02.09.2006 · Berühmt wurde er durch seine Fotografien der Pariser Halbwelt bei Nacht. Doch kennzeichnet eine schier unfaßbare Vielseitigkeit Brassaïs Werke, von denen nun zum ersten Mal ein großes Konvolut auf den Markt kommt: 550 Fotografien, 190 Zeichnungen, 12 Skulpturen und ein Wandteppich.
Von Angelika HeinickDie Dauer einer Zigarette gab das Maß für die Belichtungszeit. „Eine Gauloise für ein bestimmtes Licht, eine Boyard, wenn es dunkler war“ - so beschrieb Brassaï seine Arbeitsweise zu Beginn der dreißiger Jahre. Die Nachtaufnahmen, die er auf seinen Streifzügen durch abgelegene Straßen und Bars mit seiner Voigtländer-Plattenkamera machte und in seinem Hotelzimmer entwickelte, haben sein erstes Buch, „Paris de nuit“ von 1932, gleich zum Bestseller gemacht.
Brassaï, den seine Fotos des Nachtvolks, der Liebespaare, kleinen Ganoven und Prostituierten berühmt machten, wurde eher zufällig Fotograf. Gyula Halasz, 1899 im damals ungarischen Brasso - der Stadt, aus der er seinen Künstlernamen ableitete - in Transsylvanien geboren, studierte Kunst in Budapest und Berlin, bevor er sich 1924 in seiner Wahlheimat Paris niederließ. Dort verdiente er seinen Unterhalt mit Artikeln für ungarische und deutsche Zeitschriften. Eine geliehene Amateurkamera eröffnete ihm die Möglichkeit, im Pariser Straßengewirr festzuhalten, was seiner Beobachtungsgabe Nahrung lieferte. Die Surrealisten sahen in Brassaï, der ein gespenstisches, irreales Bild der Stadt offenbarte, einen der ihren und er selbst sagte: „Ich versuchte nur, die Realität auszudrücken, denn nichts ist surrealer.“
Vielseitig und sinnlich
Eine schier unfaßbare Vielseitigkeit kennzeichnet sein Werk. Brassaï porträtierte berühmte Zeitgenossen, von Picasso, Matisse, Giacometti bis zu Thomas und Katia Mann; er spürte als erster Graffiti an Hauswänden nach, schuf Bühnenbilder, drehte einen Film („Tant qu'il y aura des bêtes“, 1956) und verfaßte siebzehn Bücher. Während des Krieges, als ihm das Fotografieren unter der deutschen Besatzung untersagt war, beginnt er zu zeichnen und widmet sich der Bildhauerei - kaum bekannte Seiten seines Schaffens.
Ende 2002 schenkte Gilberte Brassaï dem Centre Pompidou 216 Originalabzüge, 36 Zeichnungen, 37 Skulpturen sowie die Gesamtheit der Negative ihres Mannes. Ein paar Jahre zuvor hat das Musée Picasso von Gilberte Brassaï 390 Vintage Prints mit Bildern von Picasso, seinen Skulpturen und Ateliers erworben, zu einem Preis von über einer Million Franc. Mit der Versteigerung des Nachlasses, den seine Witwe bis zu ihrem Tod im Februar 2005 verwaltete, kommt am 2. und 3. Oktober bei Millon & Associées im Drouot zum ersten Mal ein großes Konvolut des Künstlers auf den Markt: 550 Fotografien, 190 Zeichnungen, 12 Skulpturen und ein Wandteppich zum Schätzwert von zwei Millionen Euro.
Unter den zum Teil 1922 und 1923 in Berlin, hauptsächlich aber in den vierziger und fünfziger Jahren in Paris entstandenen Zeichnungen findet sich ein karikierendes Selbstporträt (Taxe 4000/ 6000 Euro), sowie vor allem weibliche Akte. Mit den Skulpturen aus den sechziger und siebziger Jahren ist es Brassaï gelungen, seinen direkten, sinnlichen Zugang zur Realität auszudrücken, der auch seine Fotografien charakterisiert: Der graue Kieselstein, in den er 1967 eine „Fruchtbarkeitsgöttin“ (5000/6000 Euro) formte, strahlt noch die Wärme der Künstlerhand aus.
Träume von Paris
Die Fotografieofferte beginnt mit Künstler- und Schriftstellerporträts, Akt-aufnahmen, Grattagen und Graffiti, daneben „Tagesaufnahmen“ verschiedener Natur, von Paris, Reisen in die Türkei oder nach Spanien, vom Zirkus oder von Tieren. Die Abzüge, teils Vintage Prints der dreißiger Jahre, teils spätere Ausstellungsabzüge, stammen bis auf eine Ausnahme aus der Hand Brassaïs, erklärt Fotografie-Experte Christophe Goeury.
Die abschließende Abendauktion mit den „Nachtaufnahmen“ der dreißiger Jahre birgt so emblematische Gestalten wie die Ganoven der „Bande du Grand Albert, quartier d'Italie“ (1932, 8000/10000 Euro) oder das Freudenmädchen „Grosse Poule, quartier d'Italie“ (6000/8000 Euro). Die schimmernden, wie von der dunklen Pfütze am linken Bildrand langsam aufgefressenen Pflastersteine, „Pavés“ von 1931 (30000/40000 Euro), weisen als Titelbild für „Paris de nuit“ den Weg in das nächtliche Werk Brassaïs. „Dank der Bilder, die der Fotograf uns übermittelt hat“, schrieb der französische Schriftsteller Patrick Modiano 1990 in seinem Text zu den Fotografien von Brassaï, „träumen wir vom Paris der dreißiger Jahre.“