09.01.2006 · Die neuen Ikonen des Berliner Nachtlebens: Man betrachtet diese Fotos, wie man Bilder aus dem Montparnasse der zwanziger Jahre ansieht - und wenn Hemingways Paris ein Fest fürs Leben war, dann zeigen diese Bilder die Spuren eines Lebens fürs Fest.
Von Niklas MaakAm 15. Januar 2005 schloß das legendäre Club-Restaurant „Cookies“ in Berlin-Mitte. Ein letztes Mal, bevor das baufällige Haus saniert wurde, fand hier eine der sagenhaften Cookies-Parties statt - und der Fotograf Alexander Gnädinger hatte sich für den Morgen danach angekündigt, um, wie ein Archäologe der Nullerjahre, die Überreste des flüchtigen, ständig an neuen Orten auftauchenden Berliner Nachtlebens zu dokumentieren.
Es sind lapidare Aufnahmen, und trotzdem verdichten sie ein bestimmtes, schwer zu fassendes Berlin-Gefühl zwischen Schrott und Glamour, Dekadenz und neuer Gründerzeit: Man sieht auf den Bildern, die per Inkjet auf Leinwände übertragen sind und so wie neue Historiengemälde wirken, die Reste der Exzesse, verwüstete Sofas, Champagnerkorken, Umgekipptes, Kaputtgetanztes, Zerbrochenes, den Fall-out des Experiments „Berlin“, die Spuren der Horde von Suchenden, die durch seine Mitte strömt.
Man betrachtet diese Fotos, wie man Bilder aus dem Montparnasse der zwanziger Jahre ansieht - und wenn Hemingways Paris ein Fest fürs Leben war, dann zeigen diese Bilder die Spuren eines Lebens fürs Fest. Auf einem Bild sieht man die Beine einer jungen Frau, die Strumpfhose ist kaputt, die Frau eingeschlafen am frühen Morgen und bis zum Nachmittag in den Partytrümmern liegengeblieben. Sie lag dort wirklich genauso, sagt der Fotograf - und vielleicht ist das wahr, vielleicht auch nur Teil jener Legenden einer Stadt, deren Substanz Gnädinger in Szene setzen will.