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Veröffentlicht: 10.01.2017, 12:28 Uhr

Documenta-Chefin Kulenkampff „Die Angst sitzt tief“

Vielerorts wird staatliche Zensur zur Normalität - das beeinflusst auch die Kunst. Documenta-Chefin Annette Kulenkampff im Gespräch über die Planung einer „Weltkunstausstellung“ in Zeiten wie diesen.

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© Picture-Alliance Sorgt sich um Zensur und strukturelle Einschränkungen der Kunst: Annette Kulenkampff

Frau Kulenkampff, im April eröffnet die Documenta in Athen, im Juni dann die Hauptausstellung in Kassel. Wie laufen die Vorbereitungen?

Ina Lockhart Folgen: Kolja Reichert Folgen:

Wir sind schon fast im Endspurt. Die Künstler sind eingeladen, und die Orte stehen mehr oder weniger fest. Wir sind jetzt in der Produktion der Ausstellungen mit den Künstlern aus aller Welt.

Wie schlagen sich die Ereignisse der letzten Monate in der Produktion der „Weltkunstausstellung“ nieder? Bekommen Sie die wachsende Zensur in Ländern wie der Türkei zu spüren?

Bei manchen Künstlern kommt es vor, dass sie angesichts der politischen Situation, die sich besonders in den letzten Monaten auch in Europa deutlich verschärft hat, einfach nicht mehr gefördert werden, weil private Geldgeber, vor allem Stiftungen, sich zurückziehen. Sie fürchten Repressalien, wenn sie sich für bestimmte Künstler und kritische Arbeiten engagieren. Die Angst und der Schrecken sitzen tief, wenn, wie in der Türkei, Verhaftungen und Folter wieder an der Tagesordnung sind oder wenn Theater- oder Institutsdirektoren plötzlich aus fadenscheinigen Gründen ihren Job verlieren, wie in Polen oder Ungarn. Man kann sich den Furor kaum vorstellen, mit dem gegen die Meinungs- und Kunstfreiheit vorgegangen wird.

Fallen damit bestimmte Künstler bei der documenta 14 aus?

Nein. Sie sind vom Künstlerischen Leiter Adam Szymczyk und den Kuratoren ausgewählt. Wir müssen trotz politischer Unterdrückung finanzielle Mittel und Wege finden, ihre Werke zu realisieren. Künstler würden nach und nach von der Bildfläche verschwinden, wenn es die Unterstützung der Institutionen nicht mehr gäbe. Deswegen dürfen wir uns gerade jetzt im Kulturbetrieb auf keinen Fall klein machen, sondern müssen Haltung zeigen.

Gibt es Künstler, die aus Vorsicht von einer Teilnahme absehen?

Aus Angst ist meines Wissens nach noch kein Künstler von der Teilnahme an einer documenta zurückgetreten. Nicht auszuschließen ist aber, dass die berühmte Schere im Kopf bei uns allen schon längst am Werk ist.

Auch die Wahlerfolge populistischer Parteien wie der AfD treiben Sie um. Warum?

In Mecklenburg-Vorpommern, wo die AfD im Sommer zweitstärkste Kraft wurde, setzt sie sich für deutsche Kunst in deutschen Museen und für die Bildung der kulturellen Identität durch Heimatliebe ein. Dass sich eine solche Partei für die documenta engagieren würde, deren sechzigjährige Geschichte auch für die Geschichte des deutschen Wiederaufbaus, der Entstehung Europas, der Öffnung hin zu einem globalen Diskurs über Kunst und Kultur steht und deren oberste Prämisse die künstlerische Freiheit ist, darf bezweifelt werden.

Wie würden Politiker denn konkret eingreifen können?

Indem sie ebendiese künstlerische und kuratorische Freiheit strukturell einschränken. Der Aufsichtsrat der documenta GmbH ist mit Vertretern der beiden Gesellschafter, der Stadt Kassel und des Landes Hessen, besetzt. Er übt keinerlei Einflussnahme auf das international besetzte Expertengremium aus, das die Leitung nach selbstgestellten Kriterien auswählt. Wenn dieses Prinzip angetastet würde, wäre die Idee der documenta gefährdet. Dann kann man sich durchaus die Frage stellen, ob und wie es mit der documenta weitergehen wird.

Was können Sie über das Programm verraten?

Viele der Werke der documenta 14 beschäftigen sich mit der Meinungsfreiheit und verschwundenen oder zwangsweise versteckten Texten, Bildern, Gedanken und Ideen. So auch das „Parthenon der Bücher“ der argentinischen Künstlerin Marta Minujín, die auf dem Friedrichsplatz in Kassel den Tempel der Akropolis aus 100 000 ehemals verbotenen Büchern nachbildet.

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Das Vorprogramm in Athen läuft bereits. Was wird dort geboten?

Bereits im September wurden die „Öffentlichen Programme“ der documenta 14 in Athen gestartet. In Kooperation mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ERT in Griechenland hat die documenta das Filmprogramm Keimena gestartet, das immer montags um Mitternacht eine Auswahl von Filmen zeigt, die die Themen der documenta 14 reflektieren. Außerdem wird seit Oktober im Goethe Institut in Athen eine Ausstellung zur Geschichte der documenta gezeigt, die in enger Zusammenarbeit mit dem documenta Archiv in Kassel entstanden ist.

Die Athener Kunstszene ist nicht durchweg begeistert, dass ausgerechnet Deutsche, die wegen der harten deutschen Linie in der Schuldenpolitik von manchen als Kolonialisten wahrgenommen werden, die Stadt mit diesem Programm bespielen. Wenn es heißt: „Von Athen lernen“, was bringt die documenta umgekehrt nach Athen?

Der Bürgermeister Giorgio Kaminis hat die documenta als ein „Geschenk für die griechische Hauptstadt“ bezeichnet. Von Anfang an waren die Hoffnungen groß. Dass es in der Kunstszene unterschiedliche Bewertungen gibt, ist nachvollziehbar und aus der langen Geschichte der documenta auch in Kassel bekannt. Fragen, Auseinandersetzungen, Gegenpositionen und Skandale hat die documenta immer provoziert. Mein Eindruck ist, dass die documenta auch in Athen als Seismograph für die internationale Kunst und für globale gesellschaftliche Fragen funktionieren kann. Im besten Fall bleibt in Athen etwas von dieser Erfahrung auch nach dem Ende der documenta 14 spürbar.

Rote Blitze, rote Linien

Von Daniel Deckers

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