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Expressionismus und Moderne Sammlerschlachten

22.06.2007 ·  Der Boom des Kunstmarktes hält an: Die Moderne-Auktionen bei Christie's und Sotheby's in London wurden zum Schauplatz der erfolgreichsten Versteigerung in der Auktionsgeschichte Europas - mit jeweils achtzig Millionen Pfund Umsatz und Rekorden für Miró, Goncharova und Matisse.

Von Anne Reimers, London
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Am vergangenen Dienstag wurde der inzwischen viel zu kleine achteckige Saal bei Christie's in der King Street, in dem seit 1823 Auktionen abgehalten werden, zum Schauplatz der erfolgreichsten Versteigerung in der Auktionsgeschichte Europas. Über Bildschirme in zwei Seitenräumen konnten Sammler, Galeristen und Berater, die nicht im Hauptsaal Platz gefunden hatten, verfolgen, wie Jussi Pylkkänen, der Auktionator und Präsident von Christie's Europe, eine hochklassige Auswahl an vorwiegend französischen Werken zum Gesamtpreis von mehr als 121 Millionen Pfund unter den Hammer brachte. Dabei wurden die meisten der 63 von 72 angebotenen Lose über die Telefone der Spezialisten an private Sammler verkauft, während sich der Kunsthandel bei den hoch angesetzten Taxen zurückhielt und stattdessen am nächsten Tag beim Day Sale einkaufte.

Auch die Hauptperson des Kunsttheaters lies sich am Telefon vom Spezialisten Thomas Seydoux und seinem französischen Kollegen vertreten: Ein europäischer Privatsammler, möglicherweise französisch, kaufte gleich vierzehn Spitzenwerke, darunter André Derains Fischerszene „Bateaux à la collioure“ für 1,8 Millionen Pfund (Taxe 800.000/1,2 Millionen) und Emile Othon Friesz' „Le port d'Anvers“ für 1,15 Millionen, zur doppelten Schätzung. Für Alberto Magnelli und Lasar Segall stellte er mit 800.000 und 350.000 Pfund neue Auktionsrekorde auf.

Zunächst ging ein verhaltenes Raunen durch den Saal, als derselbe Käufer zum vierten Mal in Folge seine Mitstreiter ausstach und Kees van Dongens träumerische „Femme en bleu au collier“ für 1,05 Millionen Pfund (350.000/550.000) an sich brachte. Danach blieb es eher still im Saal, während sich die Augen auf den Spezialisten Thomas Seydoux richteten: Er zeigte jedoch wenig Interesse an Monets, mit neun bis zwölf Millionen Pfund als Spitzenlos angesetzten, Seerosenteich mit Rosenbögen, „Les arceaux de roses, Giverny“; das Bild wurde zum Hammerpreis von acht Millionen Pfund verkauft.

Monets Waterloo-Bridge als Spitzenlos

Seydoux versuchte stattdessen, einen asiatischen Sammler am Telefon beim Bietgefecht um das attraktivere, von Monet am Fenster seines Zimmers im Londoner Savoy-Hotel gemalte „Waterloo Bridge, temps couvert“ aus einer japanischen Privatsammlung auszustechen. Hier triumphierte schließlich ein amerikanischer Sammler am Telefon des New Yorker Spezialisten Guy Bennett bei sechzehn Millionen Pfund, der verdoppelten oberen Taxe - und damit das Spitzenlos des Abends.

Zum Ausgleich sicherte sich der kunsthungrige Sammler Picassos „Mousquetaire et nu assis“ für sechs Millionen Pfund (4,5/5,5 Millionen), Chagalls „L'Hiver“ für 3,1 Millionen (2,5/3,5 Millionen) und Chaïm Soutines „Rote Treppe“ zur oberen Taxe von 3,5 Millionen Pfund. Der mysteriöse Bieter in Kauflaune hatte auch starkes Interesse an Natalia Goncharovas primitivistischen Apfelpflückern - seit 1962 in einer amerikanischen Sammlung -, für die Christie's Gebote um die Millionengrenze erwartete; das nährte die Spekulationen, es könne sich um einen russischen Sammler handeln.

Die Schätzung für Goncharova wurde mit dem Gebot eines anderen europäischen oder russischen Privatmanns am Telefon dann weit übertroffen: 4,4 Millionen Pfund sind ein Rekord für die russische Malerin und der höchste Auktionspreis für das Werk einer Künstlerin jemals. Ihre riesigen „Danseuses espagnoles“ erzielten 2,5 Millionen Pfund (400.000/600.000).

Auktionsrekord für Miró

Überboten wurden Seydoux und sein Käufer auch bei einem bunten Hahn in Aquarell auf Papier von Miró, der 2003 zum ersten Mal auf den Markt gekommen und bei Christie's für 1,8 Millionen (inklusive Aufschlag) vermittelt worden war. Das höchste Gebot dafür gab ein anonymer Sammler am Telefon von Isabelle de la Bruyère mit 5,9 Millionen Pfund ab - ein neuer Auktionsrekord für den spanischen Künstler. Am Schluss sicherte Seydoux seinem Sammler noch zwei der drei deutschen Maler im Angebot: Pechsteins „Rotes Teeservice“, seit 1961 in der Sammlung der deutsch-amerikanischen Familie Lilienfeld, für 520.000 und Heckels „Küstenlandschaft“, seit 1998 als Leihgabe im Berliner Stadtmuseum, für 660.000 Pfund (250.000/350.000).

Jussi Pylkkänen kommentierte den Erfolg des Hauses, das an diesem Abend 78 Prozent der Lose an europäische und russische, 21 Prozent an amerikanische und ein Prozent an asiatische Kunden verkaufte: „Wir haben eine Gruppe von finanzstarken Käufern, die zuschlagen, wenn der Markt stark ist, und wissen, dass Werke von dieser Qualität nicht auf Auktionen erscheinen, wenn sich der Markt abkühlt.“

Fast ein Rekord: Monets „Nymphéas“

Der Abend bei Sotheby's stand ebenso im Zeichen von Monet: Das Spitzenlos, die „Nymphéas“ von 1904 - eines der ersten Gemälde Monets, die sich ganz auf die Teichoberfläche konzentrieren -, war zuletzt 1936 in Paris ausgestellt worden; im Mai hatte Sotheby's das ikonische Werk in New York präsentiert und im Staatlichen Historischen Museum in Moskau, um potentielle Käufer anzulocken. Nun allerdings bewilligte ein asiatischer Privatsammler, der sich am Telefon vertreten lies, 16,5 Millionen Pfund (10/15 Millionen) dafür.

Der Kaufpreis inklusive Aufgeld liegt mit 18,5 Millionen Pfund knapp hinter dem Auktionsrekord für Monet, den Sotheby's 1998 mit einer Ansicht des Seerosenteichs samt Park und japanischer Brücke, gemalt 1900, für 19,8 Millionen erzielte - umgerechnet in Dollar, würden die aktuellen „Nymphéas“ allerdings einen neuen Monet-Rekord aufstellen. Zweitteuerstes Los wurde, wie erwartet, Matisses attraktive „Danseuse dans le fauteuil, sol en Damier“, die erst im Jahr 2000 von Sotheby's für 4,9 Millionen Pfund brutto an einen amerikanischen Sammler vermittelt worden war: Nun zahlte ein Europäer am Telefon von Philip Hook 9,8 Millionen Pfund - Auktionsrekord für Matisse.

Beifall für Rodin

Zu Beifall ließen sich die knapp 500 Gäste im Hauptsaal und den zwei Nebenräumen jedoch nur beim zweiten Los des Abends hinreißen: ein Bronzeguss von Rodins kraftvoller „Iris, messagère des dieux“, der zu Lebzeiten des Künstlers ausgeführt wurde und von dem sich fünf der sieben existierenden Abgüsse bereits in Museen befinden, erreichte das Zehnfache der unteren Schätzung; ein amerikanischer Privatsammler zahlte 4,1 Millionen Pfund für die Plastik aus der Villa von Larry und Leah Superstein in Beverly Hills, in deren Provenienzliste auch Sylvester Stallone aufgeführt ist.

Ein in den vergangenen Monaten für einen osteuropäischen Sammler besonders aktiver Agent ersteigerte für 3,7 Millionen Pfund (Taxe 2,5/3,5 Millionen) schließlich das viertteuerste Los des Abends, mit einer unerfreulichen Vorprovenienz; denn Monets „Camille à l'ombrelle verte“ befand sich 1942 in der Sammlung von Hermann Göring. Nach der Restituierung wurde das Bild zunächst von Lawrence Rockefeller gekauft.

Achtzig Millionen Pfund Umsatz

Von 45 Losen wurden 37 verkauft, die meisten innerhalb oder knapp oberhalb der Schätzung - darunter auch das hochklassige Porträt einer schwarz gekleideten jungen Frau mit traurigen Augen, „Jeune femme (Totote de la Gaîté)“ von Modigliani aus einer deutschen Privatsammlung für 3,7 Millionen Pfund, das über Philip Hook am Telefon in dieselben europäische Sammlung vermittelt wurde wie zuvor Matisses Tänzerin. Insgesamt setzte das Haus Sotheby's an diesem Abend, der - wie schon die Prestigeveranstaltung bei Christie's - besonders auf russischen Geschmack zugeschnitten schien, etwa achtzig Millionen Pfund um.

Quelle: F.A.Z., 23.06.2007, Nr. 143 / Seite 43
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