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Veröffentlicht: 01.03.2017, 10:03 Uhr

Galerie-Ausstellung in Paris Aus dunkler Zeit in Frankreich

Die Pariser Galerie Frank Elbaz beleuchtet mit einer Ausstellung zu „Kunstgalerien während der Besatzungszeit“ ein dunkles Kapitel in der Geschichte des französischen Kunsthandels

von Bettina Wohlfarth/Paris

Dass eine Galerie für einige Wochen nicht einen ihrer Künstler ausstellt, sondern sich für die Aufarbeitung von Geschichte interessiert, ist ungewöhnlich. Das einzige Kunstwerk im Raum der Galerie Frank Elbaz steht nicht einmal zum Verkauf. Es ist eine große grob gezimmerte Holzkiste von Charles de Meaux, auf der das Wort „fragile“ steht. Während der nationalsozialistischen Besatzungszeit dienten solche Kisten dem Abtransport von Kunstwerken aus Paris. Wer sich ihr nähert, setzt im dunklen Innern eine Klang-Installation mit polternden und schleifenden Geräuschen in Gang. Charles de Meaux’ mysteriöser Poltergeist in der Transportkiste scheint die drängenden Fragen aufzuwerfen, die Frank Elbaz zu dieser Ausstellung bewogen haben. Gerade als Pariser Galerist will er sich damit auseinandersetzen, was damals auf dem Kunstmarkt geschah und was es bedeutete, unter solchen Umständen diesen Beruf auszuüben.

Gemeinsam mit der Historikerin Emmanuelle Polack hat die Galerie eine Ausstellung erarbeitet, mit vielen Dokumenten aus privaten und öffentlichen Archiven. Sie gibt anhand von Schriftstücken, Fotos und Filmmaterial einen schonungslosen Einblick in die Geschehnisse auf dem französischen Kunstmarkt unter der deutschen Besatzung. Paris war der größte Umschlagplatz für Kunst in Europa, mit einem euphorischen Markt, der durch ein hochkarätiges, mit Beutekunst angereichertes Angebot, einen – für die Besatzer äußerst vorteilhaft festgelegten – Wechselkurs und durch eine rege internationale Nachfrage stimuliert wurde.

Der systematische Kunstraub des ERR

Am Beispiel einiger Galeristen lässt sich das Schicksal der französischen Kunsthändler jüdischer Abstammung und ihrer Sammlungen erfassen. Schon von Oktober 1940 an konnten sie keine geschäftsführenden Tätigkeiten mehr wahrnehmen und mussten ihre Galerien an „arische“ Verwalter übergeben. Genaugenommen handelte es sich um eine per Dekret verfügte Enteignung. Wem es gelang, für seine Geschäfte eine heimliche Vertrauensperson einzusetzen, musste damit rechnen, dass der moralische Vertrag dem juristischen nicht standhielt: Als der Kunsthändler Pierre Loeb nach dem Krieg aus dem Exil nach Paris zurückkehrte, wollte der kommissarische Verwalter, der Kunsthändler Georges Aubry, die Galerie Pierre ihrem Besitzer nicht mehr zurückgeben. Pablo Picasso sprang ihm zur Seite und setzte einen erbosten Befehl auf: „Pierre ist zurückgekommen, er übernimmt die Galerie!“ Die Galerie Zak hingegen wurde enteignet und Hedwige Zak, die nach Nizza geflohen war, festgenommen. Sie wurde deportiert und starb 1943 in Auschwitz. Dennoch existierte die Galerie Zak unter ihrem Namen weiter.

Bemerkenswerte Dokumente zeigt die Ausstellung zu Paul Rosenberg und seiner Galerie in der Rue La Boétie. Rosenberg hatte schon vor dem Einmarsch der Deutschen seine Sammlung in Sicherheit zu bringen versucht. Er lagerte 162 wertvollste Werke in einen Banktresor im südwestfranzösischen Libourne ein und floh in die Vereinigten Staaten. Seine Galerie gab er auf. Dem für den systematischen Kunstraub zuständigen „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg“ (ERR; der gleiche Name ist die bittere Ironie der Geschichte) gelang es jedoch, durch Denunziation dem Kunstschatz auf die Spur zu kommen. Auszüge aus der Inventarliste zeigen im Einzelnen, um welche Gemälde von Delacroix, Corot oder Courbet, von Monet, Degas oder Picasso es sich handelte. Auf einem Foto, das im Kunstraub-Depot im Jeu de Paume aufgenommen wurde, betrachtet Hermann Göring ein Bild von Matisse aus der Paul-Rosenberg-Sammlung. Erschreckend ist, dass sich das „Forschungsinstitut für jüdische Fragen“, das vor allem für Hetzpropaganda zuständig war, ausgerechnet im konfiszierten Haus von Paul Rosenberg in der Rue La Boétie Nummer 21 einquartierte.

Ausnahmslos alle französischen Kunsthändler jüdischer Abstammung sind um ihre Galerien und meist um große Teile ihrer Sammlungen gebracht worden, wenn nicht gar um ihr Leben. Der Kunsthändler René Gimpel floh im Juni 1940 nach Südfrankreich und übergab seiner Assistentin die Geschäfte. Mit seinen Söhnen trat er der Résistance bei. Er wurde von Jean-François Lefranc verraten, einem korrupten Kunsthändler, der für die Gestapo und den ERR arbeitete. Gimpel starb im Konzentrationslager Hamburg-Neuengamme.

Verbote, Fotomontagen und „jüdische Güter“

Unterdessen florierten in den anderen Pariser Galerien die Geschäfte. Filme aus der Wochenschau zeigen Vernissagen der Galerie Charpentier als mondänes Gesellschaftsereignis. Die Frau des deutschen Botschafters Otto Abetz plaudert auf einer Kees-van-Dongen-Ausstellung mit dem Künstler, während die Schauspielerin Arletty vor ihrem Dongen-Porträt posiert. Tatsächlich zeigt sich der französische Kunstmarkt als ausgelassen und überzeugt kollaborationswillig. Insbesondere die Dokumente und Fotos zum Auktionslokal Drouot sind vielsagend. Dort würden, so schreibt eine Zeitung damals, „derzeit sämtliche Rekorde geschlagen“. Jüdischen Bürgern wird der Zutritt „absolut“ verboten, während manche Auktionen deutlich als solche ausgeschriebene „jüdische Güter“ unter den Hammer bringen. Es war tatsächlich unmöglich, nicht zu begreifen, was vor sich ging. Und weil Hitler und Göring Lucas Cranach besonders schätzten, griff die Zeitschrift „Toute la vie“ in vorauseilender Anbiederung zur Fotomontage. Im Bericht über den Auktionsbesuch des populären Schauspielers Jean Tissier ist ein Foto manipuliert: Tissier betrachtet darauf einen zur Auktion stehenden Cranach – und nicht, wie im Originalfoto, ein beliebiges Altmeistergemälde.

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Die Dokumente in der Galerie Elbaz machen den Zeitgeist der finsteren Jahre spürbar. Möge die Ausstellung dazu beitragen, dass der Poltergeist von Charles de Meaux in seiner Kiste bleibt. (Noch bis zum 11. März.)

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