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Falsche Bronzen Es gibt auch einen Skandal um Maillol

Rund 200 Plastiken von Aristide Maillol tragen gefälschte Gießersignaturen. Gerade ist wieder eine von ihnen in New York versteigert worden. Eine unglaubliche Geschichte.

© Katalog Vergrößern Diese „Kleine Nacht“ schämt sich vielleicht ein wenig: Denn der Gießerstempel ...

Am 3. Mai wurde bei Sotheby’s in New York eine Kleinplastik von Aristide Maillol versteigert. Dabei wurde der Schätzpreis von 80 000 bis 120 000 Dollar bis zum Hammerpreis von 300 000 Dollar angehoben; das Aufgeld eingerechnet, kostete die „Petite Nuit“ also 362 500 Dollar. Angeboten war die kleine Fassung der „Nacht“, einer der berühmten großen Skulpturen Maillols, deren Gipsmodell 1909 im Pariser Herbstsalon ausgestellt war; das Original in Kalkstein befindet sich im Kunstmuseum Winterthur.

Die Kleinbronze in der New Yorker Auktion wird wohl wegen ihrer Gießermarke so große Zustimmung gefunden haben. Die beiden Gießer, Jean-Augustin Bingen und Florimond Costenoble, haben nur zehn Jahre lang - von 1903 bis 1913 - zusammengearbeitet. In ihrer Gießerei ließ Maillol seine erste überlebensgroße Plastik herstellen, die expressive Denkmalstatue „Action enchaînée“, aber auch die Jünglingsfigur „Radfahrer“ für Harry Graf Kessler, sowie einige Kleinplastiken.

Ein „s“ fehlt

Noch während der kurzen Tätigkeit der Gießerei Bingen et Costenoble wandte sich Maillol einem anderen Gießer zu, Florentin Godard, der die nächsten großen Statuen goss - zum Beispiel Figuren für den russischen Sammler Morosov. Maillol-Bronzen von Bingen et Costenoble sind also rar und alt. Im New Yorker Katalog heißt es von der Bronze der „Kleinen Nacht“, sie sei „vor 1914 bis 1918“ entstanden.

Auch die Gießersignatur dieser Bronze ist im Auktionskatalog wiedergegeben: „A. BINGEN et COSTENOBLE. Fondeur Paris“. Die Markierung von historisch nachweisbaren Bronzen dieser Gießerei, sowohl bei Plastiken Maillols als auch anderer Bildhauer, unterscheidet sich jedoch davon. Sie lautet: „A. BINGEN et F. COSTENOBLE. Fondeurs Paris“: Weil es sich um zwei Gießer handelt, muss das Wort für Gießer - fondeur - im Plural stehen und deshalb mit einem „s“ enden.

Vermutlich existieren ganze Editionen

Auf dem Kunstmarkt und in Ausstellungen, die vom Musée Maillol beschickt wurden, tauchten in den vergangenen Jahrzehnten nicht wenige Maillol-Bronzen auf, die die fehlerhafte Gießersignatur aufweisen. Diese unterscheidet sich nicht nur durch das fehlende Plural-S, auch die Buchstaben der Gießersignatur sind viel gröber ausgeführt. Die Bronzen sind meist numeriert, 1/6 bis 6/6, während bei historisch nachweisbaren Maillol-Bronzen von Bingen et Costenoble bisher keine Numerierungen gefunden werden konnten. Nicht zuletzt besitzen sie überwiegend eine grüne Patina, wie man sie von Güssen aus der Lebenszeit des Künstlers kaum kennt.

Die falschen Gießersignaturen können an fünfundzwanzig verschiedenen Maillol-Plastiken nachgewiesen werden - wohlgemerkt nicht an bloß fünfundzwanzig einzelnen Bronzen. In der Regel tauchten nämlich mehrere Exemplare derselben Plastik mit unterschiedlicher Numerierung auf. Man muss also damit rechnen, dass nicht nur vereinzelte Bronzen, sondern wohl ganze Editionen existieren. Die Nummerierungen lassen auf Sechser-Auflagen mit jeweils zwei Künstlergüssen, die manchmal mit „e. a.“ (épreuve d’artiste) markiert sind, schließen. Daraus lässt sich errechnen, dass es rund zweihundert „Fondeur“-Güsse von Plastiken Maillols geben könnte.

 © Katalog Vergrößern ... der Plastik, deren Entwurf Maillol 1902 schuf, ist gefälscht. Deshalb liegt ihre tatsächliche Entstehungszeit nicht vor 1914/18, sondern nach dem Jahr 1977

Die Bronzen mit der Gießersignatur „A. BINGEN et COSTENOBLE. Fondeur Paris“ können demnach nicht von Jean-Augustin Bingen und Florimond Costenoble gegossen worden sein - und sie können auch nicht vor dem Ersten Weltkrieg entstanden sein: Diese Gießermarkierungen müssen gefälscht sein. Übrigens ist dies schon mehrfach in wissenschaftlichen Veröffentlichungen dargelegt worden (etwa in den von der Verfasserin dieses Artikels mitherausgegebenen Aufsatzbänden „Ausdrucksplastik“ von 2002 und „Posthume Güsse“ von 2009). Der Kunsthandel hat davon allerdings keine Notiz genommen: „Fondeur“-Güsse werden weiterhin als authentische Werke angeboten.

Man findet solche verfälschten Bronzen aber auch in Museen: In Paris stehen im Musée Maillol eine „Pomona“ mit „Fondeur“-Signatur und im Musée d’Orsay eine ebenso gekennzeichnete „Eva“, die 1992 als Geschenk von Dina Vierny (1919 bis 2009), der Verwalterin des Maillol-Nachlasses, ins Museum gelangt ist.

Nur ein merkwürdiger Zufall?

Vierny allerdings hat auf die Diskussion um die „Fondeur“-Güsse“ reagiert. Auf die Frage, wo all die vielen Bingen-et-Costenoble-Bronzen denn plötzlich hergekommen seien, erklärte sie in einem Brief an die Verfasserin dieses Artikels, sie seien in Maillols südfranzösischer Heimat entdeckt worden. (“Ces bronzes sont malheureusement rares. Il a fallu attendre le déclin de trois générations et les années 1978 - 79 pour pouvoir entrer en contact avec les possesseurs de ces bronzes dans les Pyrénées-Orientales.“)

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In Maillols ländlicher Heimat nahe den Pyrenäen sollen demnach also bis zu 200 vergessene Bronzen aufgefunden worden sein? Interessant ist jedoch, dass Dina Vierny die angebliche Entdeckung auf 1978/79 datiert. Daraus kann man wohl schließen, dass es vor 1978 noch keine „Fondeur“-Bronzen gegeben hat. Es kann gefragt werden, ob es ein Zufall ist, dass diese Zeitangabe dazu passt, dass Vierny von 1977 bis 2000 die Eigentümerin einer Pariser Bronzegießerei (E. Godard) war?

Eine verspätete Erklärung

In ihrer 2009 erschienenen Lebensgeschichte kam Dina Vierny auch auf Bingen und Costenoble zu sprechen. Wie sie ausführt, soll es sich, trotz der beiden Namen, nur um eine Person gehandelt haben (“un fondeur qui s’appelait Bingen et Costenoble. Il y a deux noms, mais c’était un seul bonhomme“). So versuchte sie im Nachhinein, eine Erklärung für das fehlende Plural-s der Gießersignaturen zu geben.

Im Auktionskatalog vom 3. Mai ist für die „Kleine Nacht“ als Provenienz eine „Privatsammlung, Frankreich“ verzeichnet. Außerdem ist angekündigt, dass diese Bronze in das in Vorbereitung befindliche Maillol-Werkverzeichnis aufgenommen werde. Man darf gespannt sein.

Ursel Berger ist die Direktorin des Georg-Kolbe-Museums in Berlin und Expertin für Bronzegüsse. Sie hat 1996 eine Maillol-Retrospektive verantwortet.

Quelle: F.A.Z.

 
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