06.09.2008 · Auch die Galerien in Frankfurt zeigen, dass die Stadt für die Kunst keineswegs verloren ist - ein Rundgang.
Von Konstanze CrüwellZum Glück sei ihre Ausstellung schon ein paar Tage vor der Vernissage fertig installiert gewesen, sagt die junge Frankfurter Galeristin Eva Winkeler. Denn am Mittwoch kam zufällig ein Hamburger Kunstfreund vorbei, blieb vor ihrem Schaufenster stehen - und kaufte eines der großformatigen Werke ihres Künstlers André Niebur. 1973 geboren, bewegt sich dieser frühere Meisterschüler von Jan Dibbets an der Kunstakademie Düsseldorf und Mitbegründer der Künstlergruppe „hobbypopMUSEUM“ souverän zwischen Malerei und Rauminstallation, stellt seine Bilder auf Stelzen oder kombiniert sie mit Holzlatten. Mit Farben geht er ziemlich sparsam um, die nur als rätselhafte Zonen in - dann jedoch leuchtenden - Tönen auf seinen weißen Leinwänden erscheinen. Es sind reizvolle Arbeiten, die überzeugender wirken als seine reinen Objekte. Die Gemälde kosten zwischen 4100 und 6600 Euro, die Objekte beginnen bei 3000 Euro.
Mehr als vierzig Frankfurter Galerien haben zum 14. Saisonstart heute und morgen ihre Türen geöffnet. Dass diese Gemeinschaftsinitiative aber ausgerechnet am selben Wochenende wie „art berlin contemporary“ oder der Herbstrundgang in der Baumwollspinnerei Leipzig stattfinden muss, stößt bei manchen Galeristen auf Kritik: Die überschaubare Frankfurter Sammlerschar gilt ja als durchaus reiselustig. Doch Martina Detterer, die Cornelius Völker zeigt, muss sich wohl keine Sorgen machen: Himbeeren, Abflüsse und Bücherstapel sind auf den jüngsten Gemälden des Düsseldorfer Künstlers zu sehen, und wie stets stellt er diese alltäglichen Motive so isoliert und kontextfrei dar, als ob sie nur der Anlass für seine attraktive und farbsatte Malerei wären. Völkers Himbeeren, leicht matschig, kosten 30 mal 35 Zentimeter groß je 2950 Euro, im Format von 85 mal 120 Zentimetern 9350 Euro. „Abflüsse“ gibt es für 6100 bis 6300 Euro, und die bunten Bücherstapel-Bilder, 240 mal 160 Zentimeter groß, für 18.000 Euro.
Ein morbider Schmetterling
Auch Werner Büttners ironische bis sarkastische Bilder zu den unübersichtlichen Problemen unserer Zeit und Gegenwart haben ihre Liebhaber. Bärbel Grässlin zeigt neue großformatige Gemälde mit gewohnt skurrilen Titeln: Einen „wetterfesten Schmetterling“ mit Totenkopf über gefalteten Dollarflügeln (24.000 Euro) oder das anziehende violett-grüne Waldbild „Der romantische Imperativ“, das Büttner mit einer riesigen Currywurst gründlich entromantisiert hat (30.000 Euro). Klein und sanft - die Übermalung „Exvoto“ mit der Inschrift: „Dank für herrlich heilsame Schiffbrüche“ (6000 Euro). Gordon Cheung seinerseits nimmt die Börsenkursspalten der Londoner „Times“ als Hintergrund für seine Gemälde von Jagdtrophäen, die er im Internet findet, farblich verfremdet und mit Heiligenscheinen ausstattet.
Stelzen, Trophäen und ein Exvoto: Ein Rundgang durch Frankfurter Galerien
Ob Hirsch, Bär, Keiler, Steinbock oder Widder: Der 1975 geborene Londoner Maler, der bei Adler seine erste Einzelausstellung in Deutschland hat, sieht in diesen Trophäen genauso wie in den Börsenkursen ein gültiges Bild für die unaufhörliche Jagd nach Macht, Prestige und Status. (Die „Trophies“, 77 mal 55 Zentimeter groß, kosten 4300, im Format 111 mal 77 Zentimeter 6000 Euro.) Eine weite Sandfläche ist im Vordergrund zu sehen, von tiefen Furchen durchpflügt, vielleicht sind es die Spuren eines Kamelrennens. Und in ganz weiter Ferne zeigt die Fotografie von Peter Bialobrzeski eine unwirklich schimmernde Stadt mit eleganten Hochhäusern: Unter dem Titel „Lost in Transition“ stellt Lothar Albrecht in seiner L.A. Galerie neue Arbeiten des renommierten Fotografen vor, der uns den Wandel urbaner „Nicht-Orte“ überall in der Welt vor Augen führt. Die Preise für die Fotografien, auf Alu gerahmt, 120 mal 160 Zentimeter groß, Auflage 7, beginnen bei 7140 Euro.
Poetische Landschaften
Malerei oder Fotografie? Bei Emmanuel Raabs Serie „Winterwald“ in der Galerie Appel ist das auf den ersten Blick kaum zu sagen. Es sind reizvolle und atmosphärisch dichte Landschaftsfotografien, die eine Welt voller Poesie und Geheimnis zeigen und in der Tat von erstaunlich malerischer Wirkung sind. (Winterwald, 2007/2008, Auflage 5, Fine Art Pigment Print, 40 mal 60 Zentimeter, 1550 Euro.) „Pappsatt in der Erschöpfungsglocke“ ist der Titel einer Ausstellung mit Zeichnungen und Collagen von Bernhard Martin, die in der Galerie von Parisa Kind zu sehen ist. Diese Arbeiten kosten zwischen 2500 und 6000 Euro. „The big misunderstanding?“ lautet der ähnlich geheimnisvolle Titel einer Ausstellung der Galerie Anita Beckers, die seit zehn Jahren in Frankfurt tätig ist und dieses Jubiläum unter anderem mit Videokunst aus Brasilien begeht.
Das fünfzigjährige Bestehen ihrer Edition feiert die Galerie Rothe mit einer Schau namens „Gesichte. Gesichter - Zur Rückkehr des Physiognomischen in der Kunst“: Porträts in Hülle und Fülle sind zu sehen, und darunter gehört Thomas Bayrles Serigraphie „Orson Welles“ von 1971 für 750 Euro zu den besonders erstrebenswerten Werken. Im traditionsreichen Frankfurter Kunstkabinett Hanna Bekker vom Rath wird die ungegenständliche Farbmalerei des in New York lebenden Künstlers Rainer Gross präsentiert. Wilma Tolksdorf hat ein bemerkenswertes Ensemble von Fotoarbeiten ihrer Künstler versammelt: Jörg Sasse ist mit zwei suggestiven Bildern von Hausfassaden vertreten (C-Print, 2004, 100 mal 160 Zentimeter und 2005, 140 mal 110 Zentimeter, Auflage 3/6, je 16.000 Euro), Beat Streuli mit drei Porträts jugendlicher Passanten in Krakau (2006, 60 mal 80 Zentimeter, Auflage 3/5, je 4300 Euro.)