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Ausstellung : Fremde sind wir uns selbst

Eine Ausstellung in der Berliner Galerie Neu mit Werken von Erika Verzutti, Francis Picabia und anderen reflektiert das wohl aktuellste Thema unserer Zeit: Fremdheit

          Der Fremde hat es nicht einfach in diesen Tagen - das gilt nicht nur für diejenigen, die in diesem Land tatsächlich als Fremde ankommen; es gilt auch für den berühmten Roman „Der Fremde“ des Schriftstellers Albert Camus, in dem ein Mann namens Meursault ziellos durch die Hitze Algeriens treibt, bis er am Strand eher zufällig einen Araber erschießt, was er keinesfalls bereut. Diese Kälte setzte über Generationen den existentialistischen Ton für alle, die sich einsam und heroisch geworfen fühlen wollten. Nun aber ist auf Deutsch ein anderer französischer Roman erschienen: „Der Fall Meursault - Eine Gegendarstellung“ des Algeriers Kamel Daoud, erzählt die Geschichte vom Fremden noch einmal, aber aus der Sicht des Bruders des ermordeten Arabers, und natürlich sieht der Mörder darin nicht mehr lässig und beneidenswert cool, sondern wie ein brutaler, dummer Kolonialist aus.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Um derartige Wandlungen in der Wahrnehmung des „Fremden“ geht es auch in einer kleinen Ausstellung, die bis zum 19. April in der Berliner Galerie Neu zu sehen ist. Hier wird aus dem Fremden „die Fremde“, was einen Ort in der Ferne und eine fremde Frau bezeichnen kann - und genau in diesem Spannungsfeld zwischen Geopolitik und Geschlechteridentität bewegen sich die Arbeiten. Der Galerieraum wird dominiert von einer Arbeit von Cosima von Bonin, sie heißt „der Italiener“ und verweist auf die Lieblingsfremde der Nachkriegsdeutschen - nur dass der Italiener hier in keiner guten Verfassung ist. Die Nase, die an Pinocchio, aber auch an den Virilitätskult der Berlusconi-Jahre denken lässt, ragt wie eine ziellose Speerspitze in den Himmel, die Figur musste sich offenbar übergeben, auch der Balkon hat alles Oh-Romeo-oh-Julia-Hafte verloren. Als ähnlich schrille Dekonstruktion von Erhabenheitsbildern kann man auch das bad-painting-artige Ölporträt einer Frau verstehen, das Francis Picabia 1942 im Stil zeitgenössischer Illustrierter und faschistischer Propagandabilder malte (230 000 Euro).

          Zwischen Plattenbauten und alten Resthinterhäusern

          Wenn Camus‘ „Fremder“ in der Literatur ein ideales männliches Selbstbild als unberührbar, stoisch und schweigsam codierte, sieht man in dieser Ausstellung Gegenbilder dazu: einerseits sehr plakativ-klamaukige Zerschlagungen männlicher Auftritte wie Bonins Monumentalscherz (160 000 Euro), andererseits kleinere, aber interessantere Entwürfe weiblicher Fremdheit, wie die Bilder, die Birgit Mergerle von selbstbewussten Frauen wie Charlotte Rampling malt (12 000 Euro), oder Erika Verzuttis Bronzearbeit „Parque México“, die eine aparte neue Form zwischen Skulptur, Körperfragment und individueller Topographie erfindet (12 000 Euro).

          Eine der schönsten Arbeiten der Galerie, die in einem Hinterhof zwischen Plattenbauten und alten Resthinterhäusern liegt, ist aber eine Arbeit des Künstlers Tom Burr: Ein paar Wände und Türen, ein halbes Wohnzimmer mit Fenster, Tisch, Aschenbecher stehen da im Außenraum. Tagsüber klettern Kinder darin herum, nachts stehen dort Jugendliche, drücken ihre Zigaretten im Aschenbecher aus und küssen sich im Schutz der Wände. So wird das Hausfragment wieder zum Teil der Welt, aus der es, um Kunstwerk zu werden, herausgerissen wurde, und wie hier die Kunst vom Leben besetzt werden darf, ohne dabei ihren ästhetischen Wert zu verlieren, ist angesichts der kunstmarktkonformen Sakralisierung noch der größten Banalitäten tatsächlich zauberhaft.

          Quelle: F.A.Z.

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