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Fine Arts Fair in Maastricht Die hohe Kunst, unvergleichlich zu bleiben

 ·  The European Fine Art Fair ist nicht einfach eine Messe - die Schau in Maastricht ist weltweit einzigartig. Das bestätigt ihre aktuelle Ausgabe - uneinholbar und mit völliger Leichtigkeit.

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© Moretti Francesco Guardis wunderschöner Blick über den Platz vor Santa Maria del Giglio in Venedig, bei Moretti für vier Millionen Pfund

Das dahinter waltende Prinzip lautet: ständige Weiterentwicklung und behutsamer Wandel im Selben. Das fängt beim schon legendären Blumenschmuck an, diesmal sind es Rosen in allen denkbaren Spielarten der Farbe Rot und Tulpen in ihrer ganzen Vielfalt, von streng gekelcht bis papageienhaft zerfiedert. Es geht weiter bei der Gestaltung der einzelnen Stände: „Petersburger Hängung“, früher einmal gepflegt im Kongresszentrum, ist endgültig out, dafür jetzt klare Linien, hohe Helle, freie Luft entlang der „Boulevards“, von denen die Schau traditionell gegliedert ist. Über dem Servicedesk gleich beim Eingang schwebt diesmal eine riesige bunte Stoff-Konstruktion der portugiesischen Künstlerin Joana Vasconcelos: „Mary Poppins“ als gute Fee von der Galerie Nathalie Obadia. Wenig Fluktuation gibt es bei den rund 250 Ausstellern aus neunzehn Ländern, vor allem in den klassischen Domänen, den Gemälden und dem Kunsthandwerk. Die Galerie Krugier aus Genf fehlt diesmal; bei der Moderne fällt das Fehlen von Schönewald / Meier und von Hauser & Wirth auf; dafür kam Gagosian wieder.

Der Rundgang kann in der Altmeister-Sektion beginnen, die längst nicht mehr nur mit Niederländern bestückt ist: Italianità verströmt Francesco Guardis wunderschöner Blick über den Platz vor Santa Maria del Giglio in Venedig, der den Stand der Kunsthandlung Moretti schmückt; vier Millionen Pfund sind genannt für das Gemälde, das ganz ohne Wasser auskommt. Zu stiller Andacht ruft bei Moretti eine heiliger Dominikus auf Goldgrund; er stammt aus Giottos Werkstatt in Neapel, geschaffen vielleicht von Maso die Banco (1,9 Millionen Euro). Ein wenig weiter fährt Konrad O. Bernheimer, wie üblich vereint mit Colnaghi und Bellinger auf. Prachtstück bei ihm ist ein Melanchthon-Porträt des jüngeren Cranach, in feiner später Auffassung des fast heiteren Gesichts (1,65 Millionen Euro). Gänzlich anders, hübsch und überraschend ist die großformatige Venedig-Szene von Antonietta Brandeis; die 1849 in Ungarn geborene Malerin lässt sich bei dieser Gelegenheit kennenlernen (345.000 Euro). Und es gibt eine Landschaft mit Kühen von Fragonard, eines seiner wenigen „Holländischen Bilder“ (875.000 Euro).

Rasante Mischung und Preisgestaltung

Gewissermaßen next door findet sich Fragonard mit seinem eher angestammten Sujet: Bei St. Lucas aus Wien schlummert, durchaus frivol, ein rosiges Mädchen (850.000 Euro). Bei Daxer & Marschall aus München hängt für Liebhaber von Carl Schuch dessen „Erlegter Fuchs“ mit noch sprühendem gesträubten Fell (85.000 Euro). Die Münchner Kollegen Arnoldi-Livie gleich nebenan können ein rares Gemälde von Brancusi präsentieren, in Tempera auf Karton und im weiß angestrichenen Original-Künstlerrahmen; es war ein Geschenk Brancusis an die Mutter der Vorbesitzerin (bereits reserviert). Außerdem gibt es dort, für spezielle Fans, eine veritabel gothic englische Abtei des Romantikers Carl Gustav Carus (320.000 Euro).

Die Pariser Galerie De Jonckheere glänzt mit zwei Kleinodien - einer „Kreuzigung“ Jan Brueghels d. Ä. und einer Darstellung von „Adam und Eva“ vom delikaten flämischen Maler, dem Max J. Friedländer den Notnamen Meister mit dem gestickten Laub gegeben hat; beide Werke sind mit 3,5 Millionen Euro beziffert. Gleich vierzehn Millionen Dollar stehen im Stand des New Yorker Händlers Otto Naumann zur Debatte für ein Bildnis von Velázquez. Der porträtierte Herr blickt streng, großartig freilich ist die Malerei des Spaniers. Auch French & Co., ebenfalls aus New York und bekannt für ihre rasante Mischung und Preisgestaltung, fährt wieder auf: Es gibt ein Gemälde von Shishkin (vielleicht taucht ja russische Kundschaft auf), einen Mega-Maillol-Torso im prächtigen Lebenszeitguss - und eine formvollendete „Weinende Frau“ von Ernst Barlach, ein Unikat in Holz, einst in der Galerie Paul Cassirer, seither in amerikanischem Privatbesitz (1,2 Millionen Dollar).

Die Vielfalt des Kunsthandwerks

Bei Agnew’s, der Londoner Traditionshandlung, die demnächst schließt (unser Kommentar auf dieser Seite), heißt es: Ein Kapitel sei eben abgeschlossen, doch ein neues werde beginnen - was immerhin eine angenehme Aussicht ist. Der Stand umfasst Werke vom Barock bis hin zu einem Gemälde von Bridget Riley oder einer Plastik Anthony Caros. Als Blickfang fungiert, vielleicht mit britischem Humor, Edward Burne-Jones’ zauberhaftes Gemälde „The Madness of Sir Tristram“, auf dem selbst das weiße Hündchen ein wenig mad dreinschaut (700.000 Pfund). Soweit das überblickbar ist, scheinen private Quellen durchaus noch - oder eben wieder verstärkt - zu sprudeln, wenig jüngste Auktionsware findet sich bei den wichtigen Galeristen und Händlern. Das liege nicht zuletzt daran, so Konrad O. Bernheimer, dass die Auktionsfirmen im Wettkampf um die besten Einlieferungen auch preislich überziehen, was die kenntnisreiche internationale Kundschaft, wie sie in Maastricht scharenweise anrückt, nicht mitmacht - und die Besitzer der Werke zum soliden Handel zurückbringt.

Tefaf in Maastricht: Die hohe Kunst, unvergleichlich zu bleiben

Die Vielfalt des Kunsthandwerks bei Tefaf hat sich noch einmal gesteigert. So sind zum Beispiel Rossi & Rossi aus London nach achtzehn Jahren zurück und verlassen damit die New Yorker „Asia Week“; Maastricht scheint ihnen wieder der wichtigere Marktplatz. Wahrhaft spektakulär, ragt in ihrem Stand 120 Zentimeter hoch ein elfköpfiger Avalokitèshvara aus Tibet, geschaffen um 1400. Dieser Bodhisattva mit Silber- und Kupferinlays, Halbedelsteinen und rot gefärbten Zehennägeln befand sich mehr als vierzig Jahre in einer europäischen Privatsammlung (5,5 Millionen Euro). Ganz alteuropäisch dagegen kann Frank C. Möller aus Hamburg seinen Stand den „mit der höchsten Schinkel-Dichte“ nennen: Dazu zählt auch Karl Friedrich Schinkels eigener „Schlaf-Stuhl“ - nach eigenem Entwurf, reliquienhaft beinah (350.000 Euro). Bei Otto von Mitzlaff aus Wächtersbach dominiert ein monumentales französisches „Lit Batteau“ aus dem frühen 19. Jahrhundert (96.000 Euro).

Schmucker Torso mit Früchten

Wer’s königlich mag, findet dort aus derselben Epoche ein rundes Tischchen mit elf Adelsporträts auf der Platte, das Friedrich Wilhelm III. dem König von Hannover weiland schenkte; gebaut wurde es von den Hofschreinern Sewening & Schneevogl, die viel für Schinkel gearbeitet haben (34.000 Euro). Beim Münchner Porzellanspezialist Röbbig fällt im Zentrum eine bemerkenswerte frühe Meissener „Vogelbauervase“ auf, geadelt durch die Sammlung Augusts des Starken (1,1 Millionen Euro).

Und natürlich gehören auch noch immer Stände wie die des belgischen Heim-Deko-Virtuosen Axel Vervoordt oder der Pariser Pomp-Spezialisten Kugel zum Gesamtbild, die man eigentlich schon Installationen nennen muss. Unter den Antiken fällt beim Schweizer Händler Cahn der schmucke Torso des römischen Waldgotts mit Früchten im Arm auf, aus dem 2. Jahrhundert (660.000 Franken); das, irgendwie geheimnisvolle, Fragment der Hand eines griechischen Kuros um 550 vor Christus ist schon für 22 000 Franken zu haben. Dem „Silvanus“ an Attraktivität in Nichts nach steht bei Weber aus Köln ein späthellenistischer oder frührömischer Herakles, aus dem Jahrhundert vor oder nach Christi Geburt (um 500.000 Euro). Mit stattlichen 450.000 Euro ähnlich viel investieren muss übrigens in der Design-Abteilung bei Ulrich Fiedler aus Berlin in Freund rarster Gerrit-Rietveld-Möbel, für einen rot angestrichenen „Billet-Chair“ von 1923.

Gagosian ist wieder da

Moderne Kunst ist zwar nicht die Kernkompetenz dieser Messe, aber inzwischen durch prominente internationale Teilnehmer ein starkes Segment. So wartet die Münchner Galerie Thomas mit einer Munch-Suite auf, angeführt vom schönen Ölbildnis der Inger Barth aus dem Jahr 1921 (5 Millionen Euro); das charmante Porträt von Hieronymus Heyerdahl, einstiger Bürgermeister von Kristiania, ist mit 1,5 Millionen Euro ungleich günstiger. Bei Karsten Greve, Köln und St. Moritz, ist das umwerfende große Gemälde „L’Inachevée“ von Wols aus seinem Todesjahr zu bestaunen, wohl das schönste Bild des Künstlers, das je auf einer Messe zu sehen war; Greve nennt sieben bis neun Millionen Euro.

Ja, Gagosian ist wieder da - und die policy ist die altbekannte, ganz und gar unmögliche, die von der Gallerina etwas gequält vorgetragen wird: Man nenne keine Preise, man diskutiere sie mit den Kunden. Als bereits sold offenbar nichts mehr zu reden gibt es über ein gemaltes Schwarzweiß-Großporträt Picassos, „Untitled, 2012“ des aktuellen Markt-Stars Rudolf Stingel, und keinen bezifferbaren Wert hat auch die überdimensional in Türkis schmelzende, stählerne „Venus“ von Jeff Koons (Auflage 3), neben der ständig ein Wachmann steht, damit sie keinen Kratzer kriegt. Eigentlich sollte die sonst so souveräne Tefaf-Leitung endlich derartige Geheimniskrämerei abstellen, das hat diese Messe nicht nötig.

Museum auf Zeit

Daniel Blau aus München ist da vorbildlich cooler: Seine tollen frühen Warhol-Zeichnungen, die er kurz vor dem, inzwischen begonnenen Auktions-Totalausverkauf der „Warhol Foundation“ aus deren Beständen gefischt hat, sind sichtbar beziffert zwischen 18.000 und 180.000 Euro. Einer musste die rund dreihundert Blätter finden wollen, er hat es getan. Stil beweist auch Van de Weghe aus New York: Dort hängt Basquiats Siebdruck „Tuxedo“, in weißer Schrift auf schwarzem Grund, 1982/83 ein Gruß an Warhol (Auflage 10; 1,9 Millionen Euro). Daneben ist Duane Hansons „Traveller“ erschlafft auf seinem Gepäck hingesunken (Unikat; 385.000 Euro): so oder ähnlich ist Amerika.

Der Parcour von Tefaf ist und bleibt das so oft schon berufene Museum auf Zeit. Angefügt sei hier noch: unbedingt in den ersten Stock zur Sektion „Paper“ gehen! Die ist jetzt schon ganz stark - und wird noch zulegen.

Tefaf. Im MECC, Maastricht, bis zum 24.März. Täglich geöffnet von 11 bis 19 Uhr, am Sonntag, den 24. März, bis 18 Uhr. Eintritt 55 Euro mit Katalog.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1956, Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

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