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Veröffentlicht: 15.03.2013, 16:53 Uhr

Fotokunst von Joseph Rodriguez Fenster zum Hinterhof

Der Menschenerkunder: Erstmals ist das Werk des New Yorker Fotografen Joseph Rodriguez in Köln zu erleben. Der Künstler zeigt Menschen an den Rändern der Gesellschaft. Außenseiter, Ausgegrenzte und Entrechtete.

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Prostituierte in Mexiko-Stadt, Pfingstpilger in Transsylvanien, Insassen eines Gefängnisses in Zambia, schwere Jungs einer Gang in Kalifornien: Den New Yorker Fotografen Joseph Rodriguez zieht es, wo immer er in der Welt unterwegs ist, an die Ränder die Gesellschaft, zu Außenseitern, Ausgegrenzten und Entrechteten. Doch die meisten Menschen, die er mit der Kamera - und das im doppelten Wortsinn - trifft, stehen nicht einfach für die Verhältnisse, in denen sie leben oder oft ausgeliefert sind, sondern etwas darüber oder zumindest daneben. In der Art wie Rodriguez sie porträtiert, zeigen sie etwas Schutzloses, Anrührendes, Verletzliches; oft ist es der Blick, ein Lachen, ein Sehnsuchtsmoment, der darüber hinausgeht und sich nicht einverstanden erklärt mit umgebenden Elend.

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Monique in Spanish Harlem, die, schwarze Haut, schwarze Locken, zusammen mit ihrer Puppe, weiße Haut, blonde Strähnen, zu sehen ist und in eine unbekannte Ferne schaut, in die auszugehen ihm seine Mutter nicht erlaubt, strahlt diese letzte Hoffnung ebenso aus wie Kinderaugen in Malmö oder Mauritius und der von hinten fotografierte junge Mann im weißen Unterhemd, der von einem Balkon in Brooklyn aus am 11.September 2001 auf die hinter Rauch verschwindenden Twin Towers starrt. Er lässt selbst in diesem niederschmetternden Anblick des Unvorstellbaren die Sehnsucht spüren. Und dann aber ist der gefürchtete Gangster, der strahlend seinen kleinen Sohn auf dem Schoß hält, erstmal nur ein stolzer Daddy.

Eine Entdeckung im Hinterhof der Kunst

Rodriguez ist den Ereignissen der Weltpolitik oft hinterhergefahren, um ihnen nachzugehen und sie aus anderer Perspektive zu beleuchten. Den Vietnamkrieg etwa, indem er viele Jahre später Ho-Chi-Min-Stadt besuchte oder den 11.September als er kurz nach dem Attentat Afghanistan bereist. Extrem nah kommt der Fotograf an die Menschen heran, beweist ein respektvolles Gespür für ihre unausgesprochenen Nöte: Die selbstbewussten Blicke von drei Mexikaner in einem Auto zum Beispiel, zwei Frauen und ein Mann, die beim Grenzübergang in Arizona ihre Aufenthaltsgenehmigungen vorzeigen. Das Motiv ist gleichzeitig durchtränkt von Misstrauen. Auf einem Foto sitzt ein Argentinier vor seinen ausgebreiteten Ersparnissen, die er, um sie vor der Inflation zu retten, in Dollar umgetauscht und von der Bank geholt hat. Hier zeigt Rodriguez die Angst vor dem Verlust der allerletzten Sicherheiten: Es sind Momentaufnahmen, die den Konflikt zwischen zwei Ländern und die Wirtschaftskrise eines Staates wie unterm Brennglas bündeln.

Sechsunddreißig Fotoarbeiten hat der Galerist Bene Taschen, der seine Hardhitta Gallery bisher „nur“ temporär an wechselnden Standorten aufschlägt, aus dem Werk von Rodriguez ausgewählt. Es ist die erste Retrospektive des 61 Jahre alten Fotograf, der als Menschenerkunder von Rang vorgestellt wird. Und er ist tatsächlich eine Entdeckung im Hinterhof der Kunst, die den Horizont weitet auf andere Hinterhöfe, rund um den Globus (Die Preise reichen von 2100 bis 4500 Euro. Der Katalog kostet 20 Euro.)

Joseph Rodriguez. The Human Gaze. Bis zum 6. April in der Hardhitta Gallery, Lindenstraße 19 in Köln.

Quelle: F.A.S.

 

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