Es gab wohl kaum einen Künstler, zu dem das Medium Polaroid besser gepasst hätte als zu Andy Warhol: „Ich liebe L. A.“, hat er einmal gesagt. „Ich liebe Hollywood. Alle sind schön. Alle sind aus Plastik - aber ich liebe Plastik.“ Der Sohn eines polnischen Bergarbeiters, der die Endungen seines Namens abschnitt und zum Herrscher über die Oberflächen und Ikonen seiner Zeit wurde, war stets bewaffnet mit einer SX-70 Polaroidkamera, die mühelos und ohne Wartezeit Fotos produzierte, die jedermann augenblicklich bewundern konnte.
Warhols Liebe zum Plastik spiegelte sich in den hochglänzenden Oberflächen seiner zahllosen Polaroidfotos. Er machte aus seiner Lieblingsbeschäftigung sogar ein Verb: „to polaroid“. Doch irgendwann war Warhol gestorben und Polaroid pleite. Plötzlich schienen beide Relikte einer unwiederbringlich verlorenen Vergangenheit zu sein; weltweite Sentimentalität setzte ein. Doch es sollte, zumindest für Polaroid, anders kommen. Ebenso wundersam wie das Sofortbild bis heute auf Laien und professionelle Fotografen wirkt, ist auch die Geschichte der Auferstehung des 1937 von Edwin Herbert Land erfundenen Mediums.
2001 meldete der Polaroid-Konzern nach einem Korruptionsskandal Konkurs an; 2008 schien dann auch das Ende des analogen Polaroidfilms gekommen zu sein. Doch eine Firma mit dem bezeichnenden Namen „The Impossible Project“, gegründet von zehn ehemaligen Polaroid-Mitarbeitern, bewahrte die letzte Filmfabrik im niederländischen Enschede vor dem Abriss. Hier entwickelten die Ingenieure um „Impossible“-Gründer Florian Kaps neue Polaroidfilme - seit März 2010 sind diese auf dem Markt und erfreuen sich eines unglaublichen Zuspruchs.
Was sind die Gründe für die Wiederbelebung? Neben seiner universellen Einsetzbarkeit ist es wohl vor allem die spontane Zeitzeugenschaft, die sich durch ein Sofortbild herstellen lässt. Ein Polaroid sagt innerhalb von dreißig Sekunden: So ist es gewesen! Es besitzt eine unhintergehbare Materialität, die, anders als ein digitales Bild, im Nachhinein nur schwer manipuliert werden kann.
Und nicht zuletzt geht es um archaische Bedürfnisse und schiere Magie: Man muss nicht verstehen, was die Chemikalien unter der glänzenden Polymerhaut machen; es reicht, zu sehen und zu glauben. Polaroid musste erst sterben, um wiederzukehren: Dies zeigt ein Blick sowohl auf historische Positionen als auch auf die zahlreichen jungen Künstler, die aktuell wieder mit Polaroid arbeiten.
Mit einer Widmung von Naomi
Von der Faszination und Entwicklung des Mediums erzählt gegenwärtig die große Ausstellung „From Polaroid to Impossible“ im Westlicht Museum in Wien, dass die mehr als 4000 Arbeiten umfassende Sammlung des Polaroidkonzerns beherbergt. Mehr als 350 davon hat man für das zehnjährige Bestehen des Hauses ausgewählt, die auch ein Spiegel der Fotogeschichte sind; darunter Werke von Ansel Adams, Nobuyoshi Araki, Stephen Shore, Andy Warhol oder Minor White.
In Wien zeigt man auch die größte je gebaute Polaroidkamera: der 106 Kilo schwere Apparat ermöglicht es, Polaroids im Format von 20 mal 24 Inches, also fünfzig mal sechzig Zentimetern, herzustellen. Für einen Modefotografen wie Bruno Bisang gehörte Polaroid zum Tagesgeschäft. Der Schweizer hat in dreißig Berufsjahren gesammelte Polaroids jetzt für ein Buch und mehrere Ausstellungen versammelt, die vor allem einmalige Dokumente der Begegnung von Modell und Fotograf sind, auf denen sich die schönen Damen auch gleich selbst verewigten: Naomi Campbell kritzelte fahrig „Peace + Love“ auf ihr Polaroid, Monica Bellucci schickte ihrem Porträtisten „Bisous, Bisous“.
Alte Katalogmotive zu neuen Polaroids
Zur gleichen Zeit benutzten andere Künstler Polaroids, um jene Codes des Begehrens zu desavouieren, die Fotografen wie Bisang ins Bild setzten. Gerade lässt sich der 2006 verstorbene amerikanische Künstler Robert Heinecken wiederentdecken, der bewies, dass das Sofortbild auch als Medium der Konzeptkunst funktionierte. Der lange Zeit außerhalb der Vereinigten Staaten kaum bekannte Heinecken begründete 1964 das Fotoprogramm an der Kunsthochschule U.C.L.A., wo er mehr als dreißig Jahre unterrichtete.
In den achtziger Jahren führte er in seiner Werkgruppe „Lessons in Posing Subjects“ die vorgebliche Unmittelbarkeit des Mediums Polaroid ad absurdum, indem er Motive aus Werbekatalogen mit der Polaroidkamera erneut abfotografierte und zu Serien zusammenstellte. Die immer gleichen Posen und die immer ähnliche Mimik der Fotomodelle offenbart das Generische und Gleichförmige der sorgsam inszenierten visuellen Werbewelten.
Im Sofortbild birgt sich die Komplexität der Fotografie
Doch enthält jede Verwendung eines Sofortbilds auch noch etwas anderes, das gegenwärtig gerade junge Künstler wieder beeindruckt: In abstrakten technischen Begriffen wie „Image-Transfer“ und „Emulsions-Lift“ verbirgt sich ein Moment der Magie, der den Entwicklungsprozess jedes einzelnen Polaroidfotos offenbart: Es macht den Fotografierenden für einige Sekunden zum Demiurgen, der wie von Zauberhand aus dem Nichts ein Bild erscheinen lassen kann.
Und ganz nebenbei trägt jedes Sofortbild auch die gesamte Komplexität der Fotografie in sich: der Entwicklungsprozess, Positiv und Negativ, die chemische Fixierung des Bildes - all dies geschieht wie von selbst. Dabei besitzt Polaroid auch eine durchaus divenhafte Seite: Ist es zu kalt, muss man das fragile Bild an den Körper drücken und es wärmen; ist es zu heiß, kollabieren die Entwickler.
Erstaunliche Kongruenz mit dem Realen
Von Magie und Zauber im Zusammenhang mit Polaroid spricht auch der aus Vancouver stammende, in Köln lebende Künstler Peter Miller. Er demonstriert in seinen Arbeiten, dass das Medium Polaroid längst auch zur Performance taugt. Auf dem „Festival on Photography“ in Antwerpen zeigte Miller im vergangenen Jahr eine fünfzehnminütige Performance, in der er mit Hilfe eines Spiegels Ausschnitte der eigenen Polaroidkamera fotografierte und das jeweils entstandene Foto an die Wand klebte, bis sich daraus am Ende der Performance dreißig Detailaufnahmen zu einem vergrößerten Abbild der Kamera zusammensetzten.
Miller, der übrigens einst als Zauberer gearbeitet hat, erzielte in seinen Performances eine derart erstaunliche Kongruenz mit dem Realen, dass viele Zuschauer nach dem Trick dahinter fragen. Für den New Yorker Fotografen Jeremy Kost ist das Reale nichts weiter als der graue Morgen nach der letzten Party. Für seine Fotoinszenierungen schubst Kost Drag-Queens und Transsexuelle in voller Kostümierung nach draußen, wo sie wie verirrte Paradiesvögel in maroden Settings leuchten.
Polaroids als Malgründe
Zunächst Dokumentarist und selbst Inventar der New Yorker Clubszene, hat Jeremy Kost mit seinen Polaroid-Collagen den Durchbruch in die Kunst geschafft; gerade ist mit „It's Always Darkest Before Dawn“ eine erste Monographie zu seinem Werk erschienen. Kost inszeniert den grellen Habitus der New Yorker Subkultur in Clustern aus zahllosen, wie zufällig übereinandergelegt wirkenden Polaroids. Er fächert in jedem einzelnen Bildfragment die ganze Theatralität seiner Modelle auf, zeigt aber auch deren Ambivalenz und Gebrochenheit.
Trotz der knalligen Bildsprache ist Kost Polaroid-Purist: „Ich würde nie mit etwas anderem als Polaroid arbeiten. Ich verabscheue jede Art von digitalem Eingriff.“ Der 1982 geborene kanadische Fotokünstler Chad Coombs behandelt seine Polaroids konsequent als Malgründe: Er nimmt Pinsel und Stifte zur Hand und überzieht seine Frauenporträts mit Schrift und Ornamenten, ritzt in die Oberflächen ein und kratzt aus und spielt darin mit der inhaltlichen wie formalen Nähe zu den Fotopionieren des ausgehenden 19. Jahrhunderts.
Die Candela Project Gallery vertritt den Künstler in München. Arbeiten kosten zwischen 2050 und 5350 Euro. Es ist also nicht zu übersehen - das Sofortbild hat seine Rolle in der Kunst: als Zeit- und Wunschmaschine. Es konserviert eine vergangene Zeit und weist zugleich in die Zukunft, weil es daran erinnert, dass Fotografie vor allem eine sinnliche Erfahrung ist.