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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Galerierundgang Leipzig Das Happy End in der Dauerschleife

 ·  Sehr zum Leidwesen der Besucher: Ein Rundgang durch die Galerien der Leipziger Baumwollspinnerei zeigt krasse Niveauunterschiede. Ein frischer Wind fehlt.

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Wüsste man es nicht besser, sollte man meinen, dass die Herbstfärbung der Auslöser für die Malerei gewesen wäre beim jüngsten Rundgang durch das Galerienzentrum in der Leipziger Baumwollspinnerei. Ob es Aris Kalaizis mit seinen unheimlichen Eigenheimbildern in der Maerzgalerie ist (25.000 bis 43.000 Euro), Christoph Ruckhäberles Serie von riesigen Buntstift-Profilporträts der „Frau im Mond“ bei der Galerie Kleindienst, Undine Bandelins graphisch reduzierte Zwergen- und Riesenformate bei Queen Anne (890 bis 7800 Euro), Carsten Focks typographisch und piktogrammatisch angereicherte Gemälde, für die Jochen Hempel als Fassung eigens einen braunen Quader in seine Galeriehalle hat setzen lassen, oder David O’Kane, der bei Josef Filipp sein aus vierundzwanzig Rückenansichten bestehendes Ensemble „The Persistence of Vision“ präsentiert, das die verschiedenen Phasen des Flechtens und Auflösens eines Zopfs zeigt - alle diese Arbeiten sind kunterbunt und hinterlassen den Betrachter ratlos bis gereizt.

Sind Farbvaleurs der neue Wert? Dann aber bitte doch so, wie es David Schnell bei Eigen + Art vorführt, der elf neue, meist großformatige und in der Tat auch extrem bunte Bilder zeigt, die aber den Reiz haben, dass ihre Oberflächen durch den Auftrag von zersplittert wirkenden Farbfeldern geradezu korrodiert erscheinen: „morgen“ hat der 1971 geborene Schnell diesen Werkblock genannt, und diese Malerei ist tatsächlich der Zukunft zugewandt - gerade weil man darin das Erbe von holländischen Seestücken über Turner bis hin zum Impressionismus aufgenommen findet, ohne dass etwas Epigonales entstünde. Zeitgenossenschaft sollte auch gute Gesellschaft mit dem pflegen, was davor war.

Oder Witz beweisen, wie es Ronny Szillo in der b2-Galerie tut. Er hat unter dem Titel „Hidden Depth“ Holzobjekte - eine Tür, Wandpaneele - mit dickem Teer bestrichen und Lampen darauf installiert. Bisweilen gibt es noch einen Bildschirm dazu, dessen LCD-Oberfläche zerbrochen wurde, wodurch die darauf gezeigten Motive ihrerseits skurrile Brechungen erfahren.

Dagegen sind Szillas „Gesturepaintings“ nichts anderes als auf stark strukturierten Untergründen monochrom aufgetragene Pinselschwünge - wirkungsvoll, aber inhaltsleer. Die schönste Anschaffung aber ist bei b2 ohnehin eine Mappe, die Werke von elf Künstlern (darunter auch Szilla) versammelt, die zur Unterstützung der Galerie Papierarbeiten zur Verfügung gestellt haben: 800 Euro kostet ein Exemplar (Auflage 20 + 3), wobei durch Zeichnungen von Katharina Immekus und Stickereien von Bea Meyer jeweils zwei Unikate in jeder Mappe sind.

Witz hat übrigens auch der schon erwähnte David O’Kane in der Galerie Josef Filipp. Denn neben seiner Serie mit Zopfflechtbildern zeigt er auch mehrere Trickfilme in Stop-Motion-Technik. Wunderbar, wie da Bücher als Prozession durch einen Raum wandern oder eben die Zopfbilder als Grundlage für eine Animation dienen, die den Flechtvorgang in schnellem Rhythmus vorführt. (Bis 27. OKtober.) Das ist wie ein Antidot zu einer Videoarbeit, die die Leipziger Künstlergruppe „Famed“ aus sechzig Abspannsequenzen von Warner-Brothers-Cartoons zusammengefügt hat: „The Happy End“ lässt in der Galerie ASPN die markanten Klänge von Carl Stallings Trickfilmmusik wieder und wieder erschallen - sehr zum Leidwesen kindlicher Besucher, die, davon angelockt, feststellen müssen, dass sie nicht sehen können, was sich vor den Abspännen abgespielt hat (800 Euro).

Für die Famed-Präsentation hat ASPN seinen großen Raum mit Rigipswänden verkleidet und weiß belassen, nur längs der Oberkante des Raums verläuft der als Relief eingravierte Spruch „We face the moment when everything is possible and nothing happens until the moment when nothing is possible and everything happens“. Die herausgeschnittenen Rigips-Buchstaben liegen am Fuß der Wände. Wer auch sein Haus mit diesem Spruch programmatisch kommentiert und mit den Relikten der Anbringung kontaminiert sehen will, muss sich das 12.000 Euro kosten lassen (Auflage 3 + 1). Gegen den entstehenden Staub hilft ausdrücklich nicht der Ventilator, den Famed auch noch präsentieren, denn er verrichtet sein Gebläse in einer hermetisch abgedichteten Plexiglasvitrine (4800 Euro).

Nicht nur deshalb weht beim Herbstrundgang in der Baumwollspinnerei kein allzu frischer Wind. Die Leipziger Galerienszene atmet durch; ob sie wieder auf Trab kommen wird, muss man abwarten. Dass allerdings die seit einigen Jahren gepflegte Tradition einer temporären Gastgalerie diesmal keine Fortsetzung findet - in den schwierig zu bespielenden kleinen Räumlichkeiten ist der Leipziger Lubok-Verlag mit einer banal-provokativen Präsentation von Jesper Fabricius’ „Porno Kommunistik Universitet“ eingesprungen -, lässt nichts Gutes vermuten. Im eigenen Saft darf man in Leipzig nämlich trotz der großen Künstlerdichte in der Stadt nicht kochen.

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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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