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DDR-Fotografie : Stillgestanden!

  • -Aktualisiert am

Der Fotograf Reinhard Mende hielt dreißig Jahre lang die Arbeiter in den DDR-Firmen für Werbezwecke fest. Jetzt sind sie in Berlin ausgestellt - mit historischer Wirkung.

          Woher kommen diese Bilder, die fremd und gleichzeitig so mächtig erscheinen? Sie zeigen uns eine Arbeitswelt, die der westlich sozialisierten Betrachterin ungewohnt erscheint. Keine lächelnden Menschen an ihren unmenschlichen Geräten, wie man es früher in der Fernsehwerbung sah, sondern Arbeiterinnen, die sich einfügen, eins sind mit den Maschinen. Darunter ist eine in Gedanken versunkene junge Frau. Sie ist im strengen Profil aufgenommen: schmales Gesicht, erschöpfte, zerbrechliche Erscheinung. Ihr Fotograf Reinhard Mende zeichnete kein Porträt. Es ging ihm um die Maschine - und dann irgendwann zählte erst die Arbeiterin, als eine unter vielen.

          Das Bild mit der Archivnummer „rm_00080C_08“ entstand in einer Fabrik im thüringischen Zella-Mehlis am 8. Juni 1971. Jetzt aber wurde es neu abgezogen in einem Format von 65 mal 55 Zentimetern und ist in der Berliner Galerie von Thomas Fischer zu sehen - in der Schau „Double Bound Economies“. Das Foto ist eine Auftragsarbeit. Der Autodidakt und Fotograf (gestorben 2012) hat in der Deutschen Demokratischen Republik 16.500 Bilder von den sechziger Jahren bis zum Mauerfall geschaffen. Dann war Schluss. Denn er blieb ein Mann der DDR (aber nicht der SED).

          Er war ein freischaffender Fotograf, in einer Welt der Kollektive eine „seltene Erscheinung“, wie er sich selbst nannte. Mit seiner Mittelformat-Kamera („die einzige, die es in der DDR gab“) hat er im Auftrag der Kombinate, zum Beispiel auch der Werbeabteilung von „Aka Electric“ oder „Heim Electric“, die Arbeit in rund hundert Volkseigenen Betrieben dokumentiert - in Schwarzweiß und ab und an sogar in im Osten seltener Farbe.

          Seine Schätze werden erst heute nach und nach gehoben, von seiner Tochter, der Kuratorin Doreen Mende, der Fotografiehistorikerin Estelle Blaschke und dem Fotografen Armin Linke. Mendes Erbe ist eine historische Entdeckung - auch in künstlerischer Hinsicht. Wie aber können wir die Bilder heute sehen? Ist es sinnvoll, sie in einer Galerie für Gegenwartskunst zu zeigen? Zum Projekt „Doppelte Ökonomien“ gehört nicht nur das Archiv von Mende, sondern auch die Verbindung der fotografischen Dokumente mit Diskussion und Kunst von Allan Sekula, Olaf Nicolai, The Otolith Group und vielen anderen.

          Diese Bilder sind schon lange nicht mehr nur Werbung, die ein System repräsentiert - im Spagat zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Diese Bilder sind schon lange nicht mehr nur historisches Dokument, das zeigt, wie der Realsozialismus international vermarktet wurde - in der BRD, Schweden und Frankreich und auch in Ländern, die sich seit den siebziger Jahren in einer besonderen postkolonialen Entwicklung befanden wie Angola, Moçambique und Äthiopien. So dokumentiert ein Foto den „Vertreterempfang in Falstaff“ mit einem Minister aus Moçambique am 16. März 1978. Die Bilder haben auch eine künstlerische Wirkung.

          Die gezeigten Leute sind durch die halbe Sekunde Belichtungszeit der Kamera wie festgesetzt. Natürlichkeit ist unmöglich. Mende sagte in einem Interview, er habe die Menschen gebeten, in Zeitlupe zu arbeiten - „stillestehen“ nennt er das. Diese befremdliche Ruhe, entstanden durch die technischen Grenzen, gibt der Inszenierung etwas Unschuldiges und steht gleichzeitig symbolisch für eine Form des Stillstands, der Unbeweglichkeit. Die Menschen schauen auf Mendes Fotos nie direkt in die Kamera. Sie bringen sich als Personen nicht ein, sondern halten den Kopf - alle in einem ähnlichen Winkel - leicht gesenkt. Sie waren damals Schauspieler eines Imagetransfers. Heute erzählt die junge Frau aus Zella Mehlis die ganze Geschichte der DDR. Sie scheint wie eingefroren im Augenblick ihrer Tätigkeit, die sich Arbeit nennt.

          Die Fotografien von Reinhard Mende kosten 2400 Euro, Auflage je 15.

          Quelle: F.A.S.

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