16.08.2008 · Im Windschatten von Olympia eröffnet die New Yorker Galerie PaceWildenstein eine Dependance in Peking. Im Ullens Center wird Ai Weiwei zum chinesischen Marcel Duchamp.
Von Mark Siemons, PekingKunst macht Olympia noch schöner“, lautet das Motto der Regierungsausstellung „Olympic Fine Arts 2008“, die in Peking zur Zeit achthundert einschlägige Werke zeigt. Genauso gut könnte man allerdings sagen: Olympia macht die Kunst noch schöner, will meinen, auffälliger. Tatsächlich erwecken manche der Kunstprojekte im Windschatten des Sportereignisses den Eindruck, als wollten sie es auch hinsichtlich Masse und Macht mit den Spielen aufnehmen.
Ganz groß ist pünktlich zu den Spielen die New Yorker Galerie PaceWildenstein ins China-Geschäft eingestiegen. In den weiten, lichten, nur leicht restaurierten Bauhaus-Hallen des Kunstviertels „798“ hängen bei der Eröffnungsausstellung „Encounters“ nur die Berühmtesten und Umfangreichsten beieinander und nicken sich gegenseitig ihre Bedeutung zu. Ein gewaltiges Gemälde von Wang Guangyi, das sozialistischen Realismus in gewohnter Weise zu Markenpop umfunktioniert, zeigt Maler in Revolutionspose, und daneben hängt eine Freiheitsstatue von Andy Warhol.
Es kommt zusammen, was zwar ursprünglich in völlig verschiedenen sozialen und politischen Kontexten entstanden ist, was aber im Blick des internationalen Kunstmarkts schon längst zusammengehört. Die grinsenden Köpfe von Yue Minjun sind ebenso verlässlich darunter wie Jeff Koons, Fang Lijun, Chuck Close, Zhang Xiaogang, Georg Baselitz, Zhang Huan und Cindy Sherman. Alle arbeiten ebenso großformatig wie figurativ. Neben den Bildern sind in vornehmer Zurückhaltung allein die Künstlernamen in die Wand eingraviert so wie Markennamen in einer teuren Modeboutique. Man hätte sich notfalls auch auf sie beschränken können.
© Pace Beijing
Ohne Kollisionsgefahr: Zhang Xiaogangs „Green Wall – about Sleep”, Yue Minjuns „I am Dragon – 2” und Wang Guangyis „The Great Criticism: Country and DNA” hängen einträchtig nebeneinander. Nur widerwillig fügt sich Andy Warhols „Statue of Liberty” von 1986 (Mitte) in diesen Reigen chinesischer Kunst.
Die Zugezogenen präsentierten sich bis dato bescheiden
Für die Pekinger Szene bedeutet dieser Auftritt einen neuen Akzent. Die sichtbarsten Interventionen von außen gingen bis jetzt von Sammlern und Mäzenen aus, sei es dem Koreaner C. I. Kim mit seinem Kunstdistrikt „Arario“ oder den Europäern Uli Sigg aus der Schweiz und Guy Ullens aus Belgien. Die zahlreichen ausländischen Galerien machen zwar immer bessere Geschäfte, wirken aber nicht besonders auffällig in die Öffentlichkeit hinein. Das scheint sich mit „Pace Beijing“, mit dem Amerika seinen Eintritt in die China-Kunst markiert, nun schlagartig zu ändern. Es ist die erste Filiale des einflussreichen Hauses außerhalb der Vereinigten Staaten. „Wahre Kunst mit wirklicher Bedeutung kommt in der internationalen Szene heute aus China“, begründete Pace-Chef Arnold Glimcher das Engagement. Das Signal ist: Wir verkaufen die neue chinesische Kunst nicht nur, wir machen sie so wichtig wie die westliche Moderne.
Am sonnigen Eröffnungsnachmittag, als die Schönsten und Distinguiertesten Pekings durch die Hallen streiften, lag ein unbezweifelbarer Hauch von Macht in der Luft. So etwas kommt in China gut an, weniger sicher ist, ob es auch der Kunst bekommt. Allerdings wurde als erster Direktor der Pekinger Kurator Leng Lin ernannt, der mit seiner eigenen Galerie „Beijing Commune“ seit Jahren beweist, dass er selbst Künstlern, von denen man schon annahm, dass der Ruhm ihren Stil zur Manier erstarren ließ, Überraschendes zu entlocken versteht. Man wird sehen, ob es ihm auch inmitten des amerikanisch-chinesischen Komplexes gelingen wird, in den globalen Markentransfer Unerwartetes einzuschmuggeln.
Eine konfliktscheue Schau im UCCA
Auch die Richtung, die das „Ullens Center for Contemporary Art“, ebenfalls in „798“ gelegen, einschlagen wird, ist noch nicht klar. Nach der großen Eröffnungsausstellung im vergangenen Jahr, die den Ursprüngen der chinesischen Gegenwartskunst in den achtziger Jahren nachspürte und eine lebhafte Diskussion in der Pekinger Kunstwelt auslöste, hatte das Museum eine ebenso spektakuläre wie gründliche Werkschau des West und Ost gleichermaßen erhellenden Konzeptkünstlers Huang Yong Ping vom „Walker Art Center“ in Minneapolis übernommen. Zur Olympiade zeigt das UCCA nun eine Auswahl aus den Sammlungsbeständen des Stifterehepaars Ullens selbst. Es ist ein munteres Potpourri der zeitgenössischen chinesischen Kunst dabei herausgekommen, das den Live- und Action-Anspruch des neuen Direktors Jerome Sans unterstreicht, aber zu dem gleichzeitig behaupteten Forschungs- und Debattenehrgeiz des Hauses in einem weniger deutlichen Zusammenhang steht.
Am olympischen Eröffnungstag fand bei Ullens eine Diskussion mit Ai Weiwei und Norman Forster, dem Architekten des neuen Pekinger Flughafens, statt, die den Großveranstaltungen ringsum ein unverhofftes Moment der Wahrheit beimischte. Der Anlass war ein kulturindustrieller, die Herausgabe eines opulenten Bildbands mit Fotos, die der im Westen wahrscheinlich bekannteste Kulturrepräsentant Pekings von dem Flughafen gemacht hatte. Doch Ai Weiwei bestritt hartnäckig die Bedeutung, die seine Gesprächspartner ihm und seinen Fotos beimaßen: „Was ich gemacht habe, kann jeder“ - und tatsächlich kann man sich beim Betrachten der verblüffend planen Bilder nicht ganz dem Eindruck entziehen, dass er recht hat.
Ein Flughafen ohne Menschen
Aber selbstverständlich sprach Norman Foster höflich von den „Entscheidungen“ des Fotografen, die den Rang seiner Bilder bestimmen würden. Als dann jemand aus dem Publikum fragte, weshalb so wenige von den Menschen, die den gewaltigen Bau errichtet haben, auf den Fotos zu sehen seien, brach es aus Ai heraus: Das habe er sich auch gefragt, als sein Assistent, den er zum Fotografieren auf die Baustelle geschickt hatte, mit den Bildern zurückgekommen sei. Das Gelächter des Publikums war ein wenig beklommen.
Die Herausgeber des Bildbands hatten einfach seinen Namen, seine Marke gewollt, und er hatte mitgespielt und ihnen beides gegeben. Oft bleibt eben einfach nicht genug Zeit, um auf Authentizität und Handschrift Wert zu legen; der Markt funktioniert im Zweifel auch ohne sie. „Ich bin immer in der Mitte“, sagte Ai später auf die Frage, warum er als Regierungskritiker sich auf ein solch hochoffizielles Projekt wie den Flughafen überhaupt einlässt: „Ich bin immer ein Kollaborateur. Ich bin immer ein Kritiker.“ Ai Weiwei entwickelt sich zum chinesischen Marcel Duchamp, der den Kunstboom entlarvt, indem er ihn bedient.