Home
http://www.faz.net/-gyz-7bdgi
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Galerienrundgang Frankfurt Die Flucht in den Augenblick

Von wegen Sommerferien! Ein Rundgang durch die Frankfurter Galerien für Gegenwartskunst zeigt: Städelschüler bestehen neben einem Alten Meister wie Imi Knoebel, Animationsfilm neben Fotografie.

© hanfweihnacht Vergrößern Explosion in Rot: „Century Plant“ von Tina Gillen kostet bei hanfweihnacht 7200 Euro.

Wonach riecht der Sommer? In der Frankfurter Galerie hanfweihnacht ist es Zitrone. Es ist ein herber Duft, der von Heribert Friedls Wandobjekt ausgeht. Der weiße Ring, fünfzig Zentimeter misst er im Durchmesser, sieht unspektakulär aus. Seine Wirkung entfaltet er erst, wenn der Besucher an ihm reibt. Martin Hanf-Dressler und Felix Weihnacht haben ihre Frankfurter Galerie 2010 gegründet. Seit einem Jahr bespielt hanfweihnacht nun schon einen großen Raum in einem Hinterhof der Sachsenhausener Gartenstraße, unweit des Museumsufers. Zur Zeit ist dort die Gruppenausstellung „Chancen und Risiken“ zu sehen, ein Best-of der Künstler.

Der Berliner Maler und DJ Dag Przybilla, alias DAG, hat die Schau zusammengestellt. Von DAG selbst stammt eine achtzig mal achtzig Zentimeter große Leinwand: „Pazifis“ besteht aus winzigen Dreiecken, gemalt in Acryl und mit Brushmarker, die sich zu Pyramiden und Rauten zusammenfügen. Nur auf den zweiten Blick erkennt man die Technik: Das Gemälde erscheint zunächst wie ein digitales Musterbild. An derselben Wand beeindrucken verwaschen wirkende Fotos, die leise die Flüchtigkeit des Moments einfangen. Timo Klos, Jahrgang 1983, hat dafür Alltagsszenen so lange belichtet, wie sie eben dauern: ein Abendessen sechzig Minuten lang, eine heiße Dusche zwölf Minuten. Eine ganz andere visuelle Temperatur hat Tina Gillens kräftig rotes Gemälde „Century Plant“, das einer explodierenden Ananas ähnelt. Mit Lack in Türkis und Orange hat Martin Brüger einer Joghurtmaschine zu neuem Glanz verholfen. (Bis zum 9. August. Preise zwischen 600 und 7200 Euro.)

25207464 © VG Bildkunst, Bonn / hanfweihnacht Vergrößern „Severin 1“ nennt Martin Brüger diese Arbeit von 2010. Das 17 Zentimeter hohe Objekt gibt es für 1800 Euro bei hanfweihnacht.

Klare Linien bei Olschewski & Behm

Auf der nördlichen Seite des Mains warten Olschewski & Behm mit kühlem Stahl und leuchtenden Farben auf. In ihrer Sommerausstellung präsentiert die Galerie abstrakte Werke von acht Künstlern. Der kryptische Titel „Recent Numbers 26487971“ der Arbeit des Isländers Tumi Magnússon enthält den Schlüssel zum Verständnis des Bilds. Die gelben Linien auf braunem Grund visualisieren den Weg der Finger beim Wählen einer Nummer auf der Telefontastatur: In diesem Fall ist es die 26487971. „Recent“ ist diese Nummer, weil Magnússon sie kürzlich in sein Adressbuch aufgenommen hat. Durch diesen Hintergrund gewinnt das minimalistische Werk eine erzählerische Ebene.

25207451 © Olschewski & Behm Vergrößern Der Weg von einer Telefontaste zur nächsten: Tumi Magnússons „Recent Numbers 26487971“ bei Olschewski und Behm (4200 Euro).

Klare Linien und rechte Winkel dominieren jedoch die gesamte Ausstellung bei Olschewski & Behm. Eine Geduldsübung ist die Arbeit von Ivar Valgardsson: Sein „rautt - gult, jafnt“, zu Deutsch „rot - gelb, glatt“, besteht aus Hunderten von Schichten Wandfarbe, die der Isländer auf eine quadratische MDF-Platte aufgetragen hat. (Bis zum 10.August. Preise zwischen 450 und 10.000 Euro.)

Michael Lange in der L.A. Galerie

Weiter den Main entlang, in der Innenstadt von Frankfurt, befindet sich in einem Obergeschoss die L.A. Galerie. Lothar Albrecht zeigt hier großformatige Fotografien von Michael Lange. Seine jüngste Serie „Wald. Landschaften der Erinnerung“ entstand von 2009 bis 2011 und umfasst etwa fünfzig Arbeiten. „Die meisten Fotos entstanden am frühen Morgen“, sagt Albrecht. Die Motive seien in ganz verschiedenen Gegenden entstanden, im Harz, in Norddeutschland oder auch im Odenwald. Wenn Lange einen Ort findet, der ihn inspiriert, markiert er ihn, um bei passendem Wetter zurückzukehren. Der Fotograf zeigt den Regen, der sich wie ein Schleier über alle Farben legt. (Bis 23. August. Preise zwischen 2700 und 10000 Euro.)

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Millionenbetrug Haftstrafe für Kunstberater Achenbach

Der Düsseldorfer Kunstberater Helge Achenbach ist zu sechs Jahren Haft verurteilt worden. Das Landgericht Essen sprach ihn schuldig, vermögende Kunden wie den Aldi-Erben Berthold Albrecht betrogen zu haben. Mehr

16.03.2015, 11:21 Uhr | Feuilleton
Frankreich Mont-Saint-Michel: Extreme Ebbe nach Springflut

Am Wochenende gab es bei Mont-Saint-Michel eine Springflut. Über 14 Meter betrug der Gezeitenunterschied in der Normandie nach der Sonnenfinsternis. Und auf die extreme Flut folgte dann eine extreme Ebbe. Mehr

23.03.2015, 09:17 Uhr | Gesellschaft
Zivilklage wegen Pfändung Achenbach prozessiert gegen Aldi-Familie

Am Montag ist der Kunstberater Helge Achenbach zu sechs Jahren Haft verurteilt worden. Jetzt steht er wieder vor Gericht – als Zeuge gegen die Aldi-Familie Albrecht, die er betrogen hatte. Mehr

17.03.2015, 17:22 Uhr | Feuilleton
Lesung in Köln Houellebecqs einziger Auftritt in Deutschland

Der französische Autor Michel Houellebecq ist das erste Mal seit den Anschlägen in Paris in Deutschland aufgetreten. Houellebecq las in Köln aus seinem neuen Buch Unterwerfung. Mehr

20.01.2015, 08:49 Uhr | Feuilleton
Kunst in Paris Die Jahrhunderte auf drei Messen durchschreiten

Können sich zeitgenössische Künstler mit Alten Meistern messen? In Frankreichs Hauptstadt laufen parallel der Salon du Dessin, die Zeichnungsmesse Drawing Now und die Art Paris im Grand Palais. Mehr Von Bettina Wohlfarth, Paris

28.03.2015, 17:00 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 19.07.2013, 15:53 Uhr

Sozialistische Übungen

Von Reinhard Müller

Mit Quoten und Bremsen will die Bundesregierung der Bevölkerung Gutes tun. Doch sind diese Vorhaben nur Ausdruck eines paternalistischen Monsters. Und der Opposition geht das immer noch nicht weit genug. Mehr 5 19