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Fotografie : Ein Wanderer in der New Yorker Alltagswelt

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Andy Warhol liebte Bilder, egal in welcher Form. In Köln zeigt die Galerie Thomas Zander bisher unbekannte Aufnahmen von seinen Streifzügen durch New York.

          Ich lese nie. Ich schaue mir nur Bilder an“, sagte Andy Warhol einmal. Der Sohn eines polnischen Bergarbeiters ist vor mehr als 25 Jahren gestorben; seine Werke scheinen unendlich oft reproduziert, ausgedeutet, längst bekannt. Doch nun hat der Kölner Galerist Thomas Zander ein Konvolut von Schwarzweißfotos von Andy Warhol entdeckt, die eine Entdeckung sind. Motive, fotografiert mit einer Automatikkamera, die nicht als direkte Vorlagen für Gemälde entstanden, sondern als eigenständige Arbeiten gelten müssen. Warhol nahm sie auf in den Jahren von 1976 bis zu seinem Tod 1987. Es sind Beobachtungen des Pop-Artisten als Flaneur, der ebenso beiläufig wie präzise seine Aufmerksamkeit auf die Dinge richtet, die sich auf seinen Wegen durch New York zeigen.

          Nichts auf diesen Fotos ist spektakulär: ein Stofftier auf einer Sessellehne, ein eingedeckter Tisch, der Wagen eines Briefträgers auf der Straße -, das alles reichte Warhol für ein Foto. Doch in der Zusammenschau bilden diese Bilder, von denen Hunderte oder auch Tausende entstanden sein mögen, ein visuelles Tagebuch, das von der gleichen Lakonik geprägt ist wie seine schriftlichen Aufzeichnungen, die er ebenfalls von 1976 an führte.

          In der Galerie hat Thomas Zander nun eine Auswahl von etwa fünfzig Fotografien als lockeres Raster auf eine dreiundzwanzig Meter lange Wand montiert, so dass jede ausreichend Raum um sich herum hat, um in Ruhe zu wirken. Jeweils nur einmal abgezogen, auf bescheidene 20 mal 25,4 Zentimeter vergrößert und in dicke, glänzende Alurahmen gepackt, werden die Prints zu Schaustücken, die funktionieren wie kleine Guckkästen.

          Viele Fotos erinnern an das, womit der Künstler sich bereits in seinen Anfängen als Illustrator beschäftigte: Waren und ihre Präsentation. Er zeigt sich fasziniert von Displays, Auslagen, Marktständen, Schaufensterpuppen, Geschäften. In Nahaufnahme wird die Ware zum Fetisch: Er zeigt in einem Regal aufgereihte Cowboystiefel, die ins Abstrakte kippen, ebenso wie Teppichmuster, Obst oder ein Jackett. Immer wieder fotografiert Warhol auch die „Vending Machines“ für Zeitungen, die wie minimalistische Skulpturen bis heute überall auf den Straßen New Yorks stehen.

          Er interessiert sich für Hinweisschilder, Werbetafeln und Plakate. Der Fotograf Warhol liest die Wörter, mit welchen die Stadt zur Orientierung, Information oder Werbung übersät ist, als Zeichen, und manchmal wirkt das so, als würde ein Außerirdischer versuchen, sich auf der Erde zurechtzufinden: Da wird das „Emergency“- Schild an einem Krankenhaus zum Rätselzeichen ebenso wie die Tafel, die den Preis für einen Parkplatz verkündet; scheinen Briefkästen und Poster auf einer Litfaßsäule wie die Überbringer geheimer Botschaften.

          Ab und an fotografierte Andy Warhol auch Menschen, doch lag ihm kaum daran, hier so etwas wie Charakterstudien zu schaffen. Er betrachtete die Leute auf der Straße mit dem gleichen beiläufigen Interesse wie die Waren in den Geschäften, und das stets aus sicherem Abstand: Männer auf einer „Gay Pride“-Parade, eine alte Frau, die Tauben füttert, einen jungen Mann, der bäuchlings auf einer Parkbank schläft.

          Lakonisch, fast ein wenig gelangweilt und doch präzise beobachtend und blitzschnell reagierend - so zeigt sich Warhol als Fotograf, ebenso wie als Society-Figur, ebenso als Künstler wie als Mensch.

          Seine fotografische Tätigkeit beschrieb Warhol in seinem Tagebuch in ebenjenem gleichgültigen Ton, mit dem er auch alles andere in seinem Leben beschrieb. Am 28.Januar 1984 etwa findet sich einer der wenigen beiläufigen Verweise aufs Fotografieren in seinem Tagebuch: „Wandered over to the East Village. Took a couple of rolls of film.“

          Ganz anders ist der Blick, den Andy Warhol in seinen „Screen-Tests“ auf die Menschen um sich herum richtete. Thomas Zander zeigt in der Galerie neben den Fotos auch eine Auswahl von zwölf der berühmten „Screen-Tests“, jenen auf Sechzehn-Millimeter-Film aufgenommenen Sitzungen, in denen die Mitglieder der „Factory“ wie Ingrid Superstar, Edie Sedgwick oder Nico, aber auch Künstler wie Marcel Duchamp, Dennis Hopper oder Paul Thek vor einer Leinwand auf einem Stuhl sitzen und in die Kamera schauen.

          Eigentlich geschieht hier nichts, und genau das ist das Ereignis: Bob Dylan guckt zu Boden und kratzt sich mit seinen langen Nägeln am Kopf, Edie Sedgwick blinzelt, Marcel Duchamp macht Fratzen. Ursprünglich wurden Screen-Tests von der Filmindustrie benutzt, um die Präsenz eines Schauspielers, das Aussehen seines Make-ups oder die Wirkung eines Kostüms vor der Kamera zu testen.

          Andy Warhol macht hier den ebenso anonymen wie ausdauernden und penetranten Blick durch die Kamera selbst zum Thema. Die Kamera registriert ungerührt die zahllosen Unwillkürlichkeiten, das Unwohlsein oder die Strategien der Selbstinszenierung; also

          alles, was sich ereignet, wenn jemand lange und untätig und ohne Handlungsanweisung vor einer Kamera sitzt. Warhols „Screen-Tests“ sind ikonisch; bis heute werden sie als Mittel benutzt, um einer Berühmtheit Gelegenheit zu geben, sich möglichst beiläufig zu zeigen, dem Publikum etwas Authentisches zu versprechen.

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