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Sammlungsgeschichte : Die Wurzeln des Kulturgutschutzes

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Die Großherzogliche Gemäldegalerie Oldenburg war eine stolze Bildersammlung. Der Idealkatalog ihrer Bestände bis zur Zerschlagung 1918 ist auch ein Stück Kunstmarktgeschichte.

          Auch Sammlungen haben ihre Schicksale: Über Jahrzehnte, gar Jahrhunderte aufgebaut, gibt es manchmal ein einzelnes Datum, das über ihre Zukunft – über Erhalt oder Zerschlagung – entscheidet. Im Privaten ist es häufig eines der drei tragischen „D“, das eine vermeintlich auf Ewigkeit konzipierte Sammlung zu zersprengen vermag: death, debt, divorce, Tod, Schulden, Scheidung. Der Kunstmarkt kann ein Lied davon singen. In historischer Dimension sind es zumeist Krieg, Vertreibung und Revolutionen, die eine Sammlung zum Spielball des Zeitgeschehens werden lassen. Vor knapp hundert Jahren, nach der Absetzung der deutschen Monarchen nach dem Ende des Ersten Weltkriegs im November 1918, galt es, das Schicksal der deutschen Fürstensammlungen zu verhandeln: ein weit zurückliegendes historisches Datum, das indes bis in die Gegenwart Auswirkungen hat, die deutsche Museumslandschaft bis heute prägt – und nicht zuletzt den Auslöser für den Erlass des Kulturgutschutzgesetzes bildete.

          In einem zweijährigen, durch das Land Niedersachsen geförderten Forschungsprojekt ist das Schicksal einer solchen Sammlung, von ihrem Aufbau über die teilweise Zerschlagung bis in die Verästelungen des heutigen Kunstmarkts, am Beispiel der ehemals Großherzoglichen Gemäldegalerie Oldenburg untersucht worden. Die Ergebnisse liegen nun in einem voluminösen Band vor, der den Idealkatalog einer Sammlung bildet, wie sie bis 1918 existiert hat und die heute in alle Welt versprengt ist.

          Erfolgreich auf dem europäischen Kunstmarkt

          Um das Jahr 1800 hatte Herzog Peter Friedrich Ludwig (1755 bis 1829) begonnen, für die nordwestdeutsche Residenzstadt, die er klassizistisch ausbauen ließ, eine Gemäldegalerie aufzubauen. Nach einzelnen Erwerbungen bedeutender Altmeistergemälde war es vor allem der Ankauf der Sammlung des Malers Johann Heinrich Wilhelm Tischbein im Jahr 1804, der die Oldenburger Gemäldegalerie im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einer Sammlung von europäischem Format werden ließ.

          Der Goethe-Freund Tischbein hatte seine Sammlung zwischen Neapel und Eutin kenntnisreich zusammengestellt. Und auch wenn einige seiner hoffnungsfrohen Zuschreibungen, etwa an Raffael oder Holbein, aus heutiger Sicht belächelt werden, bildeten die Werke von Guido Reni, Mattia Preti, Lucas Cranach, Rubens, Rembrandt und van Dyck eine Sammlung, die alsbald große Anerkennung fand. Unter Peter Friedrich Ludwigs Nachfolgern wurde die Kollektion um bedeutende Gemälde von Ruisdael, Rubens, Rembrandt und zahlreichen Rembrandtschülern erweitert. Vor allem Großherzog Nikolaus Friedrich Peter (1827 bis 1900) agierte erfolgreich auf dem europäischen Kunstmarkt und erwarb zentrale Werke aus den Sammlungen Bartels, Castelbarco, Daigremont, Löhr und Quandt. Als Oldenburg auf der Auktion der Sammlung Schönborn 1867 in Paris als Käufer in großem Stil auftrat, konkurrierte man mit den Unterhändlern des Frankfurter Städels und der Berliner Gemäldegalerie. Im selben Jahr erhielt die Großherzogliche Gemäldegalerie mit dem Bau des Augusteums ein eigenes Museumsgebäude im Stil eines Florentiner Stadtpalasts; es war der erste Galeriebau in Nordwestdeutschland. Mit dem neuen Standort stieg die Prominenz der Sammlung; sie wurde in „Baedeker’s Handbuch für Reisende“ beschrieben, von Kunstfreunden bewundert und von führenden Kunsthistorikern wie Wilhelm Bode, Abraham Bredius und Gustav Friedrich Hartlaub wissenschaftlich bearbeitet und publiziert. Nach dem Ersten Weltkrieg wendete sich das Schicksal: Der letzte Großherzog Friedrich August (1852 bis 1931) wurde im November 1918 zur Abdankung gezwungen. Mit der Gründung des Freistaats Oldenburg wurden die Mobilien des ehemaligen Großherzogtums und somit auch die Gemäldegalerie dem Privatbesitz der herzoglichen Familie zugesprochen.

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