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Galerieausstellung : Die Schönheit der Shopping Crowd

Die grazile Meerjungfrau auf Landgang posiert im Flanieren, als blickte sie in ein Schaufenster.Alex Katz malte „Ariel (Orange)“ 165 mal 351 Zentimeter groß im Jahr 2015 in Öl auf Leinen. Das Bild kostet 730 000 Euro. Bild: Galerie Schimming/VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Ikonen in Schwarzweiß und Farbe: Alex Katz Werk wird in der Galerie Schimming und der Barlach Halle K in Hamburg in all seinen Facetten gezeigt.

          Alex Katz, 1927 als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer in New York geboren, verbindet man mit ikonenhaften Monumentalgesichtern vor starkfarbigen Hintergründen. Umso überraschender ist eine Hamburger Ausstellung in der Barlach HalleK, die seine schwarzweißen Arbeiten der vergangenen Jahre präsentiert. Und wer noch nie den Kritikern von Katz glauben wollte, dass er bloß glatte Oberflächlichkeit mit Deko-Effekt feiere, der wird vor der Kontrastfolie der Schwarzweißbilder bestätigt.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          In der museal klar gehängten Ausstellung experimentiert Katz mit nahezu allen Techniken der Druckgrafik: Siebdrucke, Lithographien, Holzschnitte und Aquatinta-Radierungen sind zu sehen, meist auf Basis eines Gemäldes. Teils nur bierdeckelgroße Skizzen werden in einem Blow-up hochgezogen, die Konturen reißen auf – und beginnen zu vibrieren. Es entsteht eine eigentümlich spannungsvolle Atmosphäre zwischen den strukturierten Papieren und den Linien, die auf diesen tanzen. Durch diese spröden, unperfekten Konturen kommt Katz jedem Vorwurf von glatter Werbegrafik zuvor.

          Die grafischen Techniken demonstrieren die Tiefe seines Werks

          An den grafischen Techniken liebt der Künstler nach eigener Aussage den physischen Widerstand, den ihm der Holzblock oder die Metallplatte entgegenbrint. Diese Herausforderungen tun den schwarzweißen Bildern durchgängig gut. Um einem winterlichen Ermüdungseffekt vorzubeugen, lockert die kuratierende Galerie Schimming die monochromen Arbeiten in der Barlach Halle geschickt mit einigen farbigen Werken auf, wie etwa „Ariel (Orange)“ und „Laura 1“. Dadurch ergeben sich anregende Vergleiche über die Vorzüge und Nachteile von Bunt versus Schwarzweiß. In der Galerie selbst bauen, parallel zur Halle, Bilder wie die Baumreihe seines Lieblingswalds in „10.30 AM“, die wie Schmetterlinge flatternden Blüten von „Impatiens“ oder die grell beleuchtete Häuserwand „Purple Wind“ eine erstaunlich intensive Atmosphäre auf: vor allem durch die stets leicht danebenliegenden Farben wie Lindgrün, Pink oder Purpur.

          Alex Katz, „Shopping Crowd #2“, 2015, Synthetisches Polymer und Siebdruck auf Leinwand, Auflage 4, 274 mal 427 Zentimeter (178 000 Euro) Bilderstrecke
          Alex Katz, „Shopping Crowd #2“, 2015, Synthetisches Polymer und Siebdruck auf Leinwand, Auflage 4, 274 mal 427 Zentimeter (178 000 Euro) :

          Da Alex Katz bereits in den fünfziger Jahren trotz der in New York dominierenden Abstraktion plakativ figürlich malte, darf er als einer der Pioniere der Pop-Art gelten. Ebenfalls seit den fünfziger Jahren ist er mit Ada verheiratet, die auf den ausgestellten Bildern ebenso erscheint wie das Topmodel Christy Turlington und andere Stilikonen. Höhepunkt dieser Oden an die Schönheit ist die Vierer-Serie „Shopping Crowd“ als Print auf Leinwand, im monumentalen Format von drei mal vier Metern. In den immer neu ausgewürfelten Konstellationen und Blicken dieser Schaufensterbummlerinnen steckt derart viel Spannung, dass nicht zu klären ist, ob die Gruppen sich zufällig oder willentlich gebildet haben – eine Metapher für das Leben insgesamt?

          Die Ästhetik der rund fünfzig Arbeiten, von denen ein Großteil erstmals in Europa gezeigt wird, ist dabei seltsam zeitlos. Es gibt in Katz’ Bildern Anklänge an die Roaring Twenties ebenso wie an die fünfziger Jahre oder unsere Zeit; wie in der Kunst seiner Linie scheint er auch hier eine Quintessenz aus den Epochen zu destillieren. Dass Katz ein zeitloser Klassiker ist, zeigt auch der Preis: Jedes der „Shopping Crowd“-Bilder kostet 178 000 Euro.

          „Alex Katz. Black and White“ in der Barlach Halle K, bis zum 20. Februar. Katalog 35 Euro. 

          „Alex Katz. In Color“ in der Galerie Schimming, bis zum 25. März.

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