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Galerierundgang Köln : Mädchen mit begrenzten Möglichkeiten

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Schnitzkunst, Trompe l'oeil und der Ton der Schläfen: In Kölns Galerien zeigt sich, dass aus stumpfer Langeweile Produktivität erwachsen kann und Ölgemälde aus einer Galerie fast ein viktorianischen Privathaus machen können - und das sind nur zwei von sieben sehenswerten Ausstellungen.

          Wie klingt es, wenn man eine Landschaft durch die Schläfen eines anderen Menschen wahrnimmt? Diese ungewöhnliche Frage beantwortet der japanische Künstler und Musiker Toshiya Tsunoda bei Gisela Capitain. In seinen „Temple Recordings“ hört der Besucher das, was zwei an den Schläfen Tsunodas befestigte Mikrofone während seiner Wanderungen aufgenommen haben: Wind, Atem, Pulsschlag.

          Die Geräusche ermöglichen es, den durchwanderten Raum akustisch zu erfahren, ohne ihn zu sehen. Gemeinsam mit dem schottischen Künstler Luke Fowler, der sich in seinen konzeptuellen Arbeiten meist auf Film konzentriert, hat Tsunoda für den Hauptraum der Galerie ein weiteres Zusammenspiel aus Klang, Bild und Raum geschaffen.

          Beide haben im Sommer 2010 eine filmische und fotografische Expedition durch Köln unternommen und daraus die Installation „Ridges on the Horizontal Plane“ gemacht: Dia und Film scheinen, von zwei Seiten auf eine frei hängende Leinwand aus dünner Gaze projiziert, miteinander zu verschmelzen.

          Die dünne „Flutter Screen“ wird von Ventilatoren bewegt und berührt dabei ab und zu eine jeweils quer vor die Projektionsfläche gespannte Klavierseite. Die Wahrnehmung dessen, was zu sehen und zu hören ist, lässt sich nicht in vorhersehbare Muster fassen, unterliegt einer kontinuierlichen Veränderung. (Preise von 1200 bis 28.000 Pfund.)

          Raumprobleme zeichnerisch verhandeln - das ist seit einigen Jahren die Leidenschaft des mittlerweile einundsiebzigjährigen Bildhauers Ulrich Rückriem. „Ich zeichne nur aus Langeweile“, kokettiert der viermalige Documenta-Teilnehmer. Wie produktiv dieser Zustand ist, lässt sich nun in der Schau nachvollziehen, die Christian Nagel dem Künstler in Köln einräumt. (Preise von 1000 bis 135.000 Euro.)

          Von der Antike bis zu Donald Judd

          Während Rückriem mit Akribie und von Bild zu Bild mathematische Fragestellungen wie das „Dame-Problem“ im Schach und aus seiner skulpturalen Arbeit entwickelte Ordnungen im Raum in systematische Folgen von Geometrien übersetzt, verhandelt der 1979 geborene Frankfurter Künstler Stephen Suckale bei Schmidt & Handrup gleich die ganze Kunstgeschichte auf einer einzigen Wand.

          Er zerlegt in Siebdrucken, Collagen und Malerei einen überkommenen Bildbegriff und forscht in den Resten, die er sorgfältig wie ein Archäologe auf den Bildoberflächen arrangiert, zu Kunst- und Kulturgeschichte. So hat Suckale im Internet Fotos von Torten gefunden, die sich auf historische Epochen beziehen, diese auf Poster gedruckt und zu der acht Meter langen Wandinstallation „Period Craze“ gefügt: Beginnend bei der Antike, über Byzanz und die Romantik landet der Künstler mit drei übereinander gestapelten, quadratischen Pralinen schließlich bei Donald Judd. (Preise von 1600 Euro bis 7600 Euro.)

          Lucy McKenzies Parallelrealität

          In ihrer dritten Einzelschau bei Daniel Buchholz bezieht sich die 1977 in Glasgow geborene Malerin Lucy McKenzie auf Muriel Sparks Novelle „Girls of Slender Means“. Die auf Deutsch mit „Mädchen mit begrenzten Möglichkeiten“ betitelte Erzählung beobachtet die Geschehnisse in einem Londoner Wohnheim für mittellose junge Frauen. McKenzie, die die Brüsseler „Ecole Van der Kelen Logelain“, eine Schule für Dekorationsmalerei, besuchte, gestaltet die Interieurs des Heimes, eines viktorianischen Privathauses.

          Der Kontrast aus vier wandfüllenden Paneelen und dem ansonsten leeren Raum betont das Kulissenhafte, macht aber vor allem die Sentimentalität, Schäbigkeit und Armut, die die Erzählung prägt, erfahrbar. Die Wände mit einem umlaufenden aufgemalten Himmel sind von Stockflecken durchsetzt, in einer Ecke hängt ein Telefon, das von Fingerabdrücken und Kritzeleien umrahmt ist.

          Wie schon im Museum Ludwig 2010 schafft McKenzie eine frappierende Parallelrealität, die trotz ihrer illusionistischen Qualität stets im Konzept verwurzelt bleibt. Außerdem schlägt die Künstlerin eine Brücke zu anderen, angewandten Künsten - hier in der Illustration eines Schneidertisches, die von einer Wiener Hutmanufaktur als Werbematerial verwendet wird. (Preise von 800 bis 90.000 Euro.)

          Thomas Böing bei Kudlek van der Grinten

          Minimalistischer gibt sich der Eingriff ins Bild im Werk des 1963 geborenen Künstlers Thomas Böing. Er zeigt bei Kudlek van der Grinten Fotos von Museumsräumen wie dem Museum Ludwig, in denen die gezeigten Kunstwerke ausgeschnitten werden. Die durch den Lichteinfall entstehenden Schatten auf der darunterliegenden weißen Wand lassen nuancenreiche Bilder im Bild entstehen. (Preise von 680 bis 4800 Euro.)

          Geschnitzte Augentäuschungen zeigt Peter Sauerer bei Rehbein. Der 1958 in München geborene Künstler ist jedoch kein moderner Herrgottschnitzer, auch wenn zwei Madonnen den Galerieraum bevölkern. Sauerer gestaltet etwa das eigene Gesicht, bei „Google Earth“ gefundene Bilder oder berühmte Schusswaffen. (Preise von 350 bis 15.000 Euro.)

          Lichtskulpturen verwirren die Sinne

          Dagegen wirken die skulpturalen Eingriffe des Pariser Bildhauers Baptiste Debombourg, Jahrgang 1978, brachial. Bei Krupic Kersting zeigt er Skulpturen, die Objet trouvé und Konsumkritik verbinden: Scheinbar brutal zerstörte Möbel hat er sorgsam wieder zusammengeflickt. (Preise von 50 bis 11.000 Euro.)

          Nach so viel virtuoser Täuschung und detailreicher Vervielfältigungen der Realität lassen sich bei Teapot die Augen ausruhen in einem stillen Meer aus Blau. Für die letzte Ausstellung der Galerie in den alten Räumen vor dem Umzug auf die Herwarthstraße zeigt die Berliner Künstlerin Susanne Rottenbacher neue Lichtskulpturen: Zweiundzwanzig mit LED-Leuchten bestückte Plexiglasringe scheinen durch den Raum zu tanzen und bringen die Wahrnehmung effektvoll zum Taumeln. (Preise von 2400 bis 32.000 Euro.)

          Quelle: F.A.Z.

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