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Eva und Franco Mattes : Unter Verdacht

  • -Aktualisiert am

Das sind museale Stücke: Eva und Franco Mattes zeigen in London Fragmente von Kunstwerken, die sie aus Ausstellungen entwendet haben.

          Die Objekte in dieser Galerie sind meist kaum größer als ein Fingernagel - und auch ästhetisch geben sie nicht viel her. Einzeln verpackt in kleine Plexiglas-Würfel und arrangiert in einer flachen Glasvitrine, geben sie Rätsel auf. An der Wand hängt eine Liste mit Schlüsselwerken der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts, jedem Teilchen ist ein Werktitel und Künstlername zugeordnet.

          Langsam dämmert es dem Besucher, dass es sich bei dem Inhalt des Schaukastens um Fragmente eben dieser berühmten Kunstwerke handeln soll. „Stolen Pieces“ - „Gestohlene Stücke“ nennt das Künstlerduo Eva und Franco Mattes diese Arbeit. Präsentiert wie Reliquien von den Beutezügen obsessiver Kunstanbeter, die zwischen 1995 und 1997 in Museen in Europa und Amerika stattfanden. Sie sind bis zum 18. Mai in der Werkschau des Paares in der Londoner Galerie „Carroll/Fletcher“ zu sehen.

          Bei diesem Tinguely fehlt etwas

          Neben dem Schaukasten zeigt ein Film Franco Mattes, wie er ein kleines Stück von Alberto Burris „Bianco Plastica“ von 1966, aus dessen Serie mit geschmolzenem Plastik, im Museo d’Arte Moderna in Bologna abbricht. Einen weißen Porzellansplitter wollen die beiden aus Duchamps berühmtem Ready-made „Fontaine“ von 1917 herausgebrochen haben, ein abgekratzter Farbklecks soll von Chagalls Gemälde „La Pluie“ kommen. Glauben wir ihnen das? Verschiedene Fäden sind legendären Bildern von Warhol, Kandinsky, Gilbert und George sowie Robert Rauschenbergs wegweisender Arbeit „Bed“ aus dem Jahr 1955 zugeschrieben. Ein Stück Blei kommt angeblich von Joseph Beuys, ein Metallring von Jean Tinguely.

          Bei manchen Werken sollte der Diebstahl kaum aufgefallen sein. Im Fall von Tinguely scheint jedoch - nach Fotos des Werkes davor und danach zu urteilen - ein gelbes Farbelement in seiner rostigen Metallkonstruktion sichtbar zu fehlen. Kaufen kann man nun Großaufnahmen dieser Fragmente auf Papier, für je 4000 Pfund pro Druck, und jedes Teilchen der attackierten Kunstwerke ist als Reproduktion ebenso viel wert. Der Preis des Schaukastens mit den Originalen allerdings ist nach Angaben der Preisliste „TBD“ - „to be determined“.

          Und täglich wechselt der Titel

          Man will den beiden in New York lebenden, 1976 in Italien geborenen Künstlern ihren Streich kaum abnehmen, besonders da sie sich in der Vergangenheit mit Arbeiten hervorgetan haben, die den Betrachter mit falschen Behauptungen in die Irre führen. Oft spielen in der ersten Entstehungsphase ihrer Kunstwerke die Reaktionen von Menschen außerhalb des Kunstkontextes eine wichtige Rolle, erst in einer zweiten Phase werden die wahren Umstände in einer Schau öffentlich gemacht. „Stolen Pieces“ wurde erstmals 2010 in der New Yorker Postmasters-Galerie gezeigt: nachdem die Straftaten verjährt waren. Sie lösten eine Debatte im Internet um die Legitimität des daraus resultierenden, appropriierten Kunstwerkes aus. Die Künstler selbst sehen ihre erste Gemeinschaftsarbeit jedoch als Tribut, der den in Kunstmuseen dahinvegetierenden Kunstwerken neues Leben einhauche.

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