13.04.2007 · Die „Fine Art Fair Frankfurt“ wagt den Sprung in den offenen Raum und lässt die Kunstwerke für sich selbst sprechen. Keine Galeristenstände, keine Verkaufskataloge: Der mündige Kunstverstand bleibt mit sich allein auf einem gewagten Parcours, der Nachahmer finden wird.
Von Rose-Maria GroppJetzt ist sie also da, die Messe, die nicht mehr aussieht wie eine Verkaufsangelegenheit. Keine Kojenwände schaffen kleine Geborgenheiten, keine Kataloge liegen auf mitgebrachten Möbeln, an denen sich die Galeristen festhalten können, während die Kunden noch gelehrig schwanken. „Quality Street“ schafft gerade nicht die Atmosphäre für gedämpft sprechende Diskretion; nur die Lounge, der schwarze Sitz-Kasten in der Mitte erlaubt kleinere separierte Steh- und Stuhlgruppen.
Es herrscht dauernde Berührung: Während die herkömmlich ausgerüsteten Kunstmessen eher klaustrophobische Anwandlungen schüren, ist auf der zweiten Fine Art Fair Frankfurt Agoraphobie die unangebrachte Disposition. Auch für die Kunst, die sich da auf 14.000 Quadratmetern schon ordentlich benehmen muss, um nicht an der Nachbarschaft zu scheitern. Es hat wirklich eigene Qualität, wie die derartig heterogenen hundert Objekte so verteilt sind auf ihrem Marktplatz, dass sie sich einander etwas zu sagen haben - oder eben gerade nicht ins Handwerk pfuschen.
Betrachter, auf sich selbst verwiesen
Jedes Werk also unter seinen eigenen Scheinwerfern, und jeder Besucher allein mit sich, auf der Höhe seiner eigenen Kenntnisse. Der beulige zugebundene Müllsack auf dem Boden: Wer erklärt dem Betrachter, dass darin Gregor Schneider (der Mann mit dem Haus ur und dem schwarzen Kubus gerade in Hamburg) einen Abdruck seiner eigenen Haut verstaut hat? Der zugehörige Galerist, Luis Campaña in diesem Fall, ist ja nicht gleich leicht zuhanden. Oder die großen, ganz starken Kautschuk-Ringe, eine Arbeit ohne Titel (“Förderband“) aus dem Jahr 1989 von Asta Gröting - sie müssen sich nun erst einmal selbst vermitteln (bei Gisela Capitain; 50.000 Euro). Wie auch Carsten Höllers gigantischer Kasten in Grau, der „Trapezoid Swinging Room“, den man indessen betreten und seine Wände so zum Wackeln bringen kann, dass einem ganz blümerant wird (bei Esther Schipper; 190.000 Euro).
Notwendig geht eine so aparte Verkaufs-Schau mit dem (aus-)gebildeten Betrachter einher, ihr Alleinstellungsmerkmal mit dem mündigen Kunstbürger gewissermaßen. Frankfurt als die Stadt, die sich mit der Kunst, wo sie verkauft werden darf und soll, so eigenartig schwertut, hat es jedenfalls gewagt, Individualität an die Stelle von Wiedererkennungswert - aha, eine Messe! - zu setzen. Und Michael Neff als der Direktor der Fine Art Fair ist unter dem Aspekt der Ästhetik sicher auf der Gewinnerseite: Sein Environment (um den aus der Mode geratenen Begriff einmal wieder zu verwenden) hat Kraft, und dieses anspruchsvolle Wagnis eines Neuanfangs wird seine Nachahmer finden.
Die Prominenz beim Sichten
Jedenfalls schauten auch die interessierten Kollegen doch vorbei zur Eröffnung: Gérard Goodrow, Chef der Art Cologne, wurde gesichtet beim Sichten, und auch Sam Keller, der souveräne Herr über die Art Basel, war zu sehen. Aus manchem deutschen Museum war man gekommen - Kasper König, Direktor des Kölner Museums Ludwig und Kurator der Skulptur Projekte Münster 07, war darunter und nahm gleich den lebensgroßen Fußball-Fan-Kiosk, den Olaf Metzel 1995 für die Biennale in Istanbul gemeinsam mit Christoph Daum schuf, der damals den Verein Besiktas trainierte. Über den hochmögenden Verkauf von „Besiktas Jimnastik Külübü“ (120.000 Euro) freute sich die junge Frankfurter Galeristin Parisa Kind. Noch mehr Abschlüsse während der Vernissage wurden hier und da genannt; aber keiner weiß ja immer so genau, was schon ein bisschen angebahnt oder recht gut abgesprochen war und was „ganz spontan“ passiert.
Denn nur ein kaufbereites Publikum von Spezialisten wird dieses Unternehmen zum kommerziellen Erfolg führen, wo es eben hinmuss, um eine Zukunft zu haben. Allerdings ist ja einiges geboten dafür. So wirkt etwa auch nur 27 Zentimeter hoch der „Barberinische Faun“ noch umwerfend, in Bronze gegossen im 18. Jahrhundert von einem Anonymus und auf Marmor gesockelt (42.000 Euro); die Frankfurter Kunsthandlung Fichter hat ihn mitgebracht, und er besteht neben ganz anders dimensionierter Konkurrenz - zum Beispiel der aktuellen Produktion von John Chamberlain, der in zwei Tagen achtzig Jahre alt wird, überdimensionale Stanniolketten, zu Spiralen aufgerollt: „Bacarollehop“ (bei Schönewald Fine Arts; 1,5 Millionen Dollar).
Großraumkunst
Das „International Airport Terminal I“ der chinesischen Künstlerin Yin Xiuzhen ist eine annähernd maßstabsgetreu nachgebaute Flughafenhalle, die indessen aus weichen Stoffen und Kleidungsstücken zusammengenäht ist (bei Alexander Ochs; 240.000 Euro). Derweil hat Paul McCarthys aufgeblasene, mehr als fünfzehn Meter hohe Vinylskulptur draußen neben der Festhalle Platz genommen; wenn das keine Ansage in Sachen Präsenz ist (bei Hauser &Wirth; bereits erworben von der Deutschen Bank).
Ganz am Ende des Parcours in der Halle 9 will einen die „Little Rosa“ aus portugiesischem Marmor noch einmal dort hineinziehen (bei Ben Kaufmann). Der 1996 verstorbene bemerkenswerte dänische Theoretiker und Künstler Poul Gernes schuf diese Venus, die ihre Blue Jeans als Schleppe hinterherschleift in den Jahren 1982/1996: Schöne Grüße auch an Bertel Thorwaldsen.
Rose-Maria Gropp Jahrgang 1956, Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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