Die Sonne scheint, und sie macht selbst Berlin ganz südlich. Beim Eröffnungsempfang für das Gallery Weekend in der italienischen Botschaft im Tiergarten standen unter einem nachgerade toskanischen Abendhimmel so ziemlich alle Leute, die das Wort Gegenwartskunst buchstabieren können. Die Gastgeberin des Cocktails sprach dann gegen Ende der Party fröhlich von 800 Gästen, angesichts von 400 geladenen.
Die Berliner Gemeinschaftsveranstaltung hat inzwischen jedem denkbaren Modell einer herkömmlichen Kunstmesse in der Stadt den Rang abgelaufen. Und überhaupt wird an diesem Wochenende sehr viel gelaufen werden, von einem sehr vielköpfigen, (wie alle hier innig hoffen) wieder sehr internationalen Kunst-Tross - in Berlin-Mitte vor allem, aber auch in Kreuzberg und Charlottenburg, im Wedding und im Prenzlauer Berg.
Dorthin sind nämlich die 44 Galerien verteilt, die sich in diesem Jahr zusammen getan haben, um einem mit der Stadtwanderung schon vertrauten Publikum ihre Künstler vorzustellen. Bereits seit dem gestrigen frühen Nachmittag laufen die Private Views für die geladenen Gäste: Das sind natürlich die erhofften privaten Käufer, aber auch die Museumsleute und anderen Kuratoren, über deren Anblick genauso viel Freude herrscht.
In einem urbanen Raum, in dem nach vagen Schätzungen rund 500 (jedenfalls so geheißene) Galerien nisten, ist die relativ kleine Zahl der Teilnehmer eine klare elitäre Ansage - wobei, wie bei allen ähnlichen Unternehmungen, die Kriterien für den Ein- und Ausschluss diskutiert werden können. Sicher ist indessen schon jetzt: Das Programm kann sich wahrhaftig sehen lassen, auch im ganz großräumigen Vergleich.
Und ganz leiblich sehen lassen haben sich, nur zum Beispiel, auch schon die englischen Grandseigneurs Gilbert & George beim Willkommensempfang. Mit den „Urethra Postcard Pictures“ der beiden inzwischen auch etwas älteren Herren (der Titel der Serie spricht da für sehr britischen Humor) setzt Matthias Arndt eine Schlusspointe für seine vieljährige Galerietätigkeit, um sich künftig „in einem neuen Format“, wie er sagt, seinen Künstlern und Sammlern zu widmen.
Eine Liste ohne Unbekannte
Im herkömmlichen Format setzt dieses Gallery Weekend unübersehbar auf einen starken Anteil von nachgerade schon klassischen Positionen: Hierher gehören die Schauen mit Tony Cragg bei Buchmann oder Chuck Close bei Haas & Fuchs, natürlich mit Lyonel Feininger und Mark Tobey bei Moeller oder Jean Tinguely bei Wolfgang Werner. Thomas Schulte hat auch Sol LeWitt angekündigt, und Zak/Branicka würdigen Roman Opalka.
Allerdings enthält die Liste praktisch überhaupt keine Unbekannten, da sind Sarah Morris bei Capitain Petzel, Gerwald Rockenschaub bei Mehdi Chouakri und die Stars Raymond Pettibon und Anselm Reyle bei Contemporary Fine Arts; Olaf Nicolai findet sich bei Eigen+Art, Markus Oehlen bei Gerhardsen Gerner und Albert Oehlen bei Max Hetzler; Johnen zeigt Martin Creed, und Klosterfelde hat John Bock basteln lassen; endlich ist Ger van Elks Schaffen, das Lüttgenmeijer präsentiert, auch kein Geheimwissen. Eine heiße Verbindung gehen Arbeiten der eigenwilligen Cady Noland mit denen Santiago Sierras ein in der Galerie Koch Oberhuber Wolff. Und da ist Ai Weiwei bei Neugerriemschneider.
Mit „Aspects of Color“ tritt Kicken für die Fotografie ein, das verspricht herrliche Aufnahmen vom Piktorialismus bis zu den Zeitgenossen. Und Sprüth Magers kündigen, neben „Selections“ mit etwa Rosemarie Trockel oder Jenny Holzer, Sterling Ruby so an: „I am not free because I can be exploded anytime“. Das macht doch neugierig, man wird es sich ansehen müssen - wie eben auch alle die anderen Schauen, an diesem sonnigen Berliner Wochenende.