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Ausstellungen in Berlin Gewinnrolle seitwärts

 ·  Nasan Tur folgt in der Berliner Galerie Blain Southern den Verlockungen des Kapitals. Dabei hätte er das Potential eines Künstlers wie Bas Jan Ader. Dem 1975 Verschwundenen widmet Klosterfelde eine eindringliche Schau. 

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© Galerie Blain Southern Vergrößern Der Künstler als Zauberer? „Magic“ heißt eine neue Videoarbeit von Nasan Tur, in der glattpolierte, wohlausgeleuchtete Bilder zeigen, was alles so im guten Geld steckt.

Wenn man Besucher im Museum belauscht, wie sie Porträts anschauen, fällt irgendwann auf, dass sie in ihren Gesprächen über die gezeigte Person spekulieren, ihr ein Leben andichten, Sorgen formulieren und Nöte - oder auch ihr Glück beschreiben. Die Kunstmittel treten in den Hintergrund, egal, ob das Porträt aus dem sechzehnten oder zwanzigsten Jahrhundert ist, ob Fotografie oder Malerei - Porträts haben eine eigenwillige, persönliche Wirkung. Wer ist der gezeigte Mensch, was hat er erlebt, was kann er uns erzählen?

Bas Jan Ader hat diese Innereien der Porträtkunst, das, was wir hinzudichten und zusammenspekulieren, ohne Scham nach außen gekehrt, indem er sich in seiner Performance „I’m Too Sad to Tell You“ 1971 weinend zeigte: Da habt ihr ein Innenleben. Nur dass das auch wieder nicht wahr sein musste: Was wirklich los ist, verschwieg er uns genauso wie jedes unbewegliche Gemälde, die Trennscheibe ist der Kunstcharakter eines solchen Werkes selbst.

Heute können wir seine Porträts in aller Ruhe beschauen - in Close-Up-Fotos und in einem Video, das die Performance dokumentiert. Sein verzerrtes Gesicht, sein Kopf, der zurückfällt, seine hochgefahrene Hand - Geste der Scham? Die Schwarzweißbilder, zurzeit bei Kolsterfelde in Berlin zu sehen in einer kleinen, eindringlichen Ausstellung des Künstlers, der 1975 im Alter von nur 33 Jahren mit seinem Boot über den Atlantik fuhr und verschwand, sind Bilder der Tragik. Sie lassen einen ganz nah rankommen ans Wesen der Erscheinung Leben - und stoßen einen dann wieder fort.

Die Galerie Klosterfelde residiert in Berlin in der Potsdamer Straße, fern des Laufpublikums in einem oberen Stockwerk eines repräsentativen Altbaus. Wenige hundert Meter weiter befindet sich der Eingang zu den ehemaligen Höfen des „Tagesspiegel“. Hier haben sich in den vergangenen Jahren einige Galerien niedergelassen. Nun zeigt dort ein Künstler ebenfalls Gesicht. Nasan Tur wurde 1974 in Offenbach geboren und hat unter anderem an der Städelschule in Frankfurt studiert. Er lebt in Berlin. Doch er ist es nicht selbst, dem wir in die Seele schauen, sondern er zeigt uns ein Fahndungsfoto einer Sache, der man die Seele meist gerade abspricht: des Kapitalismus. Auf hochkantgestellten Flachbildschirmen sagen Banker immer wieder das Wort „Kapital“, wundersam changierend, dreißig Minuten lang, dann beginnen sie von vorne.

Im Hintergrund hat Tur in der viele Meter hohen Druckerei rund achthundert Zeichnungen dicht an dicht gehängt, auf denen Variationen des Wortes „Kapital“ zu lesen sind: „Khapietall“, „Cahpihtaahlh“, „Caahphpiehthaahlhh“, „Kaappital“. Mit indischer Tusche auf vierzig mal sechzig Zentimeter großes handgeschöpftes tibetisches Papier aufgebracht, kostet eine Kapital-Zeichnung 1000 Euro. Der Künstler arbeitet an dem teuersten Kunstwerk der Welt - doch wird das schwierig werden: Es gibt 41.000 mögliche Variationen der Schreibweise, das wären 41 Millionen Euro, an deren Gegenwert der Künstler sechzehn Jahre arbeiten würde. Und die Banker im Video entsprechen jedem Klischee: Wir schauen ihnen unmittelbar ins verschwitzte Gesicht, junge, pickelige Anfänger sprechen vom Kapital, als hätten sie sich in Jahrzehnten der Plusmacherei einen Marxbart verdient.

Nasan Tur war in einer ganzen Reihe Ausstellungen in Kunstvereinen und Museen zu sehen - im Nassauischen Kunstverein, im Marta in Herford, im Kunstraum Tanas. Immer wenn politische Themen aufgegriffen werden, ist er ein gerngesehener Gast. Er thematisierte Gesten von Politikern, die Botschaft der Revolutionen, Agitation und Propaganda.

Seine Kapital-Kunst aber zeigt er jetzt ausgerechnet bei Blain Southern, wo man pointierte Profitkritik sonst eher nicht suchen geht. Harry Blain und Graham Southern waren, bevor sie ihre Galerie in der Potsdamerstraße gründeten, die Direktoren von Haunch of Venison. 2007 verkauften sie ihre Galerie an Christie’s, sich selbst eingeschlossen - eine Einladung ans Auktionshauses, in den Primärmarkt einzugreifen. Der Schritt wurde heftig diskutiert. Graham Southern hatte zuvor schon für Christie’s gearbeitet. Haunch of Venison wuchs weiter.

2010 verließen die Gründer jedoch das Haus, das mittlerweile geschlossen wurde. Vor zwei Jahren haben sie dann ihre eigene Galerie in Berlin aufgemacht, mit viel Tamtam, in imposanten Räumen, im Zentrum jene hohe Produktionshalle, in der Nasan Tur jetzt am Geld kratzt, der eigentlich so vorsichtig begonnen und die Welt mit einem Blick betrachtet hat, der sich mit dem von Bas Jan Ader auf Augenhöhe finden könnte: keine naive Draufsicht, sondern eine durchschnittene, durchforstete, manipulierte Perspektive, die ihr Scheitern in Kauf nahm, um es wieder zu versuchen. Bei Nasan Tur läuft nun sein eigenes Roulettespiel immer weiter.

Bas Jan Ader fährt bei Klosterfelde derweil im Loop mit dem Fahrrad in den Fluss, lässt sich vom Ast fallen, verliert, geht aber seit Jahrzehnten in seiner Kunst nicht verloren. Nasan Tur hat vor einigen Jahren eine Videoarbeit geschaffen, „Somersaulting Man“, auf der man touristische Orte wie den Eiffelturm in Paris, Plätze in Tokio oder Istanbul sieht. Im Hintergrund, nur auf den zweiten Blick zu erkennen, schlägt einer Purzelbäume, schnurstracks: Man kann überall Besseres machen als Geld in Berlin.

Bas Jan Ader: „In Search of the Miraculous“, bei Klosterfelde, bis mindestens Ende Juli.

Nasan Tur: „At Your Own“, bei Blain Southern bis 3. August.

Quelle: F.A.S.
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03.07.2013, 11:09 Uhr

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