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Folgerecht : Lob, Streit, Kritik: Eine Umfrage unter Betroffenen zu den Vorgaben aus Brüssel

  • -Aktualisiert am

Europaweit zeigen sich die Händler skeptisch, was das neue Gesetz betrifft, insbesondere treibt sie die Angst um, Amerika und die Schweiz als Länder ohne Folgerechtsabgaben würden weiter bevorteilt sein.

          Das große Geld mit Kunst wird vor allem im Ausland verdient, nicht in Deutschland. Der Handel, besonders zeitgenössischer, aktueller Kunst, orientiert sich an Amerika, etwa der Messe in Miami, an Großbritannien mit der Frieze in London oder der Schweiz mit der Art Basel.

          Eine Mitschuld an der Abkehr vom Kunstmarkt von Deutschland hat für viele hier ansässigen Galeristen das sogenannte Folgerecht. Unter Bundeskanzler Willy Brandt wurde es eingeführt und hatte damals einen sozialen Ansatz: die Unterstützung junger Künstler. Während der Erstverkauf von Werken durch den Galeristen frei ist, wird es beim Wiederverkauf teuer, besonders in Deutschland. Großbritannien, Österreich, Irland und die Niederlande waren die letzten EU-Staaten, die bisher noch kein Folgerecht eingeführt hatten; mit der neuen EU-Richtlinie müssen jetzt auch sie zahlen, und sie tun es widerwillig.

          Ein ungeheurer bürokratischer Aufwand

          Der deutsche Gesetzesentwurf zum Folgerecht sorgt derzeit für heftige Diskussionen in allen Bereichen des Kunstmarkts. Besonders die Galerien für zeitgenössische Kunst beschweren sich. Die meisten hätten die Richtlinie am liebsten ganz abgeschafft: „Es ist ein ungeheurer bürokratischer Aufwand, und die jungen Künstler haben nichts von dieser Regelung“, kritisiert etwa Bernhard Wittenbrink, der Vorsitzende des Galerienverbands.

          Für Gerhard Pfennig von der Verwertungsgesellschaft Bildkunst sind die Galerien, die im engen Kontakt mit ihren jungen Künstlern arbeiten und daher bei dem Erstverkauf keine Gebühr bezahlen müssen, gerade nicht die Betroffenen. Betroffen seien vielmehr diejenigen, die von privaten Sammlern kaufen und mit Werken verstorbener Künstler handeln. Dazu gehören auch die Auktionshäuser.

          Wettbewerbsnachteil gegenüber abgabefreien Ländern

          Der Leiter eines der führenden Auktionshäuser in Deutschland, Henrik Hanstein von Lempertz in Köln, pflichtet Gerhard Pfennig in diesem Punkt bei. Hanstein sieht das größte Problem im Zusammenhang mit dem Wettbewerbsnachteil gegenüber Ländern wie Großbritannien, die bisher keine vergleichbare Abgabe kannten: „Die Engländer wußten genau, wie sie uns in Verhandlungen über diese fünf Prozent im Preis ausbooten konnten“, sagt Hanstein im Gespräch mit dieser Zeitung. Eigentlich sei er ja gegen das Gesetz, so Hanstein, dennoch freue er sich über die Reform, die ihn nun verpflichtet, statt fünf Prozent nur mehr vier Prozent abgeben zu müssen.

          Gerhard Pfennig weist darauf hin, daß durch die Anhebung des Grundbetrags im Folgerecht von fünfzig auf tausend Euro in Deutschland viele Künstler nicht mehr berücksichtigt werden; Pfennig schätzt, daß gut vierzig Prozent der weniger bekannten Künstler davon betoffen sind. Er erhofft sich eine Kompensation durch diejenigen Gelder, die die Künstler künftig erhalten werden, wenn ihre Werke in England verkauft werden.

          Tausend Euro Grundbetrag

          Henrik Hanstein bedauert die Festlegung auf tausend Euro Grundbetrag. Er hätte dreitausend Euro bevorzugt. Daß die Engländer jetzt aber unter den gleichen Bedingungen arbeiten müssen, hält er für eine große Chance für den deutschen Markt. Die Händler hatten auf eine Festlegung auf dreitausend Euro gehofft, da junge Künstler ohne Folgerechtsabgaben sich leichter auf dem Markt positionieren können. Auch der Galerist Aurel Scheibler bedauert die Tausend-Euro-Regelung: „Das bringt den jungen Künstlern nichts, weil sie erst mal in den Markt gebracht werden müssen“, lautet seine Argumentation.

          Daß die Abgabe von 12 500 Euro nach der neuen Richtlinie nicht mehr überschritten werden darf, ist eine Änderung, die besonders von den Galeristen begrüßt wird: „Die teuren Arbeiten haben sich einfach nicht mehr so gelohnt“, sagt der Verbandsvorsitzende Wittenbrink.

          Die Reichen werden immer reicher

          Schon seit den achtziger Jahren wurde hierzulande über die Schwächen des alten Folgerechts diskutiert: Die Künstler Gerhard Richter und Georg Baselitz etwa sprachen sich stets vehement gegen die Regel aus, weil sie befanden, daß nur wenige sehr erfolgreiche Künstler davon profitierten, die Reichen also immer reicher würden, und die Galeristen nur noch mit den Werken von Stars handeln würden. Junge, unsichere Positionen dagegen bekämen Schwierigkeiten. Baselitz äußerte gegenüber dieser Zeitung, daß sich an seiner Kritik auch durch die neue Regelung nichts geändert habe.

          Gerhard Pfennig kritisiert die negative Haltung von Künstlern und Galeristen: „Man kann nicht alles auf das Folgerecht projizieren“, findet er. „Es ist keine sozial-engagierte Richtlinie, sondern soll die Künstler an ihrem Erfolg beteiligen.“ Hinterbliebene, beispielsweise die von Kurt Schwitters, seien angewiesen auf die Unterstützung. Und auch die älteren, lebenden Künstler finanzierten sich zu Recht, wie Pfennig findet, mit dem Erlös ihre Auskommen.

          Das Innenleben des Kunstmarkts

          Die kulturpolitische Diskussion in Deutschland, die der Gesetzesentwurf zum Folgerecht ausgelöst hat, gibt das Innenleben eines Kunstmarkts preis, der auf Konsens und Vereinbarung zu agieren nicht mehr bereit ist. Europaweit zeigen sich die Händler skeptisch, was das neue Gesetz betrifft, insbesondere treibt sie die Angst um, Amerika und die Schweiz als Länder ohne Folgerechtsabgaben würden weiter bevorteilt sein. Bei all den Interessenkonflikten wird es jedoch einen Erkenntnisgewinn aus der EU-Reform geben: Anhand der Einführung des Folgerechts in Großbritannien kann nun präzise überprüft werden, welche Auswirkungen das Folgerecht faktisch auf den Handel hat. Und ob die Gründe für die Verlagerung nicht vielleicht an ganz anderer Stelle zu suchen sind.

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