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Aus dem Zentralarchiv des internationalen Kunsthandels : Als Beuys für Polke schrieb

  • -Aktualisiert am

Ein Knallbonbon von Joseph Beuys: Über eine Ausstellung bei René Block - und wie der auf dem Kölner Kunstmarkt „Das Rudel“ verkaufte.

          Es war einmal in der guten alten Zeit, als die Welt der Kunst noch mit idealistischen und enthusiastischen Pionieren bevölkert war, mit Künstlern und Galeristen, die Ausstellungen „Demonstrationen“ oder „Demonstrativen“ nannten und hofften, die Kunst und den Kunstbesitz demokratisieren zu können - und dadurch die Welt nicht nur schöner, sondern auch besser.

          Es war das Jahr 1966, das Jahr, in dem Sigmar Polke seine allererste Einzelausstellung hatte. Damit es dazu kommen konnte, hatte erst die Galerie René Block in Berlin in der Frobenstraße 18 gegründet werden müssen: Im Alter von zweiundzwanzig Jahren, damals von den Kollegen für noch „halbstark“ gehalten, hatte Block diese Gründung im September 1964 mit „Neodada, Pop, Decollage, Kapitalistischer Realismus“ unternommen.

          Eine „Kampfgalerie“ für aktuelle Kunst

          Für die Eröffnungsausstellung seiner, wie er sie selbst nannte, „Kampfgalerie“, die sich für die aktuelle deutsche Künstlergeneration einsetzen wollte - im Gegensatz zu den „erwachsenen“ Kollegen, die zunehmend auf den Import amerikanischer Kunst setzten -, hatte er eine bunte Künstlerschar rekrutiert; die meisten von ihnen hatte er erst kurz zuvor kennengelernt: so auch Sigmar Polke, den Buntesten der Bunten. Nach und nach widmete er seinen Künstlern Einzelausstellungen, als Erstem Gerhard Richter von Ende November 1964 bis Anfang Januar 1965.

          René Block war auch bemüht, für jede Ausstellung einen Katalog zu produzieren. Für Richter hatte er Manfred de la Motte als Autor gewinnen können, Hans Strelow hatte für Konrad Lueg (Fischer) geschrieben. Aber für Polke, dessen Ausstellung am 11. Mai 1966 eröffnet werden sollte, war es damals wegen seiner absoluten Außenseiterposition, so erinnert sich Block, nicht möglich, unter den anerkannten Kunstkritikern einen Autor zu finden.

          Beuys als Autor

          So kam der Galerist auf die Idee, einen Künstlerkollegen anzusprechen: Joseph Beuys. Beuys hatte beratend bereits bei der ideellen Konzeption der Galerie Block als einer intermediären Galerie Pate gestanden und drei Monate nach der Eröffnung, am 1. Dezember 1964, dort als erste einer ganzen Reihe von Aktionen seinen Fluxus-Gesang „DER CHEF“ aufgeführt. Beuys, so wusste Block, schätzte Polke ganz besonders; denn er hatte einmal auf die Frage nach der Bedeutung der einzelnen Künstler der jungen Generation, ohne zu zögern, Polke als den wichtigsten herausgestellt.

          Und ohne zu zögern hat Beuys auch zugestimmt, einen Text für den Katalog zu schreiben, der dann natürlich ganz anders wurde als das, was ein Kritiker produziert hätte. Inspiriert durch Polkes Witz, bastelte Beuys ein Knallbonbon, das er an seinen damaligen, wie es scheint, Lieblingsfeindbildern entzündete: an der Berliner Mauer und am Establishment in Form der „vergreisten Gesellschaftstypen wie Mitscherlich“.

          Baut die Mauer höher!

          Die Berliner Mauer hatte Beuys bereits 1964 in einem handschriftlichen Statement gewürdigt, das sich im Archiv Block erhalten hat: „19. July 1964: Beuys empfiehlt Erhöhung der Berliner Mauer um 5 cm (bessere Proportion!).“ Den „vergreisten Gesellschaftstypen“, wie dem Psychoanalytiker und Schriftsteller Alexander Mitscherlich, könnten die Polke-Ausstellung und der Katalog „ganz gut als kleine erste Prise“ entgegenschlagen, so schrieb Beuys an Block in seinem Brief, der den Textentwurf begleitete.

          Mitscherlichs erste geschiedene Frau Melitta, die in Düsseldorf als Ärztin und Psychoanalytikern praktizierte, war hingegen eine begeisterte Mitstreiterin von Beuys, unter anderem als Gründungsmitglied im Förderverein für die Free International University. Als Polkes Ausstellung bei Block dann im Mai 1966 stattfand, hat sich die Formulierung der „Stolperbilder“ insofern als ominös erwiesen, als einer der noch wenigen Sammler Blocks, der gelegentlich Richter, Hödicke und sogar Polkes Rasterbilder gekauft hatte, tatsächlich über diese Ausstellung gestolpert ist: Richtig böse sei er geworden und habe gefragt, ob Block ihn auf den Arm nehmen wolle.

          Wende um das Jahr 1970

          Jedenfalls, so Block, habe er ihm die Ausstellung dermaßen übelgenommen, dass er nie wieder gekommen sei. Ansonsten sei die Resonanz, wie es damals in der Berliner Diaspora die Regel war, ziemlich bescheiden gewesen. Aus der Ausstellung direkt wurde nichts verkauft. Erst später, um 1970 auf dem Kölner Kunstmarkt, trat eine Wende zugunsten Polkes ein.

          Beuys hat die Ausstellung nicht gesehen. Sein Textentwurf dafür ist im Original zu sehen in der Ausstellung „Joseph Beuys - Wir betreten den Kunstmarkt“, die das ZADIK gerade auf der Art Cologne präsentiert und anschließend in seinen Räumen im Kölner Mediapark. Die Ausstellung ist Beuys und einigen seiner frühen Wegbegleiter unter den Galeristen gewidmet, von denen René Block einer der wichtigsten war.

          Diesmal ging es ihm um den Preis

          Ausgerechnet ihm, dem es als Galerist nie um das Geldverdienen an sich gegangen ist und der - mit einer Ausnahme - nie mit den großen Beuys-Werken gehandelt hat, sondern dessen Aktionen und Multiples betreute, hatte es Beuys zu verdanken, dass er als erster deutscher Künstler der Nachkriegszeit die Hundert tausend-Mark- Grenze durchbrach: René Block hatte es sich in den Kopf gesetzt, auf dem Kölner Kunstmarkt 1969 Beuys' später als „Das Rudel“ bekannt gewordene Arbeit zu einem symbolischen Preis anzubieten.

          Er wollte dafür so viel haben, wie eine Arbeit von Warhol oder Rauschenberg, den beiden damals bestbezahlten Künstlern, auf der Kunstmesse kosten sollte. Als er dort einen Rauschenberg für 110 000 Mark sah, war das sein Preis. Die ganze Messe über trotzte er den Überredungsversuchen des Kollegen Schmela und sogar von Beuys selbst, mit dem Preis herunterzugehen, und bis zum letzten Tag hat er gezittert. Dann kaufte ihm Jost Herbig „Das Rudel“ tatsächlich für 110.000 Mark ab.

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