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Unpainted : Etwas Materialisierung muss schon sein

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In München geht die Messe „Unpainted“ in die zweite Runde – nur digitale Kunst, keine Malerei und auch keine Galerien.

          Riesenameisen krabbeln über große runde Screens, über die Wand, die Sängerin, die gesamte, von elektronischem Sound überklirrte und von bunten Lichtscheiben durchglühte Installation. Im rauhen Industriecharme eines abgewrackten Heizkraftwerks, dem MMA (Mixed Munic Arts), wirkt die Performance von Manuela Hartel und Lorenz Schuster wie von einem anderen Stern. In der Riesenhalle gastiert die junge Messe „Unpainted“, die mit solchen Live-Ereignissen die besondere Rolle performativer Komponenten in der digitalen Kultur unterstreicht.

          Im Jahr 2014 machte die neue Messe von sich reden, die ausschließlich „Medienkunst“ anbot. Für ihre zweiten Runde jetzt schärfte „Unpainted“ die Konturen, zu ihrem Vorteil. Die schwammige „Medienkunst“ flog aus dem Titel und der Halle und machte „digitaler Kunst“ Platz – computergenerierter oder vom Rechner beeinflusster Kunst. Auch Galerien gibt es nicht mehr; zwar wären einige gerne wiedergekommen, doch die starke Spezialisierung der Veranstaltung und die schwächelnde Marktlage der neuen Formen ließen viele abwinken. Die Abteilung Lab 3.0 der ersten „Unpainted“, in der Künstler in Eigenregie antreten konnten, avancierte zum Format der Messe. „Unter 300 internationalen Bewerbern haben wir vierzig ausgewählt“, sagt Annette Doms, gemeinsam mit dem New Yorker Kurator Nate Hitchcock verantwortlich für das Programm, „man könnte das eine kuratierte Verkaufsausstellung nennen.“

          Wenige Exponate konzentrieren sich so strikt auf den Bildschirm wie Ekin Onats graphische Erfassung getwitterter Reaktionen auf zwei Verbrechen an Frauen in der Türkei: Ein dicht verstricktes Linienknäuel um eine Vergewaltigung in Istanbul und das sparsame Netz um den „Ehrenmord“ auf dem Land sprechen Bände, in vieler Hinsicht. Oft streben die Künstler nach einem gewissen Grad von Materialisierung, bei den Sammlern ist Allzeit-dabei-Kunst auf dem Smartphone oder Tablet noch kein Verkaufsschlager. So überzeichnet Nora Renaud aus London auf Instagram gepostete Fotos mittels einer App und druckt sie aus. Dass die Resultate sich nicht nur verkaufen, sondern fotografiert in die Social Media wieder einspeisen lassen, dürfte Renaud doppelt gefallen. Als Pionierpaar der digitalen Kultur kennt das Künstlerduo Station Rose aus Wien die Szene seit 1988: „Früher lebten viele von uns nicht von ihrer Kunst, sondern von Professuren, die junge Generation bricht aus der Theorielastigkeit aus und geht mehr ins Physische.“ Auch Station Rose liefert als multimediale „Audio-Visuelle Band“ live Performances und verstofflicht netzgenerierte Bilder (von 2000 Euro an; Gesamtinstallation 30000 Euro).

          Hölzerne Öko-Rechner

          Trotz fast klassischer Anmutung wären ohne Computer weder die Skulptur aus farbigen Leuchtkurven realisierbar, die Susanne Rottenbacher um einen alten Heizkessel drapiert, noch Stefan Saalfelds schrille Neuschöpfungen aus dem Bildervorrat der Moderne. Zu schweigen von Birthe Blauths interaktiven Geschenke-Überreichern, die auf Entscheidung ihres realen Gegenübers hin tätig werden (Auflage3+2AP; 17000 Euro). Und da ist ein Mückenjagd-Videospiel im hölzernen Öko-Rechner, am Stand des VTSalon aus Taiwan: Neben der virtuellen Jagd ginge es im angeschraubten Kasten real zur Sache, wenn denn schon Mückensaison wäre.

          Standmieten bleiben den Künstlern erspart, das Start-up-Projekt ist privat finanziert. Es gibt einen Zuschuss der Stadt, Eintrittsgelder sollen Kosten decken, und mit vierzig Prozent wird die Messe an Verkäufen beteiligt. Bleibt ein Loch, springt mit dem Unternehmer Benedict Rodenstock einer der Gründer von „Unpainted“ ein. Im April startet in Brüssel eine zweite Ausgabe, dort im herkömmlichen Messe-Modus mit Galerien.

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