http://www.faz.net/-gyz-7bein
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 24.07.2013, 20:58 Uhr

DDR-Fotografie Stillgestanden!

Der Fotograf Reinhard Mende hielt dreißig Jahre lang die Arbeiter in den DDR-Firmen für Werbezwecke fest. Jetzt sind sie in Berlin ausgestellt - mit historischer Wirkung.

von

Woher kommen diese Bilder, die fremd und gleichzeitig so mächtig erscheinen? Sie zeigen uns eine Arbeitswelt, die der westlich sozialisierten Betrachterin ungewohnt erscheint. Keine lächelnden Menschen an ihren unmenschlichen Geräten, wie man es früher in der Fernsehwerbung sah, sondern Arbeiterinnen, die sich einfügen, eins sind mit den Maschinen. Darunter ist eine in Gedanken versunkene junge Frau. Sie ist im strengen Profil aufgenommen: schmales Gesicht, erschöpfte, zerbrechliche Erscheinung. Ihr Fotograf Reinhard Mende zeichnete kein Porträt. Es ging ihm um die Maschine - und dann irgendwann zählte erst die Arbeiterin, als eine unter vielen.

Das Bild mit der Archivnummer „rm_00080C_08“ entstand in einer Fabrik im thüringischen Zella-Mehlis am 8. Juni 1971. Jetzt aber wurde es neu abgezogen in einem Format von 65 mal 55 Zentimetern und ist in der Berliner Galerie von Thomas Fischer zu sehen - in der Schau „Double Bound Economies“. Das Foto ist eine Auftragsarbeit. Der Autodidakt und Fotograf (gestorben 2012) hat in der Deutschen Demokratischen Republik 16.500 Bilder von den sechziger Jahren bis zum Mauerfall geschaffen. Dann war Schluss. Denn er blieb ein Mann der DDR (aber nicht der SED).

Er war ein freischaffender Fotograf, in einer Welt der Kollektive eine „seltene Erscheinung“, wie er sich selbst nannte. Mit seiner Mittelformat-Kamera („die einzige, die es in der DDR gab“) hat er im Auftrag der Kombinate, zum Beispiel auch der Werbeabteilung von „Aka Electric“ oder „Heim Electric“, die Arbeit in rund hundert Volkseigenen Betrieben dokumentiert - in Schwarzweiß und ab und an sogar in im Osten seltener Farbe.

Seine Schätze werden erst heute nach und nach gehoben, von seiner Tochter, der Kuratorin Doreen Mende, der Fotografiehistorikerin Estelle Blaschke und dem Fotografen Armin Linke. Mendes Erbe ist eine historische Entdeckung - auch in künstlerischer Hinsicht. Wie aber können wir die Bilder heute sehen? Ist es sinnvoll, sie in einer Galerie für Gegenwartskunst zu zeigen? Zum Projekt „Doppelte Ökonomien“ gehört nicht nur das Archiv von Mende, sondern auch die Verbindung der fotografischen Dokumente mit Diskussion und Kunst von Allan Sekula, Olaf Nicolai, The Otolith Group und vielen anderen.

Diese Bilder sind schon lange nicht mehr nur Werbung, die ein System repräsentiert - im Spagat zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Diese Bilder sind schon lange nicht mehr nur historisches Dokument, das zeigt, wie der Realsozialismus international vermarktet wurde - in der BRD, Schweden und Frankreich und auch in Ländern, die sich seit den siebziger Jahren in einer besonderen postkolonialen Entwicklung befanden wie Angola, Moçambique und Äthiopien. So dokumentiert ein Foto den „Vertreterempfang in Falstaff“ mit einem Minister aus Moçambique am 16. März 1978. Die Bilder haben auch eine künstlerische Wirkung.

Die gezeigten Leute sind durch die halbe Sekunde Belichtungszeit der Kamera wie festgesetzt. Natürlichkeit ist unmöglich. Mende sagte in einem Interview, er habe die Menschen gebeten, in Zeitlupe zu arbeiten - „stillestehen“ nennt er das. Diese befremdliche Ruhe, entstanden durch die technischen Grenzen, gibt der Inszenierung etwas Unschuldiges und steht gleichzeitig symbolisch für eine Form des Stillstands, der Unbeweglichkeit. Die Menschen schauen auf Mendes Fotos nie direkt in die Kamera. Sie bringen sich als Personen nicht ein, sondern halten den Kopf - alle in einem ähnlichen Winkel - leicht gesenkt. Sie waren damals Schauspieler eines Imagetransfers. Heute erzählt die junge Frau aus Zella Mehlis die ganze Geschichte der DDR. Sie scheint wie eingefroren im Augenblick ihrer Tätigkeit, die sich Arbeit nennt.

Mehr zum Thema

Die Fotografien von Reinhard Mende kosten 2400 Euro, Auflage je 15.

Quelle: F.A.S.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Nach der Krebs-Krankheit Gesund werden mit der Kraft des Eisenmanns

Der 16 Jahre alte Okan hat den Blutkrebs besiegt. Welche Helden ihm dabei geholfen haben, zeigt er in einer eigenen Ausstellung. Mehr Von Sven Ebbing, Frankfurt

01.05.2016, 19:22 Uhr | Rhein-Main
Nach Anschlägen von Brüssel Polizei fahndet mit neuem Foto nach Mann mit Hut

Die belgische Polizei hat neue Bilder des mutmaßlichen Attentäters, dem Mann mit Hut veröffentlicht. Sie hofft auf Mithilfe bei der Suche nach den Attentätern von Brüssel. Der Mann war auf einem Überwachungsvideo mit den mutmaßlichen Selbstmord-Attentätern zu sehen. Die Ermittler gehen davon aus, dass er ein Komplize ist. Mehr

08.04.2016, 18:51 Uhr | Politik
Gallery Weekend Das Modell funktioniert bestens

Das Gallery Weekend in Berlin überzeugt mit hervorragenden Ausstellungen, und einmal mehr sind viele internationale Besucher in die Stadt gekommen. Ein Rundgang. Mehr Von Kolja Reichert

30.04.2016, 10:18 Uhr | Feuilleton
Genfer Open-Air-Ausstellung Schweiz will Erdogan-kritische Installation nicht entfernen

Die Stadt Genf hat nach eigenen Angaben Forderungen der Türkei zurückgewiesen, eine gegen Präsident Erdogan gerichtete Foto-Installation zu entfernen. Auf einem Werk des kurdisch-armenischen Fotografen Demir Sönmez wird Erdogan für den Tod eines Jungen bei Protesten 2013 in Istanbul mitverantwortlich gemacht. Mehr

27.04.2016, 15:51 Uhr | Politik
Syrische Fotografien Surreale Schicksale

Fotograf Omar Imam ist aus Damaskus geflohen. Er bedient sich konzeptioneller Fotografie, um die Schicksale der syrischen Flüchtlinge in libanesischen Lagern zu inszenieren. Mehr Von Ann-Katrin Gehrmann

03.05.2016, 20:33 Uhr | Feuilleton

Übertriebene Überfremdungsangst

Von Daniel Deckers

Die Studie „Migration und Integration“ kommt zur rechten Zeit. Denn was die Wissenschaftler über die Einwanderung nach Deutschland herausgefunden haben, könnte manche Überfremdungsangst dämpfen. Mehr 10