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Diebstahl : Nur die Rasierklinge war Zeuge: Die üblen Geschäfte des E. Forbes Smiley III

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Als der Antiquitätenhändler im Juni die Beinecke Library der Yale University in Connecticut aufsuchte, wurde eine Bibliotheksangestellte wegen einer neben ihm auf dem Teppich liegenden Rasierklinge aufmerksam. Die Polizei fand in seiner Tasche mutmaßliches Diebsgut im Wert von mehreren hunderttausend Dollar.

          Auf einem Bild von Sempé würde die Welt der amerikanischen Gelehrten so aussehen: In einer hohen, altehrwürdigen Bibliothekshalle stehen Reihen von lederbespannten Tischen mit grünen Lampenschirmen über polierter Bronze und unendliche Regale mit Büchern und Folianten. In einer Ecke, ganz klein und froh, sitzt ein bebrillter Herr im Tweedjackett mit Fliege über einem aufgeschlagenen Buch. Mr. E. Forbes Smiley III, mit einem Namen so süß und vielversprechend wie Veilchenpastillen, hat der Idylle für immer einen schweren Knacks verpaßt. Neben ihm liegt eine Rasierklinge auf dem Teppich.

          Als der auf Landkarten und Atlanten spezialisierte Antiquitätenhändler im Juni die Beinecke Library der Yale University in Connecticut aufsuchte, wurde eine Bibliotheksangestellte wegen der Klinge am Boden auf ihn aufmerksam. Kurz darauf wurde er per Videoüberwachung dabei beobachtet, wie er vorsichtig eine auf 150 000 Dollar geschätzte Karte aus Gerard de Jodes Atlas „Speculum Orbis Terrarum“ heraustrennte, gedruckt in Antwerpen im Jahr 1578. Wie die „New York Times“ auf Seite eins berichtet, fand die Polizei eine fragile Landkarte des 17. Jahrhunderts in seiner Jacke und in seiner Aktentasche weiteres mutmaßliches Diebsgut im Wert von mehr als 700 000 Dollar.

          Die Wurmlöcher überführten ihn

          In dieser Woche beschäftigt sich eine zehnseitige Reportage im „New Yorker“ ganz genau mit der Geschichte: Von insgesamt acht Karten, die Smiley bei sich hatte, gehören neben der von Gerard de Jode noch drei weitere der Beinecke Library: Seltene Darstellungen aus den Büchern „North-West Fox“, publiziert in London 1635, und aus Captain John Smiths „Advertisements for the Unexperienced Farmers of New-England, or Anywhere“, London 1631, sind jeweils auf rund 50 000 Dollar geschätzt. Der Wert einer Weltkarte von Abraham Ortelius aus dem Jahr 1589 ist mit 78 000 Dollar beziffert. In einem Fall überführten Smiley die Wurmlöcher, die auf der Karte und dem Atlas übereinstimmten. Von den anderen vier Karten, die er bei sich hatte, wurden zwei als extrem überzeugende Faksimiles auf altem Papier identifiziert - eine Entdeckung, die bedeuten könnte, daß er vorhatte, nicht nur zu stehlen, sondern auch Originale durch Fälschungen auszutauschen. In solchen Fällen wäre das Fehlen der betreffenden originalen Karten angesichts der nur schwer überschaubaren Bestände wahrscheinlich nicht einmal bemerkt worden.

          Sechzig Jahre Haft

          Angesichts der Vorstellung der möglichen Verluste breitet sich in den Bibliotheken weltweit Gänsehaut aus. Forbes Smiley III bestreitet jegliche Schuld und beteuert, er habe nur seine eigenen Landkarten mit denen der Bibliothek vergleichen wollen. Er befürchtet nun zu Recht, daß die Institutionen ihm die Schuld für jede ihrer fehlenden Landkarten in die Schuhe schieben werden. Wer ihn kennt, der hat diese Woche beim Gerichtstermin in New Haven bemerkt, daß er um zehn Jahre gealtert und um zwanzig Pfund abgemagert wirkte. Allein für die genannten Diebstähle drohen ihm sechzig Jahre Haft.

          Das FBI ermittelt noch

          Währenddessen überprüfen Bibliothekare und Kuratoren, die Smiley als charmanten und beredten Besucher kennen, ob ihnen in Boston, Chicago und London ebenfalls Landkarten entwendet wurden. So kontrolliert auch die New York Public Library, die seit 1898 eine separate Präsenzbibliothek mit einer Sammlung von rund 400 000 Landkarten und 20 000 Atlanten aufgebaut hat, ob in den Bänden, die Forbes Smiley in den letzten Jahren zur Ansicht angefordert hat, Seiten herausgetrennt wurden. Da die Ermittlungen des FBI noch laufen, konnten sich die Zuständigen noch nicht zu möglichen Verlusten äußern, aber man ist erschüttert angesichts des Vertrauensbruchs.

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