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Ausstellung : Ihre lebendigen Papiere

  • -Aktualisiert am

Die Galerie Jocelyn Wolff in Paris widmet der Künstlerin Colette Brunschwig eine Einzelausstellung. Ihre Papierarbeiten aus Tusche bestechen durch teils abstrakten Visionen.

          Paul Celans Gedicht „Keine Sandkunst mehr“ endet in vier geheimnisvollen Zeilen und poetischer Lautmalerei: „Dein Gesang, was weiß er? / Tiefimschnee, / Iefimnee, I – i – e.“ Eine vordergründig sinnstiftende Lyrik konnte Celan nicht mehr schreiben, seine Gedichte sind Spurensuchen, für die er Worte aus den Abgründen der Sprache hervorholt und wie geborgene Schätze in verletzten Strophen freilegt. Colette Brunschwig gehört zur selben Generation wie Paul Celan, vor allem aber teilen der Dichter und die Malerin eine tiefwurzelnde künstlerische Verwandtschaft.

          Brunschwigs Werk stellt genau die Frage: Deine Malerei, was weiß sie? Wie können aus der Leere, aus dem Nichts doch noch Form, Klangfarbe und Bild entstehen? Celan und Brunschwig entkamen als junge Menschen der Vernichtung. Paul Celan überlebte die Arbeitslager, Colette Brunschwig, die 1927 in Le Havre geboren wurde, die Deportation der französischen Juden. Beider Kunst ist aus der Erfahrung der vollkommenen Zerstörung, auch jeglicher Werte, hervorgegangen. „Das Nichts war der Ausgangspunkt meiner Malerei“, sagt Brunschwig heute, nach fast sieben Jahrzehnten des unermüdlichen Suchens und Schaffens. „Aber“, fügt sie hinzu, „so wie Paul Celan zu dem Schluss gekommen war, dass die Dichtung nicht am Ende ist, so bin ich zu dem Schluss gekommen, dass die Malerei nicht am Ende ist.“ Celans Werk hat die Künstlerin immer geistig begleitet, bis hin zu einer Serie von Zeichnungen, für die sie in den sechziger Jahren die Druckfahnen zum Lyrikband „Die Niemandsrose“ wie ein Palimpsest bearbeitete.

          Von Graffititechniken bis zu Malewitsch

          Colette Brunschwig hat eine erklärte Vorliebe für Arbeiten auf Papier und für Techniken, die es ihr erlauben, eine dritte Dimension im Bild entstehen zu lassen, ohne Figuration und Perspektive zu bemühen. Mit Pinsel, Tusche und Wasser, mit aufgesprühter Pochoir-Technik oder zugefügten Ritzungen bearbeitet sie das saugfähige Papier. Es wird ihr zur Matrix, der sie in einem aquatischen, fast alchimistischen Prozess Leben und Seele einhaucht. Ihre abstrakten Visionen tauchen aus einer Tiefe auf – der Tiefe eines Meeres oder des Universums. Dann wieder lassen sich Formen, Hüllen schuppiger Häutungen oder Fabelwesen erkennen, die im fruchtbaren Gewässer der wiederbelebten Malerei oszillieren, Strahlenbündel wie Blitzgewitter sprühen aus dem Bildraum, Stelen ragen darin auf wie Mahnmale.

          Die Pariser Galerie Jocelyn Wolff zeigt in ihren vergrößerten, frisch renovierten Räumen eine Auswahl von knapp zwanzig Werken, aus den siebziger Jahren bis in die Gegenwart. Sie bleiben ohne Titel, wie alle Werke Brunschwigs, und sie sind überwiegend mit schwarzer Tusche gearbeitet. Ihre Materialität hat eine sinnlich erfahrbare Textur und ist unglaublich lebendig. Die Einflüsse sind mannigfaltig: von Graffiti- und Schablonentechniken der Felszeichnungen über die alte chinesische Malerei oder die Pigmentwirbel aus den Anfängen der Abstraktion in Gemälden William Turners bis hin zum Monet der späten „Nymphéas“ und zu Malewitsch (Preise von 2900 bis 45 000 Euro, die meisten Arbeiten zwischen 7300 und 20 000 Euro).

          Langsam rücken die Künstlerinnen der unmittelbaren Nachkriegszeit in den Fokus der Galerien und Museen. Colette Brunschwig stand abstrakten Malern wie Yves Klein, Pierre Soulages, André Marfaing oder Serge Poliakoff nahe und gehört, etwa mit Pierrette Bloch, zu den wenigen Malerinnen jener Zeit, denen ein prekäres Bestehen in der männlich dominierten Kunstwelt gelang.

          Galerie Jocelyn Wolff: Papiers - Colette Brunschwig, 78 Rue Julien Lacroix, Paris, noch bis zum 2. April

          Quelle: F.A.Z.

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