Home
http://www.faz.net/-gyz-77oqy
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Deutsches Weininstitut

Fotokunst von Joseph Rodriguez Fenster zum Hinterhof

Der Menschenerkunder: Erstmals ist das Werk des New Yorker Fotografen Joseph Rodriguez in Köln zu erleben. Der Künstler zeigt Menschen an den Rändern der Gesellschaft. Außenseiter, Ausgegrenzte und Entrechtete.

© Galerie Vergrößern Bin ich schön? Joseph Rodriguez traf auf „Mohammed Rahme“ in Schweden 2005. Die Galerie Hardhitta bietet das Motiv als Cibachrome Print in einer Größe von 50,8 mal 50,8 Zentimeter an (Auflage von 5).

Prostituierte in Mexiko-Stadt, Pfingstpilger in Transsylvanien, Insassen eines Gefängnisses in Zambia, schwere Jungs einer Gang in Kalifornien: Den New Yorker Fotografen Joseph Rodriguez zieht es, wo immer er in der Welt unterwegs ist, an die Ränder die Gesellschaft, zu Außenseitern, Ausgegrenzten und Entrechteten. Doch die meisten Menschen, die er mit der Kamera - und das im doppelten Wortsinn - trifft, stehen nicht einfach für die Verhältnisse, in denen sie leben oder oft ausgeliefert sind, sondern etwas darüber oder zumindest daneben. In der Art wie Rodriguez sie porträtiert, zeigen sie etwas Schutzloses, Anrührendes, Verletzliches; oft ist es der Blick, ein Lachen, ein Sehnsuchtsmoment, der darüber hinausgeht und sich nicht einverstanden erklärt mit umgebenden Elend.

Mehr zum Thema

Andreas Rossmann Folgen:    

Monique in Spanish Harlem, die, schwarze Haut, schwarze Locken, zusammen mit ihrer Puppe, weiße Haut, blonde Strähnen, zu sehen ist und in eine unbekannte Ferne schaut, in die auszugehen ihm seine Mutter nicht erlaubt, strahlt diese letzte Hoffnung ebenso aus wie Kinderaugen in Malmö oder Mauritius und der von hinten fotografierte junge Mann im weißen Unterhemd, der von einem Balkon in Brooklyn aus am 11.September 2001 auf die hinter Rauch verschwindenden Twin Towers starrt. Er lässt selbst in diesem niederschmetternden Anblick des Unvorstellbaren die Sehnsucht spüren. Und dann aber ist der gefürchtete Gangster, der strahlend seinen kleinen Sohn auf dem Schoß hält, erstmal nur ein stolzer Daddy.

Eine Entdeckung im Hinterhof der Kunst

Rodriguez ist den Ereignissen der Weltpolitik oft hinterhergefahren, um ihnen nachzugehen und sie aus anderer Perspektive zu beleuchten. Den Vietnamkrieg etwa, indem er viele Jahre später Ho-Chi-Min-Stadt besuchte oder den 11.September als er kurz nach dem Attentat Afghanistan bereist. Extrem nah kommt der Fotograf an die Menschen heran, beweist ein respektvolles Gespür für ihre unausgesprochenen Nöte: Die selbstbewussten Blicke von drei Mexikaner in einem Auto zum Beispiel, zwei Frauen und ein Mann, die beim Grenzübergang in Arizona ihre Aufenthaltsgenehmigungen vorzeigen. Das Motiv ist gleichzeitig durchtränkt von Misstrauen. Auf einem Foto sitzt ein Argentinier vor seinen ausgebreiteten Ersparnissen, die er, um sie vor der Inflation zu retten, in Dollar umgetauscht und von der Bank geholt hat. Hier zeigt Rodriguez die Angst vor dem Verlust der allerletzten Sicherheiten: Es sind Momentaufnahmen, die den Konflikt zwischen zwei Ländern und die Wirtschaftskrise eines Staates wie unterm Brennglas bündeln.

23622006 Früherziehung: Rodriguez fotografierte „Chivo’s Family“ in Boyle Heights, 1993 © Galerie Bilderstrecke 

Sechsunddreißig Fotoarbeiten hat der Galerist Bene Taschen, der seine Hardhitta Gallery bisher „nur“ temporär an wechselnden Standorten aufschlägt, aus dem Werk von Rodriguez ausgewählt. Es ist die erste Retrospektive des 61 Jahre alten Fotograf, der als Menschenerkunder von Rang vorgestellt wird. Und er ist tatsächlich eine Entdeckung im Hinterhof der Kunst, die den Horizont weitet auf andere Hinterhöfe, rund um den Globus (Die Preise reichen von 2100 bis 4500 Euro. Der Katalog kostet 20 Euro.)

Joseph Rodriguez. The Human Gaze. Bis zum 6. April in der Hardhitta Gallery, Lindenstraße 19 in Köln.

Quelle: F.A.S.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Seychellen In der Ruhe liegt das Glück

Wie auf den Seychellen könnte es einst im Garten Eden ausgesehen haben. Doch Ruhe, Schönheit und tropische Opulenz werden immer stärker von protziger Investorenarchitektur bedrängt. Mehr Von Judith Lembke

19.12.2014, 18:35 Uhr | Reise
Tierisches Vergnügen Schwarzbär haut den Weihnachtsmann um

In der amerikanischen Stadt Glendale hat ein Fotograf einen Bären gefilmt, der in diesem Jahr wohl keine Geschenke vom Weihnachtsmann bekommt. Der Bär schnupperte am Weihnachtsmann und schlug ihn dann einfach um. Mehr

19.12.2014, 14:01 Uhr | Gesellschaft
Velázquez-Austellung in Wien Die Unschärfe in ihrem Blick

Das Kunsthistorische Museum in Wien zeigt das Werk des spanischen Malers Diego Rodriguez de Silva y Velázquez in einer Ausstellung, wie es sie so noch nicht gab. Worin genau liegt die Magie seiner Bilder? Mehr Von Rose-Maria Gropp

19.12.2014, 21:23 Uhr | Feuilleton
Lichtermeer Die Fete des Lumieres in Lyon

Alljährlich im Dezember wird die französische Stadt Lyon vier Tage lang zu einer strahlenden Kunstwelt, die rund vier Millionen Besucher anlockt: Dann verwandeln bunte Projektionen, untermalt mit Musik und unterstützt durch den Auftritt von Schauspielern oder Tänzern die Plätze, Straßen und Parks in ein Lichtermeer. Mehr

09.12.2014, 11:05 Uhr | Reise
Unicef-Foto des Jahres Die Kinder der Sextouristen

Sextourismus gibt es auch auf den katholischen Philippinen. Manche Männer aus dem Westen zeugen Kinder. Was mit denen passiert, nachdem die Freier wieder abreisen, haben die Fotografen Insa Hagemann und Stefan Finger, ehemaliger F.A.Z.-Hospitant, dokumentiert. Ihr Bild der ein Jahr alten Divine wurde von Unicef jetzt zum Foto des Jahres gekürt. Mehr Von Julian Trauthig

16.12.2014, 11:57 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 15.03.2013, 16:53 Uhr

Die gelähmte SPD

Von Majid Sattar

Vor einem Ausbrechen der Grünen aus dem linken Lager haben die Sozialdemokraten Angst. Für die SPD endet das Jahr auch wegen der Edathy-Affäre so, wie es angefangen hat – auf dünnem Eis. Mehr 21 22