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„Kids“ in Berlin Von wegen hilflose Wesen

Wer sich Kinder immer nur rosa und blau ausmalt, der verpasst ihre besten Töne. Die Berliner Galerie Contemporary Fine Arts zeigt Kinderporträts aus einem Jahrhundert.

Man muss keine Kinder haben, um zu wissen, dass Kinder manchmal monsterhafte Verhaltensweisen an den Tag legen, schließlich ist man selbst einmal eines gewesen. Es kommt also vor, dass diese Monster Tiere, beispielsweise Schmetterlinge, quälen, indem sie die Flügel feinsäuberlich vom Rumpf abtrennen. Die New Yorkerin Dana Schutz, deren Kunst stets mit dem Abgründigen liebäugelt, hat genau so ein Kind gemalt; ein Kind mit einem überdimensionierten, merkwürdig geformten Kopf, das sich über einen Schmetterling hermacht und dabei leicht irre aus seinen Augen schaut.

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Es erinnert einen auf unheimliche Weise an „Chucky“, die Mörderpuppe. Das Bild heißt „Butterfly“ (80.000 Dollar) und hängt in der Berliner Galerie Contemporary Fine Arts, die unter dem Ausstellungstitel „Kids“ Kinderbildnisse zeigt, über ein Jahrhundert hin: von Paula Modersohn-Becker oder Emil Nolde und Georg Baselitz, von Cecily Brown, Marc Brandenburg und Albrecht Fuchs oder Marlene Dumas.

Ohne Verklärung

Nichts, wirklich gar nichts an Dana Schutz’ Kind ist niedlich - und genau das verbindet ihre Arbeit „Butterfly“ mit den insgesamt knapp vierzig Werken, die die Galeristin Nicole Hackert für die Schau zusammengetragen hat. Man blickt in aufmüpfige und abgeklärte, in melancholische, nachdenkliche, herausfordernde und in desillusionierte Kindergesichter, die allesamt keinen Zweifel daran lassen, dass Kinder oft eigenständiger sind, als manchen Eltern das wohl lieb ist. Es sieht ganz danach aus, als würden diese Kinder darauf pochen, endlich ernst genommen zu werden.

Nicole Hackert ist nicht in die Kinderfalle getappt, und das ist ein großes Glück. Keine Zeichnung, kein Foto oder Gemälde verklärt das Kind als durch und durch reines, in Rosa oder Hellblau gehülltes Wesen, wie es in unserer Gesellschaft sonst so häufig geschieht, besonders im Internet, auf Facebook, wo bisweilen jedes Drehen des geliebten Babys vom Rücken auf den Bauch und wieder zurück dokumentiert wird. In Zeiten, da Kinder zu Statussymbolen avancieren - rund um die Uhr von ihren Helikopter-Mamis (und -Papis) bewacht, genauer überwacht - markieren irritierende Perspektiven, wie sie die Ausstellung „Kids“ wagt, einen wichtigen Gegenpol zu dem weichgespülten Prenzlauer-Berg-Irrsinn.

Absoluter Schutz oder absoluter Horror?

Der Titel „Kids“ ist freilich nicht zufällig gewählt, er verweist auf Larry Clarks gleichnamigen Film aus dem Jahr 1995, in dem sich der amerikanische Fotograf und Regisseur schonungslos die New Yorker Jugendkultur vornimmt, in der Drogen, Sex und Gewalt die Hauptrollen spielen. Die fünfzehn C-Prints (zusammen 30.000 Dollar) mögen auf den ersten Blick beinahe an die Teenagerkomödie „La Boum“ erinnern, ein Eindruck, der sich allerdings rasch wieder verflüchtigt.

Dass die Ausstellung zeitlich mit der Künstlerin Paula Modersohn-Becker einsetzt, die um 1900 mit ihrem idealisierungsfreien Blick auf das Kind vollkommen aus der Reihe fiel und damit auch Missfallen auf sich zog, ist nur konsequent. Modersohn-Becker hat bürgerliche Geborgenheitsanklänge rigoros aus ihren Porträts verbannt (drei Gemälde; 780.000 bis 900.000 Euro). Ihre großäugigen Kinder, denen das Leben nicht immer freundlich gesinnt gewesen ist, blicken durch ihre Betrachter hindurch, als wären diese eine Glasscheibe.

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Eines der verstörendsten Bilder stammt von der südafrikanischen Künstlerin Marlene Dumas. Ein dunkler Mann, dessen Gesichtszüge kaum erkennbar sind, umfasst darauf ein nacktes, sehr weißhäutiges Mädchen, das vor ihm steht. Es sind nur zwei Lesarten möglich: die des absoluten Schutzes oder des absoluten Horrors. Erst der Titel „Protection“ wischt die eigenen Befürchtungen fort. Der Mann ist der Gatte Marlene Dumas’, das Kind ist die gemeinsame Tochter (630.000 Euro).

Die Kindheit als Rätsel

Das Schutz auch ins Absurde kippen kann, hält Marc Brandenburg virtuos auf seinen beiden Bleistiftzeichnungen fest (je 12.000 Euro). Die verwaisten Spielplätze wurden so konzipiert, dass es beinahe unmöglich ist, sich auch nur eine Beule zu holen. In Amerika ist diese Art von Spielplatzarchitektur, die mehr mit einer Gummizelle zu tun hat als mit Spaß, inzwischen Normalität. Dahinter verbirgt sich selbstverständlich nicht die Angst um das Kindeswohl, sondern die Angst, dass Schadensersatzforderungen von Eltern den Kontostand ins Minus treiben könnten.

Im Jahr 1902 rief die Schwedin Ellen Key das Jahrhundert des Kindes aus und plädierte mit Verve für eine demokratische Erziehung. Seither ist viel passiert. In vielerlei Hinsicht ist die Kindheit jedoch noch immer ein Rätsel - und das ist auch gut so. Uns daran zu erinnern ist nicht die Aufgabe einer Galerie. Aber es ist schön, wenn sie es tut.

Bis zum 22. September. Der Katalog kostet 24,80 Euro.

Quelle: F.A.S.

 
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Veröffentlicht: 06.09.2012, 05:49 Uhr