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Veröffentlicht: 01.01.2007, 12:08 Uhr

Die teuersten deutschen Auktionen 2006 Rote Pferde, gelbe Häuser und ein Schrank

Die deutschen Auktionshäuser sind diesmal zufrieden: Das Jahr 2006 brachte ihnen hohe Umsätze. Swantje Karich hat eine Liste der Top ten zusammengestellt. Die Villa Grisebach und Lempertz bestücken die Spitze.

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In diesem Jahr wurde der Wettstreit um das teuerste Kunstwerk in einer deutschen Auktion allein zwischen Berlin und Köln ausgetragen: den Auktionshäusern Villa Grisebach und Lempertz nämlich. Lempertz hat unter unseren Top ten also vier Plätze vorzuweisen, auf die Villa Grisebach entfallen sogar sechs.

Für die beiden führenden Häuser verlief das Jahr noch erfolgreicher als schon 2005: Damals meldete die Villa Grisebach den höchsten Umsatz seit ihrer Gründung 1986. Dieser Rekord ist nun, passend zum zwanzigsten Jubiläum, eingestellt: Erstmals gibt das Auktionshaus die Überschreitung der Vierzig-Millionen-Grenze bekannt. Überbieten kann diese Marge in Deutschland nur Lempertz: Dort setzte man nach eigenen Angaben 53 Millionen Euro um, das bedeutet eine Steigerung um fünfzehn Millionen Euro gegenüber dem Vorjahr - somit die erfolgreichste Saison für das Kölner Haus überhaupt. Vergleichen lassen sich diese Zahlen allerdings nur bedingt; denn Lempertz arbeitet wesentlich breiter mit mehr Auktionen als die Villa Grisebach, die sich auf moderne und zeitgenössische Kunst beschränkt.

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Teuerste Möbel-Versteigerung in Deutschland

Das Kunstgewerbe bot bei Lempertz die wirkliche Überraschung: Ein bisher unbekanntes französisches Kabinett aus dem Jahr 1884 avancierte mit 750.000 Euro (Taxe 12.000/15.000) zum teuersten Möbel, das je in Deutschland versteigert wurde (Rang 9). Das rund 2,3 Meter hohe Stück im japanischen Stil entstand nach einem Modell von Henry Pannier in Paris. Vorbild ist ein berühmtes Kabinett von Edouard Lièvre aus dem Jahr 1877, das sich im Musée d'Orsay in Paris befindet.

Als höchster Zuschlag des Jahres 2006 führt Heinrich Campendonks Farbexplosion „Rotes Bild mit Pferden“ von 1914 unsere Top-ten-Liste an: ein Auktionsrekord auch für den Künstler, bei bemerkenswerten 2,4 Millionen Euro. Der unbekannte französische Käufer stach nach und nach seine Konkurrenten aus: ein deutsches Museum, den Londoner Händler Richard Nagy und schließlich eine Pariser Galerie. Ein minutenlanges Ringen löste auch Max Liebermanns attraktives „Rondell“ im Wannseegarten (Rang 2) aus und trug so in der Herbstauktion mit „Ausgewählten Werken“ bei der Villa Grisebach zum hohen Umsatz bei: Allein während dieser sechs Jubiläums-Auktionen wurden Kunstwerke für mehr als 25 Millionen Euro verkauft. Ein süddeutscher Sammler am Telefon blieb bei Liebermann eisern; er behielt bei 1,9 Millionen Euro (400.000/600.000) die Oberhand und stellte so zugleich den deutschen Auktionsrekord für Liebermann auf.

Widerstand am Telefon

Das Starlos des Abends waren Lyonel Feiningers „Hohe Häuser IV“ (Rang 3) von 1919, die sich bis 1950 im Besitz der Familie Hess in London befunden hatten. Das Bild erwarb bei einem Zuschlag von 1,5 Millionen Euro ein amerikanischer Bieter im Saal, gegen harten telefonischen Widerstand. Auch der Platz für die teuerste Skulptur wird von der Villa Grisebach bestückt: Schweizer Handel wird als Käufer der Henry-Moore-Bronze „Working Model For Three Piece Reclining Figure: Draped, 1975“ (Rang 6) genannt, für die mit 820.000 Euro wenig mehr als die untere Taxe bewilligt wurde.

Bereits im Mai versteigerte Grisebach das teuerste Werk eines zeitgenössischen Künstlers in Deutschland in diesem Jahr: Gerhard Richters „Landschaft mit Wolke“ von 1969 (Rang 5) erzielte 900.000 Euro (800.000/1,2Millionen). Richter schafft es innerhalb einer Auktion gleich zweimal unter die teuersten zehn: Sein „Mao, Studie zu 48 Köpfen“ von 1971 erreichte Rang 10 mit dem Zuschlag bei 680000 Euro (250.000/350.000). Jüngeren Künstlern hingegen gelang in diesem Jahr noch nicht der Sprung in die Spitzenplätze. Schließlich behauptet sich auf Rang 8 der einzige Alte Meister: Salomon van Ruysdaels „Flusslandschaft mit Fähre und einem mit Vieh beladenen Boot“ wurde bereits im Mai bei Lempertz für 770.000 Euro (80.000/ 100.000) zugeschlagen.

Verdoppelte Vorjahresergebnisse

Doch nicht nur in Berlin und Köln blickt man zufrieden auf das Jahr zurück. Auch die Ergebnisse der anderen Auktionshäuser zeigen das Kapital, das auch in den deutschen Kunstmarkt fließt: So verbuchte Ketterer in München einen Rekord für das, aus Familienbesitz eingelieferte Gemälde einer „Kurtisane“ von Wladimir von Bechtejeff aus dem Jahr 1919; für den Akt bewilligte ein unbekannter Bieter 405.000 Euro. Insgesamt setzte Ketterer dieses Jahr achtzehn Millionen Euro um - und verdoppelte damit glatt sein Vorjahrsergebnis.

Bei Hauswedell & Nolte in Hamburg avancierte Lehmbrucks „Büste der Knienden (Geneigter Frauenkopf)“ von 1912/14 mit 590.000 Euro zum Spitzenlos. Neumeister in München feiert mit 5,5 Millionen Euro, die von der Versteigerung der Sammlung der „Freunde des Hauses der Kunst“ eingespielt wurden, ihr bisher bestes Einzelergebnis. Der Höhepunkt war hier Konrad Klaphecks „Der mütterliche Vater“ von 1977 mit 355.000 Euro, angesichts einer Schätzung von 30.000 bis 40.000 Euro. Van Ham in Köln schließlich verkündet einen Jahresumsatz von siebzehn Millionen Euro.

Quelle: F.A.Z., 30.12.2006, Nr. 303 / Seite 47

 

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