nach Freiheit auch etwas Geheimnisvolles aus. Von Fabrice Langlade stammt das Wandbild „Tapis de Guerre“ aus flachen Kunstharzfiguren, das zwischen kunsthistorischer Anspielung und Spielzeug changiert (12.000 Euro). Auch die junge israelische Künstlerin Zoya Cherkassy holt mit ihren trotzigen Zeichnungen das Kinderzimmer in die Galerie; zu diesem Zweck hängt sie ein Spielzeugferkel mit dem Slogan „Men are pigs“ an die Wand.

          Identitätswechsel für Vierbeiner

          Dass Männer Hunde sind, hat Katarzyna Kozyra in einer Performance beschlossen, in der sie als die Schriftstellerin Lou Andreas-Salomé auftritt; das Video stammt aus der vielteiligen Serie „In Art Dreams Come True“. Die Künstlerin kommt mit zwei Hunden auf die Bühne, deren Gesichtsmasken Friedrich Nietzsche und Paul Rée gleichen - wie auf einem berühmten Foto mit dem Philosophen, seinem Freund und der jungen Lou Andreas-Salomé, die eine kleine Peitsche schwingt. Um die Absurdität noch zu steigern, tritt Katarzyna Kozyra in einem Theater voller Hundebesitzer auf, deren Tiere ein lautstarkes Publikum abgeben.

          Nah dem Wiener Stephansdom präsentiert die Charim Galerie, die seit diesem Frühjahr auch eine Filiale in Wien betreibt, Kunst von Christoph Schlingensief. Als der rasante Theatermacher mit seinem Stück „Area 7“ im Jahr 2006 im Burgtheater gastierte, machte er sich über Kollegen wie Hermann Nitsch oder Jonathan Meese lustig. Von der überwältigenden Geisterbahnästhetik, die diesen Wiener Auftritt prägte, hat seine aktuelle Ausstellung aber nichts mehr: Die Fotoarbeiten, Leuchtkästen und Kleininstallationen, bei denen es sich zumeist um Auskopplungen aus anderen Projekten handelt, gestalten sich ganz übersichtlich: An Filme von Pasolini und Buñuel mahnt der Kreuzweg, den Schlingensief mit Behinderten und Kleinwüchsigen inszeniert hat (10.000 Euro). Die farbstark strahlenden Fotos in ihren Leuchtkästen lassen aber eher an Devotionalien als an Gesellschaftskritik denken; sein prekäres Verhältnis zum Katholizismus hat Schlingensief ja oft beschrieben.

          Ein Provokateur mit Kunsttradition

          Die Kunstkarriere startete er 1997 auf der Documenta mit der Aktion „Mein Filz, mein Fett, mein Hase“. Für Aufsehen sorgte er dann auch auf der Biennale in Venedig 2003 mit der Performance „Church of Fear“, die Paranoia und Religiosität in Zeiten des Terrorismus zum Thema hatte: In der Ausstellung erinnert ein Holzkirchlein im Modellformat an die schlichten Glaubenshäuser des nordamerikanischen Protestantismus. Ein wenig von der Trash-Verliebtheit früherer Arbeiten findet sich in dem Altar wieder, den Schlingensief Lady Diana widmet. Auf integrierten Miniscreens flimmern dort Horrorszenen, in denen ein Double der Prinzessin blutgetränkt auftritt.

          Das Zentrum des skurrilen Aufbaus „Little Shrine“ bildet ein Vogelkäfig, der offensichtlich für das Leben der Prinzessin steht. In eine Art Kolonialsalon führt die größte Installation der Schau, in der sechs falsche Kamine aufgebaut sind. Anstelle des offenen Feuers finden sich dort Bildschirme, die den Betrachter mit auf Schlingensiefs Reise nach Nepal nehmen. Bei hinduistischen Bestattungsritualen wird in den Gedärmen eines Ochsen gewühlt, während der Künstler im weißen Anzug wie ein Ethnologe des 19. Jahrhunderts auftritt.

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