Home
http://www.faz.net/-gyz-uqs3
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Frankfurter Galerien Die Konstruktion der Stille

02.05.2007 ·  In Frankfurt regt sich die junge Galerienszene: Ständig zieht jemand um, aber die Unruhe bringt alle voran. Swantje Karich hat sich in den verschiedenen Galerien umgesehen und dabei nicht nur fliegende Plastiktüten und wandernde Häuser entdeckt.

Von Swantje Karich
Artikel Bilder (9) Lesermeinungen (0)

In einem gängigen Fünfziger-Jahre-Bau am Frankfurter Mainufer, an der Schönen Aussicht, findet sich in einer Erdgeschosswohnung die Galerie von Mark Dickinson. Er hat sie lokalpatriotisch, obwohl er erst vor kurzem aus London nach Frankfurt gezogen ist, Neue Alte Brücke genannt. An der Eingangstür empfangen den Besucher Zitate vom White-Cube-Erfinder, dem Theoretiker Brian O'Doherty; er übernimmt hier die Rolle des geistigen Vaters der Galerie.

Mark Dickinson hat in London bei Vilma Gold und Sadie Coles gearbeitet, bevor ihn private Gründe nach Frankfurt brachten. In der umfunktionierten Zweizimmerwohnung haben die Werke seiner Ausstellung „Secret Flix“ genügend Platz; sie ist eine Hommage an die Film- und Musikbewegung „Cinema of Transgression“ aus den siebziger und achtziger Jahren in Manhattan. Die Werke der Künstler, ihre Acht-Millimeter-Kurzfilme, rufen in ihrer verschrobenen Schwarzweißästhetik heute erst recht Erstaunen hervor: „Where Evil Dwells“ von David Wojnarowicz und Tommy Tucker oder „Thrust in Me“ von Richard Kern sind in der Galerie zu sehen, leider nicht zu erwerben.

Flugshow mit Plastiktüten

Von der Zeit vergangener Kultur spannt Dickinson den Bogen in die Gegenwart: Bozidar Brazda hat auf 1,5 Metern in Vinyl „Eat Meats Wet“ an die Wand geschrieben. Gerry Bibby ließ am Eröffnungsabend mit Helium gefüllte Plastiktüten fliegen - die Überreste dienen jetzt als etwas traurige Zeugen dieser Performance. Eine Collage von Bibby mit Mick-Jagger-Motiv, „Work No. 69“ von 2007, die er auf eine Lautsprecherbox montiert hat, lässt an rockige Zeiten denken (700 Euro). Unter all dieser Kunst sticht Daniel Sinsels kleinformatiges Gemälde „Brilliantine“ von 2006 (16 000 Euro) hervor: In seinem goldenen 24 mal 21 Zentimeter kleinen Rahmen hat das Porträt eines jungen Mannes mit gegelten Haaren und Oberlippenbart jedoch etwas Ikonenhaftes.

Die beiden Ausstellungsräume der Neuen Alten Brücke sind durch eine Holztür verbunden, die mit dem Stil der fünfziger Jahre nichts gemein hat; sie zeigt in frisches Holz geschnitzte Bürgerlichkeit (2500 Euro). Der Künstler Erik Blinderman nennt sie salopp „Speakeasy“. Aus dem gesellschaftspolitischen Thema der Ausstellung fällt Sophie von Hellermanns zwei mal drei Meter großes Gemälde auf den ersten Blick heraus: Es zeigt in Pastelltönen einen Mann in Schlips und Kragen; lächelnd sitzt er auf einer Wolke. Der Titel „Putin, Putain“ (23.000 Euro) bringt dann doch die gewünschte politische Dimension.

Während der Finissage am 2. Juni wird der Turner-Preis-Finalist von 2006 Mark Titchner mit einer Live-Performance auftreten, bei der er selbst jedoch auch nur Zuschauer bleiben wird: Eine nackte Frau wird aus einem Stück vorlesen, das der Künstler selbst geschrieben hat. (Bis 2. Juni.)

Martin Hoener sortiert aus

Zur Berlin Biennale in diesem Jahr erschien ein Katalog mit dem Titel „Checkpoint Charley“. Einige Monate später taucht dieser nun - in unzählige Einzelteile zerlegt und als Fundgrube gebraucht - in der aktuellen Ausstellung der Galerie von Eva Winkeler in der Bethamstraße auf; die Geschichte: Der Katalog reihte in Zeitungspapier-Schwarzweiß mehr als 700 Künstler aneinander, die in ihren Ateliers besucht, in Katalogen gefunden und von Leuten empfohlen worden waren. Jeder ist dabei, aber doch niemand; denn nicht ein einziger der im Katalog gezeigten Künstler war zur Biennale überhaupt eingeladen.

Was der Katalog vormacht, wiederholt und übersteigert Martin Hoener in seiner konzeptuellen Arbeit „Die Genommenen und die Nichtgenommenen“: Für 120 Collagen hat er das Material aus dem Katalog verwendet, überarbeitet, überzeichnet oder mit Schnipseln und Fotos anderer Quelle kombiniert. Die Resultate sind frech, wenn er Isa Genzken überklebt, dann aber wieder völlig losgelöst vom Vorbild.

Alle Bearbeitungen Hoeners haben ein Verso und Recto, auch ihre Rahmen: Jedes Bild kann von beiden Seiten sichtbar gehängt werden. Jetzt hat eben Martin Hoener Künstler ausgewählt und abgelehnt - im Kosmos kunsthistorischer Suchbilder. Zu seinem Konzept und Werk gehören auch die Preise. Die Collagen kosten je nach Farbe des Rahmens unterschiedlich viel Geld; 380 Euro verlangt er für die weißen und schwarzen Rahmen, für die grauen müssen schon 500 Euro aufgebracht werden. (Bis 21. Mai.)

Martin Neumaiers Bildakrobatik

In den neueröffneten Räumen der Galerie Parisa Kind an der Offenbacher Landstraße spielt Hauskünstler und Nitsch-Schüler Martin Neumaier zum dritten Mal auf, doch meint er gänzlich Neues zeigen zu können: „Ladies and gentlemen, now I know“ verkündet er im Titel der Schau. Im Sommer 2006 konnte man seine große Zeichnung über das Sommerloch hinweg noch auf der nackten Wand an der Fahrgasse wachsen sehen. Diesmal bleibt er zumeist der Leinwand treu und treibt auf seinen Gemälden Wort- und Bildakrobatik (800 bis 6000 Euro). Eine kleinteilige Wandzeichnung verbindet zwei Frauenfiguren miteinander zu einem ornamentalen Gemälde (1800 Euro). (21. Mai.)

An der Frankenallee zeigt Anita Beckers, dass sich auch die Künstler von der Natur und ihrem veränderten Klima beeindrucken lassen: In der Ausstellung „Von Welten und Werken“ sind die Künstlerinnen Nathalie Grenzhaeuser und Séverine Hubard miteinander vereint. Grenzhaeusers Fotografien „Die Konstruktion der Stillen Welt“, die auf ihrer Reise zum arktischen Inselarchipel Spitzbergen entstanden, bieten kein dokumentarisches Abbild - einzelne Momente und Bildteile einer Landschaft werden mittels digitaler Bearbeitung miteinander verwoben (je 4200 Euro).

Ein Haus geht spazieren

Sehenswert ist das Video „Un jour“ von Séverine Hubard im kleinen Seitenraum der Galerie (Auflage 5+1; 3000 Euro). Dort geht ein Haus spazieren und greift dadurch in das bekannte Landschaftsbild ein: Was sich unsinnig anhört, hat einen überraschenden Charme und eröffnet ungeahnte Sichtweisen.

Hubards klassisches Spitzdach-Neubauhaus mit roten Ziegeln und einem Schornstein ist knapp vier Meter hoch und drei Meter breit. Unter ihm laufen Leute und tragen das Modellhaus durch Felder, Vororte und durch die Stadt spazieren - dazu erklingt Musik von Robert Schumann. Sobald sich eine Perspektive für die Kamera ergibt, setzen die Träger das Modell ab: Ein einsames Haus steht dann im romantischen Grün oder reiht sich im nächsten Moment in die nahezu identisch aussehenden französischen Vorstadthäuser ein. (Bis 4. Mai.)

Quelle: F.A.Z., 28.04.2007, Nr. 99 / Seite 44
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1978, Redakteurin im Feuilleton.

Jüngste Beiträge

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr