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Frieze Masters : In der notorischen Grauzone des Handels mit Antiken

Bei der Londoner Frieze-Masters-Messe wurden zwei attische Artefakte mit fragwürdiger Provenienz angeboten. Auftraggeber für den Verkauf war ein schweizerischer Kanton.

          Ein Autounfall fällt in Italien gewöhnlich in das Ressort der Verkehrspolizei. Als Pasquale Camera jedoch im August auf der Autobahn zwischen Neapel und Rom tödlich verunglückte, machten Aufnahmen von Antiken, die im Handschuhfach seines Fahrzeugs entdeckt wurden, die Beamten stutzig. Sie informierten die örtliche Gendarmerie. Deren Chef war Mitglied der auf den Diebstahl von Kunstwerken und Kulturgut spezialisierten Polizeieinheit gewesen, und er informierte seine ehemaligen Kollegen in Rom.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Sie hatten Camera, einen früheren Hauptmann der für die Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität zuständigen Guardia di Finanza, schon lange im Visier. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung fanden sich Indizien für einen Ring von Schmugglern und Händlern für illegal ausgegrabene oder gestohlene Antiken. Eine Spur ergab die nächste, darunter auch die Spur zu dem Händler Gianfranco Becchina, der führende Museen und Sammler seit den siebziger Jahren aus dem Bestand seiner Basler Galerie Palladion mit kostbaren Artefakten beliefert hatte. Die italienischen Behörden schalteten die Schweizer Polizei ein, die 2001 bei einer Razzia in fünf Basler Lagern Becchinas mehr als 6300 Kunstgegenstände, achttausend Fotografien und 13 000 Dokumente beschlagnahmt hatte. Aus dem Fund sind 1278 Objekte, deren Herkunft die italienische Polizei nicht ermittelt hat, wieder in die Schweiz zurückgeführt worden. Dort wurden sie vom Betreibungsamt des Kantons Basel-Stadt einbehalten als Deckung für eine Schuld.

          Zweifelhafte Provenienz bleibt unerwähnt

          Aus diesem Bestand sind jetzt zwei Objekte auf dem Kunstmarkt aufgetaucht. Es handelt sich um marmorne attische Lykythoi, Ölgefäße aus dem vierten Jahrhundert vor Christus. Der Schweizer Antikenhändler Jean-David Cahn hat sie bei der Londoner Frieze-Masters-Messe auf seinem Stand angeboten. Ein Schüler des forensischen Archäologen Christos Tsirogiannis hat sie dort fotografiert und seinem Lehrer zugeschickt, für den Fall, dass sie für ihn von Interesse seien. Tsirogiannis, der unter anderem in Cambridge lehrt und für ARCA tätig ist, die Association for Research into Crimes against Art, ist einer der wenigen, die Zugang haben zu den Archiven der italienischen und griechischen Kunstraubdezernate.

          Anhand von Bildern in den beschlagnahmten Dokumenten Becchinas konnte Tsirogiannis bestätigen, dass die auf der Messe von Cahn ausgestellten Gefäße zum Becchina-Bestand gehören. Nichts im Katalog von Cahn weist auf diese Herkunft hin: Dort wird als Provenienz lediglich vermerkt: „Ehemals Schweizer Kunsthandel, Oktober 1977“. Gegenüber dem „Guardian“ sagte Jean-David Cahn, dass er die Objekte im Auftrag des Kantons Basel-Stadt verkaufe. Er sei „sehr zögerlich und sehr unwillig“ gewesen, den Auftrag anzunehmen, doch hätten ihn die Schweizer Behörden der Legalität versichert. Die Behörden ihrerseits verwiesen darauf, dass niemand Anspruch erhoben habe auf die Objekte in ihrer Obhut und dass die Herkunft und die Umstände, unter denen sie erworben wurden, nicht festgestellt werden konnten.

          Bei alledem drängt sich freilich, wie so oft in der Grauzone des Handels mit Antiken, die Frage auf, weshalb die Herkunft derart verschleiert werden muss. Tsirogiannis, der zahlreiche illegal ausgeführte und gestohlene Antiken im Handel und in Museen ausfindig gemacht hat, konnte schon mehrfach nachweisen, dass Cahn mit Objekten ungeklärter Provenienz gehandelt hat. Dazu gehört eine Marmorfigur des Apollon Lykeios, die 1991 von der Grabungsstätte Gortyna geraubt und 2007 dem griechischen Staat zurückerstattet wurde, und eine attische Grabstele, von der Tsirogiannis meint, es sei mit den beiden Lykythoi aus Griechenland geschmuggelt worden. Die Fälle stellten nur die Spitze des Eisbergs dar im Handel mit Antiken, bei dem die Behörden sämtlicher betroffenen Staaten versagten, so Tsirogiannis im Gespräch mit dieser Zeitung.

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