07.12.2007 · Mehr Raum für die Kunst: Ein Rundgang durch die Berliner Galerien zeigt, wohin das Streben geht. Museal wollen sie wirken und die internationalen Sammler anlocken.
Von Swantje KarichIn Berlin findet die Kunst viele Formen für einen Unterschlupf auf Zeit: Museen, Produzentengalerien oder Off-Schauplätze. An den Galerien aber lässt sich ablesen, wohin das Streben geht: Museal wollen sie wirken und ausstellen, kommerziell erfolgreich denken und handeln, um die internationalen Sammler anzulocken. Als Hilfsmittel wurde das Kollektiv wiederentdeckt. In der Kochstraße direkt gegenüber von der „tageszeitung“ haben acht Galerien jüngst Quartier bezogen, darunter die Galerie Crone, Klara Wallner, Michael Janssen und Rafael Jablonka aus Köln. Mehr Raum heißt ihre Devise; das Haus in seiner Gesamtinszenierung gibt sich aber noch widerspenstig. Nur wenige hundert Meter weiter, in der Zimmerstraße, strahlen die Gemeinschaften mit Max Hetzler, Arndt & Partner und anderen seit Jahren lässige Selbstverständlichkeit aus, und unter den S-Bahn-Bögen an der Holzmarktstraße lassen sich die Galerien schon durch die Architektur gegenseitig Freiraum.
Contemporary Fine Arts, bisher in der Sophienstraße, gehen noch einen großen Schritt weiter: Man hat auf zwei Etagen und 700 Quadratmetern Quartier in Heiner Bastians neuem Haus an der Museumsinsel bezogen. Wie ein steinernes Manifest zieht sich der Bau von David Chipperfield am Kupfergraben neben den Museumsbauten vergangener Zeiten in die Höhe. In den beiden Räumen im Erdgeschoss und in der ersten Etage stehen die Mitarbeiter der Galerie und passen auf die Kunst auf, geben Anleitung zum Sehen: Kunst von Weltrang kostenlos, das schätzt das Publikum in dieser Gegend sehr. Bruno Brunnet, Nicole Hackert und Philipp Haverkampf zeigen zum Auftakt eine Mammutschau, deren Format mit jedem Museum mithalten kann (und im nächsten Frühjahr geht die Ausstellung auch vollständig ins Museum in Innsbruck): „Es ist doch der Kopf“ ist eine Hommage von Walter Pichler an sich selbst.
Räume mit Überzeugungskraft
Lange mussten die Galeristen warten; jetzt überzeugten die neuen repräsentativen Räume den Scheuen. Die Weltflucht des einundsiebzig Jahre alten Künstlers begann 1972; seither lebt der Documenta-4-Teilnehmer zurückgezogen auf einem einsamen Hof in St. Martin im österreichischen Burgenland. Seine Skulpturen sind nicht ohne die sie umgebende Architektur zu denken. Die Wirkung der Werke aus den frühen sechziger Jahren, als Pichler noch mit Polyester, Plexiglas, PVC und Aluminium und zusammen mit Hans Hollein und Raimund Abraham arbeitete, lässt in seine anachronistischen Technik-Utopien eintauchen: Seine Prototypen, der „pneumatische Raum“, sein „TV-Helm“ von 1967 und der „Tonhelm“ von 1968 sind großartige Zeugnisse längst überschrittener Zukunftsvisionen. Seit seinem Rückzug verwendet Pichler natürliche Materialien, Äste, Steine, Sand, Holz, Metall; später auch blankpoliertes Metall, das die zentralen Arbeiten dieser Ausstellung ausmacht.
So ist die Skulptur „Schädeldecke“ von 2004, was ihr Titel verspricht; doch an der Vorderseite ist - anstelle der Stirn - eine schräge Spiegelfläche angebracht, in der sich der Besucher sieht. Seine Skulpturen plant Pichler immer zugleich als Hausbau, „wie ein Gebäude, unterirdisch und oberirdisch“. Seine Zeichnungen von 1976 bis 2007 wiederholen den gestrengen Blick auf das, was seine Weltsicht ausmacht: der Mensch als Spielfigur zwischen Lebewesen und Maschine, konstituiert aus Farbe und Form. Mit den Jahren ist Pichler zunehmend zum Gefangenen seiner Präzision und Wiederholung geworden, die aufzubrechen er sich nur in wenigen freieren Entwurfszeichnungen und in den Gesichtern seiner Figuren erlaubt. (Preise von 4000 bis 35.000 Euro.)
Mike Kelleys reale Traumwelt
Ein Besuch in der Kochstraße bei Jablonka lohnt sich: Die Droge Kunst findet hier vollständige Entfaltung. Hinter der schweren Tür der einst (Ur-)Kölner Galerie öffnet sich ein Science-Fiction-Kabinett vom Musiker-Künstler Mike Kelley. Kandor, die Hauptstadt von Supermans Planet Krypton, ist hier Objekt der Phantasie des Künstlers, Jahrgang 1954. Der Eintritt in dieses Kaleidoskop gleicht einer Rutschbahn in eine perfekte Welt aus HubbaBubba-Farben. Glas-Kristalle ragen in die Höhe, Zeichnungen aus dem Superman-Comic blenden in Leuchtkästen. Dazu gibt es New Age Musik, komponiert vom Meister. Die Einzelarbeiten aus Kunstharz, Gasflaschen und Musik-Videos schießen zu einem schwer zu durchdringenden Formen- und Farburwald zusammen, der psychedelische Verwirrung in den Gehirngängen auslöst - auch wegen der musealen Bedeutung der Schau. Doch ein Museum hätte sich die Produktion dieser Installation kaum leisten können. (Preise von 500.000 Dollar an.)
Nicht nur Hinweise auf den Genuss magischer Pilze beim kreativen Prozess sorgen für visuelle Wirbel und makabre Endzeitstimmung angesichts des Werks von Jim Shaw aus Los Angeles. Shaw bezieht sich in seiner Installation „2012 - Montezumas Rache“ in der - aus Paris zugezogenen - Galerie Praz-Delavallade in der Holzmarktstraße auf eine Kulissenmalerei aus den dreißiger Jahren, die einen Slum am Stadtrand von San Antonio zeigt. Vor diesem Hintergrund lässt der Künstler auf einer elf Meter langen Leinwand seine Vision vom Ende der Welt entstehen, inspiriert durch eine Reise nach Mexiko. Shaw sprengt schließlich die Grenzen der Phantasie mit seinen Comicstrips, den „Traum-Zeichnungen“: Der Kopf eines jungen Mannes zerbirst durch die Kraft eines Bandes, das in Höhe der Augen den Schädel zusammenpresst. Shaw protokolliert seine Träume; sie sind seine Quellen, die er in mittlerweile 500 Zeichnungen umgesetzt hat. Aus Traumelementen schafft er dann auch dreidimensionale „Dream-Objects“: Die Ausstellung ist ein sprudelndes Universum, nur mit Mühe in Grenzen zu halten. (Preise von 11.000 bis 190.000 Euro.)
Jon Kessler widerspricht der Norm
In der Zimmerstraße bei Arndt & Partner hat Jon Kessler, Jahrgang 1957, die Macht über die Besucher übernommen. Seine „Installationskunst in der Kontrollgesellschaft“ lässt keinen Mittelweg zu, Konfrontation ist sein Schlüsselwort. Jon Kessler fertigt Szenarien, die an Dan Graham erinnern, in ihrer überladenen Bildwelt des 21. Jahrhunderts jedoch aktuellen Bezug suchen. Seine kinetischen Medien- und Videoskulpturen nutzen die zeitliche Verzögerung der Bildübertragung, um dem Besucher eine elektronische Fußfessel anzulegen und ihn in ein ratterndes und wackelndes Wirrwarr aus Tausenden von fremden Gesichtern, Zeitungsfotos und Collagen zu schicken. (Preise von 45.000 bis 140.000 Euro.)
Während über der Galerie Carlier / Gebauer an der Jannowitzbrücke die S-Bahnen rumpeln, lassen sich unten die Motive auf den Gemälden des Künstlers Kailiang Yang, Jahrgang 1974, nicht aus der Ruhe bringen und öffnen ihren ganz eigenen Städte-Kosmos: Dort beleuchtet eine Straßenlaterne einen Ast am Baum, dessen Schatten sonderbar auf dem Boden scheint. Der Rest des Bilds verschwindet in dunkler Nacht. Auf einem zweiten Gemälde rinnen dicke Wassertropfen an einer Fensterscheibe herunter. Die Farbe ist jedoch nicht wie Wasser geronnen, und so bleibt eine letzte Eigenart erhalten, die daran erinnert, dass die Poesie von Farbauftrag, Linien und Flächen - und ihr Zusammenspiel - hier den atmosphärischen Ton angeben. Die Gemälde ziehen eine Verbindungslinie zwischen chinesischer und europäischer Tradition der Landschaftsmalerei: Die Präzision weist auf Yangs klassische Malereiausbildung in China hin, die sich in Hamburg, wo der Künstler heute lebt, den Freiraum in den Bildern der Stadt gesucht hat. (Preise von 3000 bis 26.000 Euro.)