13.02.2006 · Die Jungen sind los: In Frankfurts Nachwuchsgalerien werden Bärenpranken zum Anzug verarbeitet, Orte verlieren ihre Menschen und nur der Formalismus bleibt sich treu.
Von Swantje KarichZu den „Jungen“ in Frankfurts Fahrgasse zählen die Galerien Parisa Kind und Eva Winkeler. Ambitioniert sind sie auch; denn beide Galeristinnen träumen von den Spektakelmessen in Miami und London.
Derweil zeigt Eva Winkeler hierzulande Unbekanntes: Rashawn Griffin ist ein Import des New Yorker Galeristen Thomas Erben. Er brachte Arbeiten des Yale-Absolventen zur Art Cologne 2005 mit. Winkelers kleiner Galerieraum wird dominiert von einer wuchtigen Installation des Amerikaners: Ein Keilrahmen in der Größe eines Betts ist überzogen mit Jeansstoff, auf dem die gerahmte Fotografie einer Bärentatze zu sehen ist. Am Fuß des Rahmens sind schwarze Müllbeutel befestigt, die von einem Gebläse aufgepumpt werden. Ein Stoffrosch liegt in einer Ecke und streckt sein Hinterteil in den Raum.
Hunger nach Abenteuer
Die Installation „How to make a suit from the skin of a bear“ (5500 Euro) verwehrt sich einem schnellen Verständnis. Eine Fabel, am Eingang aufgehängt, soll die Geschichte erzählen, doch sie macht den Zugang nicht einfacher. Der Schlüssel findet sich erst in kleinen Arbeiten, versteckt im hinteren Teil der Galerie: Das Porträt eines jungen Manns (1000 Euro) verrät, daß Griffin als Maler begonnen hat. Mit Bleistift vorgezeichnet auf Holz, zeigen sich die Umrisse eines Jünglings. Seine Gesichtszüge sind mit dicken, haptischen Strichen weißer Ölfarbe nachgezogen. Farbflächen reiben sich aneinander. Transparente Schatten auf beiden Gesichtshälften geben dem Gesicht einen lasziven Ausdruck, melancholisch, aber bestimmt und hungrig auf die Abenteuer des Lebens.
Rashawn Griffin sucht das Poetische und Surreale in seinen Linien und Formen wie in den Materialien, in der Fläche wie im Raum. Entsprechend weisen seine Skulpturen diese Elemente auf: Einen mit Jeans und Cord bezogenen Keilrahmen (3200 Euro) hat Griffin mit Kordel bearbeitet. Die Stoffe dienen als Leinwand für eine feine Zeichnung - ein Raum aus dessen Wand ein Tisch ragt. (Bis 10. März.)
Pixelige Unikate
Gleich nebenan in der Galerie Parisa Kind findet sich die Kunst gerahmt, ordentlich und traditionell an den Wänden in unterschiedlichen Formaten. Gezeigt sind Fotografien von Marcus Gundling: einem Freund des Fetischs, wie sich zeigt; denn seine Arbeiten sind Unikate. Auflagenverkauf ausgeschlossen - überraschend, angesichts seiner Motive. Es sind Fundstücke aus dem Internet, millionenfach vervielfältigt, pixelig in ihrer Qualität: Ein Pool liegt verlassen da, kein Mensch ist zu sehen, nur ein Schatten in der linken unteren Ecke (1700 Euro). Blinde Flecken, Verwischungen deuten auf eine Bearbeitung hin. Marcus Gundling hat die Menschen „ausradiert“, wie er sagt.
Anonymisiert - und trotzdem hat der Blick in diese Welten etwas Verbotenes an sich. Schlieren läßt er zurück, als wären seine Fotografien Gemälde, über die er mit seinem Ärmel wischt. Von Bild zu Bild steigt die Sehnsucht nach Menschen, die an diese Orte gehören. Die Ausstellung ist eine Reise durch Fragmente, Bruchstücke einer fremden Bilderwelt. Sie wird so zum Resonanzraum subjektiver Assoziationen. Marcus Gundling hat seine Arbeiten in einem schlichten, bemerkenswerten Künstlerbuch dokumentiert (100 Euro). (Bis 10. März.)
Hommage an Malewitsch
In einer Gruppenausstellung unter dem Titel „Square Dance“ zeigt Jacky Strenz in ihrer Galerie Zeichnungen und Fotografien von Markus Amm, Wolfgang Berkowski, Markus Ebner, Yuri Masnyi, Anja Schwörer und Claudia Wieser. Der Titel ist eine Hommage an Malewitsch und sein schwarzes Quadrat. Die Künstler gebrauchen genauso formalistische Strukturen, begeben sich auf die Suche der Beziehung von Form und Inhalt.
So macht Markus Ebner mit seiner Fotografie von Blinky Palermos Grab (400 Euro) den gegenwärtigen Formalismus zum Thema. Es ist eine Arbeit aus seinem Zyklus „Gräber“, und sie ist Zeichen, und Fragezeichen, einer Auseinandersetzung mit dem Ende der Moderne und mit dem Wissen, daß jede Kunst nach der Kunst Gefahr läuft, anachronistisch zu sein. (Bis 25. Februar.)
Die deutsche Heimat ist Thema in der LA Galerie. Lothar Albrecht zeigt Peter Bialobrzeski, Professor für Fotografie an der Hochschule der Künste in Bremen, der einen Zyklus über die Schönheit seiner deutschen Heimat machen wollte - und das Dogma unterlaufen, daß Kunst kritisch sein muß: Er ist gescheitert, jedoch positiv; denn seine Arbeiten zeigen die Unberechenbarkeit der Natur, wenn auch nicht auf den ersten Blick. In der Weite der verschneiten Berge, auf den Wanderwegen verlieren sich die Menschen in einer peinigenden Bedeutungslosigkeit (kleine Formate, Auflage 10, 3400 Euro; große Formate, Auflage 5, 6500 Euro). (Bis 25. Februar.)