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Veröffentlicht: 31.12.2012, 06:23 Uhr

Ein Prachtmanuskript von Colard Mansion Die Sonne straft den Mond

Es gibt Bücher, die darf man nur lieben, wenn man es sich leisten kann: Die Bilderhandschrift „Streitgespräch der Geschöpfe“ gehört dazu. Heribert Tenschert bietet sie jetzt an.

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Er hat Bücher gemacht, die ein Vermögen kosteten und die sich nur die wenigsten Menschen leisten konnten. Und wie so mancher seiner Zunft hat er sich, getrieben vielleicht mehr noch vom eigenen Anspruch als von den Wünschen seiner illustren Kunden, mit seinen Projekten am Ende ruiniert. Colard Mansion, eine der schillerndsten Figuren in der Bücherwelt des späten 15. Jahrhunderts, hat zwischen 1476 und 1484 vierundzwanzig Bücher gedruckt und überdies noch Aufträge als Schreiber angenommen.

Hubert Spiegel Folgen:

Weil er Schulden nicht bezahlt hatte, wurden zwei Werke aus seinem Besitz 1486 konfisziert. Er war der erste, der Bücher fertigte, die nicht mit Holzdrucken, sondern mit den weitaus aufwendigeren Tiefdruckplatten des Kupferstichs illustriert waren. Er war, wie Eberhard König in seiner vorliegenden Studie schreibt, „ein schlechter Figurenmaler, aber ein genialer Rankengestalter“, den schiere Geldnot zur Flucht veranlasste, während sein Mäzen und Auftraggeber Lodewijk van Gruuthuse tatsächlich in Haft geriet und sogar um sein Leben fürchten musste.

Denn Gruuthuse war Seigneur de Bruges, also der Herr von Brügge. Als ihm im Krieg um die Stadt das Missgeschick widerfuhr, den Kürzeren gegen die Belagerer zu ziehen, bewahrte ihn wahrscheinlich nur seine Zugehörigkeit zu einem besonders exclusiven Verein vor dem Tod: Gruuthuse gehörte dem höchsten burgundischen Orden an, er war Ritter vom Goldenen Vlies. Und in das Reich der Mythen und Fabeln verweist auch das Buch, das Mansion 1482 für Gruuthuse übersetzt hat: „Dialogus creaturarum“, die „Zwiesprache der Geschöpfe“.

Zwei Himmelskörper im Gespräch

Es gibt verschiedene Fassungen, Übersetzungen und Ausgaben dieses faszinierenden Werkes, aber Colard Mansions Bilderhandschrift von 1482 ist besonders prachtvoll. Sie hat 148 Blätter, die 121 Miniaturen zeigen, die von zwei Meistern aus Brügge angefertigt wurden. Die beiden Frontispize verweisen auf die „Welt des Büchermachens“. Das erste zeigt die Dedikationsszene: Ein burgundischer Adliger nimmt im Kreise seiner Ratgeber aus den Händen eines vor ihm Knienden das Buch entgegen, dessen Entstehung das zweite Frontispiz zeigt.

Auf einem thronartigen Sessel sitzt der Autor, gekleidet in einen langen pelzgefütterten Rock, und blättert, die Schreibfeder hinters Ohr gesteckt, in einem großen Band. Die linke Hand hat er gestikulierend erhoben. Er scheint zu sprechen, vielleicht diktiert er den Schreibern, die auf der anderen Seite des Raumes in ihre Arbeit vertieft sind. Zwischen ihnen, im Ausschnitt der großen Fensteröffnung, erzählt das Frontispiz bereits vom ersten Dialog des Traktats, der zwischen Sonne und Mond geführt wird. Der Mond erhebt sich gegen den größeren Himmelskörper und wird von der Sonne zu seiner ewigen Wechselgestalt verdammt.

Ein Primat als abgelenkter Schreiber

Aber nicht nur die Gestirne sprechen in diesem Buch, sondern auch Tiere und sogar unbelebte Gegenstände wie Steine. Der Traktat besteht aus 122 Dialogen, die nach Art der Fabel von lehrreichen Begebenheiten handeln, die oft in moralisierende Merkverse münden. Da gibt es den Gerfalken, der ins Kloster eintreten will, sich die Sache jedoch anders überlegt, als er von den dort herrschenden strengen Regeln erfährt. Ein Krokodil streitet mit einem Neunauge. Ein Loup de Mer durchschaut einen heuchelnden Hahn.

Ein Untier mit Drachenkopf und Fischleib, ein sogenannter Meereshund, muss im Alter für seinen früheren Geiz büßen. Ein eitler Lindwurm will einen Edelstein dazu verführen, sich als Schmuckstück auf die Stirn des Geschöpfes zu setzen. Ein Affe ist zwar ein vorzüglicher Schreiber, aber mit seinen Gedanken so oft nicht bei der Sache, dass er schließlich keine Aufträge mehr bekommt. Bei einem Fest der Fische beansprucht ein Karpfen den höchsten Rang und löst damit einen Streit aus. Eine Forelle will schlichten und schlägt einen Delphin als Richter vor. Der Delphin kommt herbei, erklärt sich jedoch als Meeresbewohner für unzuständig. Dann verspeist er die Streitenden allesamt.

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Bei all diesen Dialogen, deren Moral sehr oft erst im Kommentar offenbar wird, ist der Autor in der Miniatur dargestellt. Es ist seine Perspektive auf die Dinge, die hier entscheidet. Colard Mansion hat für seine Übersetzung des aus Italien kommenden lateinischen Textes zwei Kodizes erstellt, die er in Brügge ausmalen ließ. Ein Exemplar, das heute in Wien liegt, war für einen bislang unbekannten Adressaten bestimmt. Das andere, das der Antiquar Heribert Tenschert jetzt anbietet (Preis auf Anfrage), dürfte mit größter Wahrscheinlichkeit Gruuthuse zugedacht gewesen sein. Tenschert hat die Bilderhandschrift vor zweiundzwanzig Jahren erworben, dann an einen bedeutenden Sammler verkauft und nach einigen Jahren wieder zurückgenommen, als den neuen Besitzer dasselbe Schicksal traf, dass sechshundert Jahre zuvor bereits Mansion getroffen hatte: Er liebte Bücher mehr, als er es sich leisten konnte.

Jetzt hat Eberhard König in der so kostbaren wie profunden Reihe „Illuminationen“ dem einzigartigen Manuskript einen Studienband gewidmet, der das Schicksal dieses Werkes ausleuchtet so weit dies nur irgend möglich ist. Vom weiteren Geschick Colard Mansions und seinem Ende wissen wir nichts. Seine Spur verliert sich mit seiner Flucht aus jener Stadt, in die dieses Buch jetzt zurückkehren sollte: Brügge.

Eberhard König: „Streitgespräch der Geschöpfe“. Das von Colard Mansion für Lodewijk van Gruuthuse übersetzte Fabel-Manuskript von 1482 mit 121 Miniaturen von zwei Brügger Meistern. Herausgegeben von Heribert Tenschert. Antiquariat Bibermühle, Ramsen. 352 S., geb. Abb.,160,- €.

Quelle: F.A.Z.

 

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