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Fotografie Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

 ·  Ezio d’Agostinos melancholische Ansichten aus dem Pariser „Forum les Halles“ passen wunderbar zu einem Sommer voller Regen.

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Manchmal hilft ein verregneter Sommer wie dieser dabei, sich mit den schönen Dingen des Lebens befassen zu können. Schlechtes Wetter bedeutet - mehr Zeit für gute Kunst: Das lässt sich gegenwärtig in der Pariser Galerie Lucie Weill& Seligmann erleben.

Die bereits 1930 von Lucie Weill gegründete, altehrwürdige Kunsthandlung in Saint Germain-des-Prés wurde einst berühmt mit Ausstellungen von Jean Cocteau, Claude Derain, Max Ernst oder Pablo Picasso. Seit Januar 2012 arbeitet der neue Leiter Victor Mendès an der Neuausrichtung des Programms, das bislang bereits Fotokünstler wie Gisèle Freund, Eiko Hosoe oder Ralph Gibson umfasste. Zusätzlich setzt man nun vor allem auf junge Fotografen, die sich hier regelmäßig entdecken lassen.

Das aktuellste Beispiel ist die Ausstellung „L’autre, le même“ mit Arbeiten des 1979 in Süditalien geborenen Fotografen Ezio d’Agostino, der in Rom und Paris lebt. Er befasst sich in seinem bereits vielfach preisgekrönten Werk mit Orten, an denen sich das Verschwinden von etwas ablesen lässt, so auch in seiner jüngsten Fotoserie „Alphabet, Les Halles 1979-2011“.

Aufgenommen im Pariser „Forum les Halles“, sind diese Fotografien eine genaue Registratur des allmählichen Verfalls und des Vergessens. D’Agostino beobachtet die Dinge, die sich selbst überlassen werden: ein leeres Schwimmbecken, ein paar rote Plastikstühle im Cafe, dessen einziger Besucher ein Spatz ist, zugedeckte Autos auf dem wasserfarbenen Boden der Tiefgarage. Und er zeigt immer wieder den Regen, wie ein Thema ohne Variationen: auf einer Tischtennisplatte, auf einem Baumstumpf, auf dem Boden vor einem Siegerpodest, auf das sich schon lange niemand mehr gestellt hat, um sich feiern zu lassen.

Die Motive dieser Fotos scheinen zunächst wenig spektakulär, doch sie überzeugen durch ihre kompositorische Stringenz und eine flächige, hypnotische Farbigkeit. Sie übersetzen eine zeitgenössische Suche nach der verlorenen Zeit in eindringliche Bilder, die mit ihrem steten Umschlagen in die Abstraktion arbeiten. Bei vielen Motiven braucht es eine Weile, bis man erkennt, was hier eigentlich zu sehen ist: ein Mülleimer mit einem transparenten, roten Müllsack darin, die Reste einer Kinderzeichnung auf einer schwarzen Tafel, vergessene Billardstäbe in einer Halterung.

Ezio d’Agostino ist diese Art der allmählichen Erkenntnis gerade recht: Er bevorzugt in seinen Fotoprojekten ein entschleunigtes Beobachten, ein tastendes Schauen, das sich nicht von plakativen Effekten leiten lässt. Eine Erklärung mag sein, dass der junge Fotograf ein studierter Archäologe ist: „Ich denke, dass die Arbeit als Archäologe meine Sicht, auf die Dinge zu schauen, stark geprägt hat. Ich habe gelernt, mich einem Ort zu nähern und zu lesen, was ich dort finde“, sagt er, und weiter. „Ich empfinde es so: Die Zeit arbeitet nicht gegen mich, sondern für mich. Ich gehe einen Pakt mit der Zeit ein. Das wichtigste ist vielleicht, ohne Eile zu arbeiten.“

Das von Anfang an umstrittene Forum les Halles symbolisierte in den siebziger Jahren eine ambitionierte Vision von Städtebau mitten im historischen Paris, die in futuristischer Form alles an diesem Ort zusammenbringen wollte, wo sich zuvor der Pariser Großmarkt befand: Vergnügen, Leben, Arbeiten, Bildung, Kunst. 1971 wurden die als altertümlich empfundenen „Halles Baltard“ abgerissen. Sie wichen einem monumentalen, unterirdisch mehrstöckig angelegten, brutalistischen Beton-Komplex, der noch heute das Beaubourg-Viertel geradezu aufzusprengen scheint. Die Visionen von damals sind durch neue ersetzt worden. Und im vergangenen Jahr, als der Fotograf als Preisträger des „Prix SFR Les Halles“ dort Zugang erhielt um zu fotografieren, war das Forum längst heruntergekommen und verlassen.

Ezio d’Agostino hielt die Sporthalle, die Flure, die Tiefgarage und den Pool noch vor ihrer Schließung fest; kurz darauf wurde mit dem phasenweisen Abriss und der Neugestaltung des Forums begonnen. „Mir wurde klar: Dreißig Jahre sind eine ausreichende Zeitspanne für solche kommerziellen Immobilien-Projekte“, konstatiert er, „es wurde für die Investoren höchste Zeit, hier bis 2016 etwas Neues zu bauen, das - was ich wenig überraschend finde - einer ganz ähnlichen Ästhetik folgen wird.“

In jeder seiner Serien ist D’Agostino bestrebt, die oftmals hermetischen und stets menschenleeren Oberflächen der Dinge mit seiner Kamera zu durchdringen. Beim „Fotobuch Festival“ in Kassel präsentierte er, ebenfalls 2011, erstmals in Deutschland seinen Zyklus „14.644“, der leere, zunächst vollkommen unscheinbar wirkende Nicht-Orte zeigt, die man von einem Augenblick auf den nächsten wieder aus dem Gedächtnis verlieren könnte.

Doch die Wohnzimmer, Parkplätze und Straßenzüge, die in der Serie gezeigt werden, leben von den Geschichten, die sich in ihnen verborgen halten: Seit dem Jahr 1975 sind allein in Italien 14644 Menschen offenbar freiwillig, ohne die Spuren eines Verbrechens, verschwunden: Vierhundert sind das pro Jahr, also mehr als eine Person pro Tag. Sie alle haben ihre alte Identität hinter sich gelassen, ihre Familie, ihre Freunde; die ganze eigene Biographie. Auch in der Familie des Fotografen gibt es solch einen plötzlich verschwundenen Cousin - Anlass für ihn, Orte zu dokumentieren, an denen die Personen zuletzt gesehen wurden.

Ezio D’Agostino steht für eine neue Generation engagierter Fotografen, die zwischen Dokumentation und Fotografie als freier Kunst nicht mehr unterscheiden. Für ihn ist es selbstverständlich - wie für seine berühmten Vorgänger Walker Evans, Weegee oder William Eggleston - mit dem zu arbeiten, was er in der Welt findet, sich viel Zeit zum Schauen zu nehmen und sich nicht von den Möglichkeiten der Computermanipulation verführen zu lassen.

Die Ausstellung in der Galerie Lucie Weill & Seligmann, Paris, noch bis zum 15. September. Alle Arbeiten sind Inkjet Prints auf Barytpapier, Auflage 3. Sie kosten im Format 25 mal 21 Zentimeter je 900 Euro, im Format 50 mal 60 Zentimeter je 1400 Euro.

Quelle: F.A.S.
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