07.07.2010 · Weil seine Berührungspunkte mit dem Kunstmarkt so selten sind, ist die jetzige Berliner Ausstellung eine Sensation: Timm Ulrichs zu Gast bei Wentrup.
Von Lisa Zeitz, Berlin„Jeder kennt Timm Ulrichs“, sagt der Berliner Galerist Jan Wentrup, „aber mit dem Kunstmarkt hatte er bisher nur zarte Berührungen.“ Während das Interesse der Museen an dem mittlerweile siebzigjährigen Künstler ungebrochen ist, kann eine Galerie-Ausstellung des Markt-Skeptikers als Seltenheit gelten. Schon deshalb ist die Schau „Timm Ulrichs, den Blitz auf sich lenkend“ bei Wentrup am Tempelhofer Ufer eine Sensation.
Der Galerist, der sonst ausschließlich jüngere Künstler präsentiert, hat Kunstgeschichte in Münster studiert, wo Ulrichs lange Professor an der Kunstakademie war. „Er war berühmt dafür, die interessantesten Vorlesungen und Projekte zu veranstalten“, schwärmt Wentrup und zählt auf, wie weit sein Einfluss reicht: Kippenberger hat ihn als wichtigen Impuls angesehen, Gregor Schneider war sein Schüler, Valie Export und Marina Abramovic sind von ihm inspiriert - man denke nur an Abramovics jüngste Ausstellung im Museum of Modern Art, wo sie Hunderte von Stunden als lebendiges Kunstwerk ausgeharrt hat.
Ulrichs hat schon 1961 für einen Skandal gesorgt, als er sich zur „Juryfreien Kunstausstellung Berlin“ selbst einreichte. Das erste Kunstwerk, dem der Besucher bei Wentrup gegenübersteht, ist ein Inkjet-Print auf Leinwand, der seine „Selbstausstellung“ dokumentiert: „Timm Ulrichs, erstes lebendes Kunstwerk“ zeigt im Großformat den damals noch jugendlichen Künstler in Denkerpose mit Blick auf den Betrachter, in einer Vitrine sitzend (Auflage 12; 6000 Euro). Und der Totalkünstler Ulrichs wird über den Tod hinaus ein Kunstwerk bleiben. Denn wenn der Zeitpunkt kommt und er für immer die Augen schließt, wird eine Tätowierung auf seinem rechten Augenlid sichtbar sein wie beim Abspann eines Kinofilms: „The End“ steht da ganz lapidar.
Immer wieder hat er im Lauf seiner Karriere sein Leben riskiert. Eine haarsträubende Aktion aus dem Jahr 1977 ist auf dem Neuabzug der Fotografie „Timm Ulrichs, den Blitz auf sich lenkend“ zu bestaunen. Da läuft der nackte Mann bei einem Gewitter über einen Acker und trägt einen baumhohen Blitzableiter um seinen Brustkorb geschnallt (Auflage 5; 8000 Euro.) Das martialische Gerät hängt an derselben Wand. Lebensgefahr verheißt auch das zentrale Ausstellungsstück „Projekt Damokles I“. Zwar schon 1977 von der Documenta in Auftrag gegeben, trat es in der Galerie von Wentrup jetzt nach mehr als dreißig Jahren zum ersten Mal in Funktion.
Ein Stuhl ist zersplittert
Es handelt sich um einen freistehenden, vier mal vier Meter großen Stahlrahmen, in den ein Gabelstapler einen Stahlträger setzte, so dass rechts und links ein paar Millimeter Spielraum blieben. So wäre der Stahlträger sofort wieder abgerutscht, wenn er nicht mit vier, von Gasflaschen gespeisten Acetyl-Brennern auf fast 300 Grad Celsius erhitzt worden wäre. Der Stahl dehnte sich aus, und der Gabelstapler konnte sich entfernen. Während der Stahlträger noch eine Weile im Rahmen klemmte und bedrohlich über einem Stuhl - dem Stellvertreter für den Künstler - schwebte, kühlte er langsam ab und krachte schließlich funkenschlagend herunter. Die zersplitterten Teile des Stuhls sind über den Galerieboden verstreut (50.000 Euro).
Ulrichs' Wurzeln im Konstruktivismus und Dadaismus geben sich auch an seiner Installation das „Bedrohte Haus (Projekt Damokles 5)“ aus dem Jahr 2004 zu erkennen (28.000 Euro). Mit dem gleichmäßigen Schwung eines an der Decke befestigten Motors kreist eine ungefähr fußballgroße Stahlkugel an einem Seil um ein rotes Glasgehäuse. Die Tage des Hauses sind gezählt; denn auch hier wird die Schwerkraft ihren zerstörerischen Lauf nehmen: Wenn die Ausstellung am 31. Juli zu Ende geht, wird der Strom abgestellt.
Es kommt halt immer nur darauf an, WER den Sperrmüll hinterläßt.
norbert doerre (ndoerre)
- 07.07.2010, 11:56 Uhr