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Galerie Estace Im Fahrstuhl zur Etage des Unwirklichen

Als die Anderen aufgaben, fing er erst an: Régis Estace gründete seine Pariser Galerie pünktlich zur Bankenkrise im Jahr 2008. Bald lud ihn Eigen + Art als Gast nach Leipzig ein. Jetzt eröffnet er dort seine erste Dependance.

© Estace Vergrößern Frédéric Xavier Liver nennt sich kurz FXL. Er schnitzt Silhouetten in lackierte Bretter, hier den Umriss des 1851 getöteten Republikaners Alphonse Baudin.

Es war Gerd Harry Lybke, Gründer der Galerie Eigen+Art mit Dependancen in Berlin und Leipzig, der am Ende der Diashow nickte und den Daumen hob. Régis Estace hatte ihm gerade in Paris die Arbeiten seiner französischen Künstler Thomas Agrinier, Dominique Fury und Barbara Navi vorgestellt. Die Szene spielt im Herbst 2012 und ist insofern sinnfällig, als da ein etablierter Galerist dem Newcomer seine Anerkennung zollte. Auf den erhobenen Daumen folgte eine Einladung in das Kunstzentrum der Leipziger Baumwollspinnerei.

Seit Januar dieses Jahres macht Régis Estace in einer Gastgalerie gleich neben Eigen + Art das deutsche Publikum mit seinen Künstlern bekannt. Nach den ersten Erfolgen, besonders mit Thomas Agrinier, dem französisch-italienischen Künstler FXL und dem britischen Maler Stephen Peirce, entschied sich Estace, länger in Leipzig zu bleiben. Im September wird er seine eigenen zweihundert Quadratmeter eröffnen und ist damit pünktlich bereit für das vielbesuchte „Rundgang“-Wochenende in der Baumwollspinnerei am 21. und 22. September. Zwei Soloshows mit Werken von Stephen Peirce und Barbara Navi sind geplant.

25612295 © Estace Vergrößern Die Welt im Kleinen: Barbara Navi nennt ihr Ölgemälde von 2012 „Prémices“, zu deutsch „Anfänge“.

Régis Estace ist ein Quereinsteiger, der mit Intuition an die Kunst herangeht. Er hat Betriebswirtschaft in Caen studiert, ist nach Paris gezogen. Wohl kaum für die Branche prädestiniert, könnte man von dem Sohn eines Einzelhändlers sagen, der fern von der Pariser Kunstszene in einer normannischen Kleinstadt aufwuchs - wenn da nicht das kindliche Schlüsselerlebnis mit der Abbildung eines Gemäldes von Henri de Toulouse-Lautrec auf einem banalen Postkalender gewesen wäre. Davon erzählt mir Régis Estace auf meine Frage nach dem Auslöser seines Kunstinteresses. Geschichten erzählt er gern - zum Beispiel davon, wie er - viel später - einen jungen Künstler in der Londoner Royal Academy of Arts entdeckt. Vom Fahrstuhl aus fällt sein Blick zufällig auf ein Gemälde des Briten Stephen Peirce, der 2003 gerade seinen Kunsthochschulabschluss abgelegt hat.

25612288 © Estace Vergrößern Mikrokosmos: Stephen Peirces Gemälde „Three-Legged“ aus diesem Jahr misst 91 mal fünfzig Zentimeter.

Peirce wird der erste Künstler sein, den Régis Estace in Paris vertritt. In Zusammenarbeit mit der Galeristin Charlotte Norberg organisiert er 2006 im Pariser Marais eine Schau mit Peirce’ Gemälden und verkauft seine ersten Werke in Frankreich. Nach und nach entdeckt Estace dann die Maler Germain Caminade, Kros und Benjamin Gozlan, für die er weitere Ausstellungen gemeinsam mit der Galerie Norberg ausrichtet.

Ende 2008, ausgerechnet zum Anfang der Bankenkrise, gründet er schließlich seine eigene Galerie und zieht in das knapp bemessene Obergeschoss der Galerie Norberg. Die Maler der ersten Stunde sind ihm bis heute treu geblieben. Fast zwanzig Künstler - bevorzugt bleibt die Malerei - gehören heute zum Programm. „Jeder Künstler ist für mich wie ein Baum“, sagt der heute zweiundvierzigjährige Galerist.

25612286 © Estace Vergrößern Inspiriert vom Zeichentrickfilm: In Thomas Agrigniers „The Present“ von 2012 trägt Popeye regenbogenfarbene Hosen.

Die Leitlinie für seine Galerie? „ Nie auf einer Modewelle surfen. Mein leitendes Wort ist Qualität, ich suche eine außergewöhnliche künstlerische Qualität und plane in einem langen Zeitraum“, sagt er. Es geht aufwärts, als ihm die Kunstorganisatorin Mijo Roussel ihre prestigevollen Galerieräume „24 Beaubourg“ anbietet, ideal gelegen zwischen Centre Pompidou und Galerie Daniel Templon. Aus den zunächst geplanten vier Monaten ist mittlerweile ein Jahr geworden, weil Estace bewies, dass er mit seinen Künstlern die dreihundert Quadratmeter zu bespielen weiß. Auf den Durchbruch mit der neuen Ausstellungsfläche in der Rue Beaubourg folgte daher Gerd Harry Lybkes Einladung nach Leipzig.

25612290 © Estace Vergrößern Vor allem dekorativ: Furys „Amazone“ in Mischtechnik von 2012

Lassen sich zwischen den Künstlern der Galerie Estace Gemeinsamkeiten benennen? „Was meine Künstler verbindet, ist eine alchemistische Kunst zwischen Figuration und Abstraktion“, kommentiert Régis Estace. Ein Grundmotiv zieht sich wie ein roter Faden durch die Arbeiten der von ihm vertretenen Künstler: eine existentielle und manchmal metaphysische Beunruhigung, unheimliche Vertrautheit oder trügerisch heimelige Entfremdung liegt in allen Werken.

25612289 © Estace Vergrößern Die unbetitelten Skelette von Kros erinnern an Tattoomotive. Die Zeichnung aus dem Jahr 2009 misst siebzig mal fünfzig Zentimeter.

Barbara Navi und Dominique Fury folgen der surrealen Logik sich immer wieder auflösender Traumbilder oder Erinnerungsfetzen und verschieben die Grenzen der Figuration bis hin zur Abstraktion. Der Einfluss von Comics und Science-Fiction ist bei Raoul Sinier, aber auch bei Thomas Agrinier spürbar, der besonders emotionsstarke Gemälde malt: Episoden aus einer Alltagsrealität, die unweigerlich in den Albtraum abgleiten. Träumen oder Märchenszenen nahe ist auch die nur vordergründig naive Welt von Émile Morel, der für seine der Malerei nahen Computerbilder vorgefundenes Bildmaterial mit verschiedenen Techniken bearbeitet. Die Ölgemälde von Germain Caminade oder Stephen Peirce hingegen experimentieren mit der Idee des Organischen. Peirces Akkumulationen von Materie, die abstrakt wirken und doch im Auge des Betrachters zur anatomischen Figur geraten, gleichen inneren Organen oder Zellansammlungen, wie man sie unter einem Mikroskop sehen würde.

25612291 © Estace Vergrößern Wie Raoul Sinier „malt“ auch Emil Morel am Computer. Hier zu sehen ist sein verstörendes Bild „Bouffi de Gatofilles“ von 2010 (Auflage 8).

Vor der Sommerpause stellte Régis Estace zum ersten Mal in einer Soloshow den von der Street Art kommenden Künstler Shuck One aus, der Ende der achtziger Jahre mit Graffitis in der Pariser Metro begann. Heute arbeitet er mit Acrylfarbe, Aerosolbombe und Filzstift auf Leinwand und hat eine komplexe, narrative Bildsprache entwickelt.

25612292 © Estace Vergrößern Mensch und Maschine verschmelzen in Raoul Siniers „Discordance“ von 2006, einem digitalen Gemälde (Auflage 8).

Régis Estace legt Wert darauf, die Preise seiner Künstler nicht in die Höhe zu treiben, ihre Arbeit aber gleichzeitig mit finanziellen Mitteln zu respektieren. Im Durchschnitt liegen die Werke seiner Galerie zwischen 5000 und 30.000 Euro. Shuck One wird von 5000 bis 20.000 Euro gelistet, Stephen Peirce’ Gemälde verkauft die Galerie zwischen 7000 und 22.000 Euro. Thomas Agrinier, von dem Régis Estace im vergangenen Mai bei einer Ausstellung in Leipzig sechs große Werke verkaufen konnte, obwohl er in Deutschland zuvor noch gänzlich unbekannt war, liegt bei 8000 bis 12.000 Euro.

25612294 © Estace Vergrößern „Apparent Activity“ von Germain Caminade, gemalt 2011, ist ein mal einen Meter groß.

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Die Gastgalerie in Leipzig eröffnet am 4. September; die neuen Räume werden am 21. September in der Baumwollspinnerei eingeweiht.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 23.08.2013, 15:10 Uhr