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Galerienstart in Hamburg : Räuberleiter für die Kunst

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Wo die Palmen leuchten: Zur Hamburg Art Week eröffnen auch die Galerien. In der Hansestadt beginnt die Saison mit Ausstellungen von Yto Barrada, Alan Charlton und vielen anderen.

          Re: Turn to Now“ fordert die Hamburg Art Week vom 6. bis zum 15. September und vernetzt unter dieser Überschrift Kunst und Architektur in Museen, Galerien und im öffentlichen Raum. Die Hamburger Galerien unterstützen das Projekt mit ihren am vergangenen Wochenende weitgehend parallel eröffneten Herbstausstellungen. Der erste Gang führt in die Galeriengemeinschaft in der Admiralitätsstraße auf der Fleetinsel. Hier haben sich jüngst einige Galerien neu sortiert, haben expandiert, reduziert oder auch die Räumlichkeiten untereinander getauscht. So begrüßt Sfeir-Semler den Besucher nach wie vor im Erdgeschoss, doch hat die Galerie zusätzlich die Räume von Holger Priess im ersten Stock übernommen und mit Wanddurchbrüchen und einer umfassenden Neukonzeption auf loftig-stattliche 300 Quadratmeter erweitert. Eingeweiht wird die neue Pracht mit einer Werkschau der 1971 in Tanger geborenen marokkanischen Künstlerin Yto Barrada, die unter dem Titel „La courte échelle (Räuberleiter)“ Skulpturen, Fotos, Videos und Druckgraphiken schafft, stets beschäftigt mit den Themen Familie und Spiel.

          Im Video „Hand me downs“ sind fremde Amateur-Familienfilme aus den fünfziger bis siebziger Jahren mit sechzehn vage formulierten Mythen aus ihrer eigenen Familie verwoben. Ihre großformatigen Fotos, aufgenommen mit einer Plattenkamera, zeigen in brillanten C-Prints marokkanische Landschaften und urbanen Wildwuchs und immer wieder Kinder. In diesen Erinnerungsbildern schwingen die Erfahrungen des Postkolonialismus und der ständigen Selbstfindung mit. Die Skulpturen nehmen Versatzstücke ihrer unmittelbaren Umgebung auf: erstarrte Palmen mit technischen Defekten auf roten Kinderkarren, hölzerne puppenstubenartige Kinos. (Bis zum 26. Oktober. Die Fotos kosten zwischen 8000 und 18.000 Euro, die Skulpturen zwischen 10.000 und 100.000 Euro.)

          Das Ziel ist die reine Malerei

          Gleich nebenan ist die Galerie von Holger Priess zu Hause, jetzt ebenfalls in neuen, aber etwas kleineren Räumen als vorher. Er präsentiert als „soft opening“ die in den Vierzigern geborenen Engländer Alan Charlton, David Tremlett and friends. Charlton, bekannt durch seine grauen Bilder, zeigt seine neue Reihe der „Triangle Paintings“, monochrom in Grauschattierungen auch sie, auf dreieckigen Leinwänden. Er arbeitet in kompromissloser Hinwendung zur reinen Malerei, konzipiert speziell für die Räume, in denen die Bilder wirken sollen (Preise von 26.000 bis 35.000 Euro). David Tremlett zeigt bei Holger Priess unter anderem die Serie „Drawing for a Wall“ von 1996 (je 5800 Euro), die in grafischer Strenge die Horizontlinien italienischer Hügelketten nachzeichnet - in samtigem Pastell, das die Pigmente der farbigen Erden der italienischen Landschaft enthält. Ergänzt wird die Schau mit den Wort-Graphiken und hinreißend glasklaren Silverprints von Hamish Fulton, einem Freund und Wegbegleiter der beiden, der seine langen Wanderungen durch England reflektiert. (Bis zum 21. September.)

          Diane Kruse zeigt - in ihren immer noch recht neuen Räumen - unter dem Titel „Ausfluglöcher“ den 1966 in Zürich geborenen Reto Boller. Seine Plastiken und Wandinstallationen arbeiten mit farbigen Folien, die über bekannte Alltagsgegenstände gezogen sind: Autoreifen in einem Regal, Schnüre, Holzteile. Sie legen sich auch über Flächen, die Wände entlang, über leere Platten. Titel gibt es nicht, sondern fortlaufende Nummern. Die scheinbar perfekte, transzendente Oberfläche der Folie lässt sehr diesseitige Schrammen und Bearbeitungsspuren zu, Fertiges steht neben Unfertigem, was flexibel war, wird starr, was schwer war, leicht: eine Metamorphose zwischen Objekt und Bild. (Bis zum 2. Oktober. Preise von 5000 bis 15.000 Euro.)

          Umgezogen ist auch Dorothea Schlüter, jetzt in der Großen Bäckerstraße in der Innenstadt. Zum Saisonstart stellt sie Alexander Rischer mit seinen lebhaften Schwarzweißfotografien eines Bilderzyklus von Christian Brodersen (Preise von 900 bis 1300 Euro) und Anna Gudjónsdóttir mit ihren wirbelnd strudelnden grauen oder spiegelnd rot lackierten Gemäldeflächen (2000 bis 12.000 Euro) aus. Im Hintergrund klingt monoton eine Zwei-Ton-Orgel: pro Künstler je eine Pfeife. (Bis zum 12. Oktober.)

          Im lauschigen Kontorhausviertel eröffnet die Galerie Burchardt mit „Bildern in leiser Bewegung“ der Koreanerin Eun Nim Ro. Ihre zumeist mit schwarzer Tusche auf Weiß energisch gesetzten Figuren verdanken viel der klassischen Kalligraphie, aber seit ein paar Jahren kommt Farbe ins Spiel und eine flexible Dreidimensionalität. (Bis zum 2. November. Preise zwischen 900 und 8000 Euro, die Rauminstallationen um 12.000 Euro.)

          Quelle: F.A.Z.

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